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Niklas Zimmermann: Volksgruppe und Versöhnung

Das Wirken der Ackermann-Gemeinde steht im Zentrum des Buches von Dr. Niklas Zimmermann

Versöhnung – geschichtlich betrachtet

Sudetendeutsche Interessenvertretung und deutsch-tschechische Versöhnung – wie ließ sich beides verbinden? Diese Frage steht im Zentrum von Niklas Zimmermanns Studie. Der Historiker und Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verfolgt darin die Verbandsgeschichte von der Gründung 1946 bis zum EU-Beitritt Tschechiens. Im Mittelpunkt stehen der Wandel des Verhältnisses zur tschechischen Gesellschaft, die Reflexion der eigenen Vergangenheit und die Rolle im deutsch-tschechischen Dialog.

Die Untersuchung stützt sich vor allem auf das Archiv der Ackermann-Gemeinde (AG) und Verbandspublikationen. Die AG war von Beginn an durch markante Persönlichkeiten und dichte Netzwerke geprägt. Zimmermann rekonstruiert ihre Positionen und den Dualismus von politischer und geistlicher Führung. Ausführlich behandelt er das Verhältnis zur Sudetendeutschen Landsmannschaft. Während Vertreter der AG deren Ausrichtung anfangs mitprägten, gerieten sie in Phasen der Dominanz des Witikobundes zunehmend in Opposition zu deren Führung. Das Profil der AG wird an zahlreichen Beispielen sichtbar – von Sladeks früher Absage an Rache und Vergeltung bis zur Änderung der programmatischen Grundsätze 1970. Ein systematischer Vergleich mit der Seliger-Gemeinde und dem Witikobund wird allerdings nicht entwickelt. Weniger erfahren wir auch über biografische Prägungen und Kriegserfahrungen der Akteure, die spätere Debatten über Schuld, Verantwortung und Selbstreflexion verständlicher machen könnten.

Charakteristisch für die Studie ist Zimmermanns Bemühen, eine teleologische Deutung zu vermeiden. Die Positionen des Verbandes werden in ihrem historischen Kontext mit ihren Widersprüchen und Veränderungen dargestellt. Auch schwierige Fragen wie das „Recht auf Heimat“, der Holocaust oder das Münchner Abkommen spart er nicht aus. In einzelnen Punkten erscheint seine Bewertung jedoch fast zu kritisch. So scheinen die konstatierten „Vorbehalte gegenüber der repräsentativen Demokratie“ bei Hans Schütz (S. 34–35) nicht ganz überzeugend belegt.

Besonders interessant sind die Kapitel über die Kontakte in die kommunistische Tschechoslowakei. Im Rahmen der „Osthilfe“ vermittelte die AG Hilfe an die deutsche Minderheit und kirchliche Kreise in der ČSSR, streng von der Staatssicherheit überwacht. Zimmermann zeigt zugleich die Bedeutung des Katholizismus als Teil der Gruppenidentität und zunehmend als Brücke zur tschechischen Seite, etwa durch die Zusammenarbeit mit der Exilorganisation Opus Bonum.

Nach 1989 knüpfte die AG Kontakte zur Tschechischen Christlichen Akademie und gründete später ihren tschechischen Zweig in Prag. Zugleich zeigten die Gespräche in Marienbad die Grenzen religiöser Verbindungen bei politisch umstrittenen Fragen. Die AG engagierte sich daher verstärkt im politischen Dialog, etwa durch die Mitveranstaltung der Iglauer Symposien. Die Auseinandersetzungen um die „Beneš-Dekrete“ belasteten sogar das Verhältnis zur tschechischen Partnerorganisation, der Bernard-Bolzano-Stiftung, obwohl die AG vergleichsweise moderate Positionen vertrat.

Das Ende der Untersuchung mit dem Jahr 2004 wirkt etwas abrupt, zumal die Darstellung mitten in den aufgeheizten Auseinandersetzungen um die „Beneš-Dekrete“ abbricht. Sie endet in einem Moment, in dem längerfristige Ergebnisse des schwierigen Dialogs erst hervortreten konnten. Diese sind nicht allein in politischen Erfolgen zu suchen, sondern ebenso in dauerhaften persönlichen, kirchlichen und zivilgesellschaftlichen grenzüberschreitenden Beziehungen.

„Volksgruppe und Versöhnung“ ist eine grundlegende Synthese aus der Geschichte der Ackermann-Gemeinde und einem wichtigen Beitrag zur Erforschung der deutsch-tschechischen Beziehungen nach 1945. Zimmermann zeichnet eine Organisation nach, die ihr Verhältnis zur tschechischen Gesellschaft wiederholt korrigierte und neu zu bestimmen suchte. Zugleich stellt sich die Frage, ob gerade die religiöse Dimension der AG es ihr ermöglichte, langfristig tiefere Wurzeln im deutsch-tschechischen Raum zu schlagen als Gesinnungsgemeinschaften mit primär politischem Profil.

Mikuláš Zvánovec 
(Universität Königgrätz, Bernard-Bolzano-Gesellschaft Prag; Gekürzte Fassung der Rezension für ipsl.cz)

Niklas Zimmermann: Volksgruppe und Versöhnung. Die Ackermann-Gemein¬de als sudetendeutscher Verband und Akteur im deutsch-tschechischen Dialog (1946–2004). Veröffentlichun¬gen des Collegium Carolinum Band 152, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 2025, 312 Seiten, 1 Abb., ISBN 978-3-525-30352-8, 50,00 €.