Radka Denemarková: Schokoladenblut
- Belletristik
Schleifspuren des 19. Jahrhunderts
Ein Zug fährt durch die Zeit. Es ist das 19. Jahrhundert. Und wir sind mittendrin. Die Grande Dame der tschechischen Literatur hat uns eingeladen. Sie führt uns von Station zu Station. Insgesamt 53 werden es am Ende sein. Diese Reise ist kein Kurztrip. Wir sitzen im Bummelzug alter Zeiten. Für jede Station bleibt reichlich Muße zu eingehender und fortlaufender Betrachtung.
Die Stationen stehen für drei Personen, die zwischen der Französischen Revolution und dem 1. Weltkrieg eine prominente Rolle gespielt haben und bis heute unser Denken und Handeln mitbestimmen. Da ist zum einen der Milliardär John D. Rockefeller, der aus Erdöl und Eisenbahn ein globales Imperium schuf. Zu ihm gesellen sich zwei Damen von herausragendem Rang in der europäischen Literatur und Gesellschaft. Beide lebten einen couragierten Kampf um weibliche Emanzipation und künstlerische Anerkennung. Beider Schicksale könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Die französische Schriftstellerin George Sand mischte die Pariser Literaturszene auf und wirbelte mit ihrem selbstbestimmten Auftritt die Männerwelt gründlich durcheinander. Ganz anders ihre tschechische Zeitgenossin Božena Němcová. Sie verlor diesen Kampf und musste ihn in Armut und Einsamkeit unter Hohn und Spott ihrer „patriotischen“ Landsleute bitter bezahlen.
An diesen drei Groß-Stationen macht das Züglein immer wieder kurz Halt, eine Szene wechselt schnell zur nächsten. Die Erzählerin füttert uns mit kleinen Häppchen, die sich nach und nach zum großen Dinner fügen. Unterwegs nimmt sie weitere prominente Künstler im Umfeld der Baronin Sand in der Blick, etwa Chopin, Liszt oder Flaubert. Auch macht sie uns bekannt mit der mutigen jungen Ida Tarbett, ein Opfer von Rockefellers ruinöser Monopol- und Verdrängungsstrategie. Sie mobilisierte mit ihrer unbestechlichen investigativen Publizistik den Präsidenten Roosevelt dazu, die bibelgestützte Mission und Machtgier des Unternehmers zu stoppen. Gleichzeitig geraten „Safran“-Männer in den Blick, die ihre begabten Frauen und/oder Geliebten aus der eigenen Schatulle fördern statt sie zu Küche und Kindern zu verbannen, gegen allen Klatsch und Tratsch, auch gerade ihrer Geschlechtsgenossinnen. Sind diese doch, konstatiert Denemarková, das größte Problem der weiblichen Emanzipation.
Alle diese Möglichkeiten, die sich stellenweise in Frankreich und England boten, bleiben der gleichgesinnten Barbora Němcová im Habsburgerreich des 19. Jahrhunderts verschlossen. In jungen deutsch-geprägten Jahren wird sie mit einem Beamten verheiratet, der sie „als tschechischer Patriot“ zwingt, tschechisch zu schreiben. In die traditionelle Hausfrauen- und vierfache Mutterrolle gedrängt, zunehmend verarmend, findet sie, von ihrem krakeelenden Ehemann beschimpft und als „Schreibernutte“ beleidigt, allenfalls in der Nacht Zeit für ihre Dorf- und Großmuttergeschichten. Ihre Befreiung und ihr Glück sucht sie bei wechselnden Männern. Vergeblich. Sie stirbt als Bettlerin und gesellschaftlich Geächtete. Weit und breit findet sich keine vaterlandsliebende helfende Hand. Erst als sie tot ist, feiern die tschechischen Patrioten sie als Großmutter der tschechischen Sprache und Nation. Radka Denemarková schildert Leben, Leiden und Sterben der Barbora Němcová so nüchtern wie eindringlich. So wird ihre ganze Bitternis besonders spürbar. Was hätte aus dieser jungen, begabten Schriftstellerin in Prag werden können!
Nach über 500 Seiten ist das Epochen-Züglein in der Gegenwart angekommen. Doch schaut die Reiseführerin aus dem Fenster, bemerkt sie allenthalben nur Schleifspuren des 19. Jahrhunderts. Gleichberechtigung bleibt für das weibliche Geschlecht weiterhin ein Traum, meint sie. Armut und Hunger, Němcovás ständige Begleiter, spiegelt sie im Statement eines tschechischen Nachwende-Präsidenten bei der Hirschjagd auf Schloss Lány, hungrige Künstler würden doch viel Besseres schaffen. Sie greift die aktuelle Klimadebatte auf, wenn sie die heutigen „Rockefellers der fossilen Energie“ aufs Korn nimmt. Sie warnt die Europäer vor der Wiederkehr eines großmäuligen selbstgerechten Patriotismus nach dem Muster des gescheiterten Wiener Reichstages von 1848.
Denemarková erweist sich einmal mehr als Meisterin klarer Aus- und Ansagen. Möge sie gehört werden.
Hans Jürgen Fink