Kateřina Kovačková (Hg.): Mai 1945 in der Tschechoslowakei

  • Schicksale

Acht Frauen und zwei Männer, zwischen 1928 und 1940 in Nord- und Westböhmen, in Mährisch-Schlesien oder im Böhmerwald geboren, erinnern sich an ihr ganz persönliches Erleben des Jahres 1945. Weil sie damals Jugendliche oder Kinder waren, erinnern sie sich in Bruchstücken, die durch spätere Erlebnisse, umfangreicheres historisches Wissen und vor allem Familiennarrative und -legenden vielfach übermalt, verschoben und verschleiert wurden.

Kateřina Kovačková (Hg.): Mai 1945 in der Tschechoslowakei. Erinnerungen jenseits und diesseits der Grenze / Květen 1945 v Československu. Vzpomínky na jedné u druhé straně hranice (= Vertriebene – Integration – Verständigung. Themen & Impulse. Hg. von Rainer Bendel. Bd. 15). LIT Verlag Münster 2020, 191 S., ISBN 978-3-643-14766-0, € 19,90.
 

Kriegsende in Böhmen und Mähren

Acht Frauen und zwei Männer, zwischen 1928 und 1940 in Nord- und Westböhmen, in Mährisch-Schlesien oder im Böhmerwald geboren, erinnern sich an ihr ganz persönliches Erleben des Jahres 1945. Weil sie damals Jugendliche oder Kinder waren, erinnern sie sich in Bruchstücken, die durch spätere Erlebnisse, umfangreicheres historisches Wissen und vor allem Familiennarrative und -legenden vielfach übermalt, verschoben und verschleiert wurden.

Viele sind vertrieben worden, andere konnten bleiben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in Dörfern oder Marktgemeinden in sogenannten „kleinen Verhältnissen“ aufgewachsen sind, jedenfalls nicht in der Oberschicht und nicht in der Stadt. Ihre Geschichten seien „nur einige wenige Steine aus dem Mosaik der erzählten Zeit, doch sie sind in gewisser Weise für die damalige Zeit typisch“, schreibt die Herausgeberin, die 1981 in Pilsen/ Plzeň geborene Germanistin und Kulturvermittlerin Kateřina Kovačková.

Über die Entstehung der Texte ist zu lesen: „Die Herausgeberin und teilweise Autorin der Texte suchte den O-Ton des jeweiligen Zeitzeugen einzufangen, wollte die Geschichten möglichst unvermittelt, alleine sprechen lassen. Sie wollte, dass sie für sich selbst stehen, ohne die Gesinnung des Zeitzeugen glattzubügeln oder politisch-korrekt zurechtzukämmen“.

Ganz unterschiedliche Menschen lernt man kennen. Was sie berichten, ähnelt sich sehr. Die Grundstimmung des von Gewalt gezeichneten Jahres war die Angst: Angst vor Tieffliegern und Bombenflugzeugen, Angst vor Schießereien, Angst vor Verlusten aller Art. Mehr als 75 Jahre ist das nun her. „Das seien alles schon so alte Dinge“, heißt es einmal. „Man vergisst so viel, es fühlt sich beinahe so an, als ob es nicht das eigene Leben wäre (…)“.

 

Dr. Klaus Hübner