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Michal Ajvaz: Die andere Stadt

Zeichen einer fremden Welt

In Prag schmökert ein Mann in einem Antiquariat nahe der Karlsbrücke. Er kauft ein Buch im Samtumschlag. Neugierig macht ihn, dass er die stachligen Buchstaben nicht lesen kann. Sie sind Zeichen einer fremden Welt. Um sie zu enträtseln, sucht er einen Wissenschaftler in der Universitätsbibliothek auf. Dieser hat  tatsächlich ein Buch mit solchen Schriftzeichen bereits in den Händen gehabt, ist dabei aber durch einen vom Petřín-Hügel heranrollenden Tsunami fast ums Leben gekommen. Seitdem hat er diese Spur nicht weiterverfolgt. Er kennt aber dunkle Ecken, die in tiefe Gänge mit Bücherregalen führen. Und er hat von Kollegen gehört, die dort hinein gegangen, aber nie mehr zurückgekehrt sind.

Dies ficht unseren Helden freilich nicht an. Es steigert vielmehr seinen Tatendrang, das Zentrum der Welt zu finden, aus der das Buch stammt. Damit nimmt die groteske Odyssee ihren Lauf. Sie beginnt auf dem schneebedeckten Petřín. Dort öffnet eine Luke den Blick in einen unterirdischen Dom, wo ein Priester eine verwirrende Predigt hält, umgeben von Glasskulpturen, gefüllt mit Wasser und räuberischem Meeresgetier. Tags darauf sitzt der Erzähler mit seinem Buch im Kleinseitner Cafe, rätselt über Dom und Predigt, als ein Mann ihn beschwört, sich sofort von dem zersetzenden Gift der fremden Buchstaben zu lösen. Bevor er enden kann, packen ihn zwei Männer in eine Tram aus grünem Marmor, die mit ihm verschwindet.

Die grüne Tram dient dem Autor als zugleich reales wie surreales Vehikel bei seinen Grenzwanderungen. Imagination und Realität durchdringen einander. So existieren die Prager Gassen und Plätze, die der Erzähler präzise beschreibt, auf beiden Seiten der (Bewusstseins-)Räume und verbinden sie miteinander. Eine Doppelexistenz führen auch Personen, die er unterwegs trifft: So der Kellner im Bistro am Pohořelec. Er ist u.a. der Hohe Priester aus dem Petřín-Dom. Oder seine Tochter Klára, die ihm verspricht, ihm die andere Welt zu zeigen: vom Turm des nahen St.-Nikolaus-Domes aus. Was ihn dort erwartet, ist ein Kampf auf Leben und Tod mit einem kolossalen Hai. 

Unser Held überlebt mit knapper Not, nur um sich in weitere Abenteuer zu stürzen. Auf dem Rücken eines Delphins fliegt er über die Altstadt-Gassen, landet auf der Spitze des Veits-Doms, wo Felix, ein weißer – und weiser – Vogel mit Entenschnabel, ihn von der Vergeblichkeit seines Tuns zu überzeugen versucht. Auf der Nusle-Treppe schließlich begegnet er dem gesuchten Herrscher über die andere Stadt: aber es ist nicht der vermeintlich stolze und mächtige Gott Darguz, sondern eine blassgrün schimmernde Gestalt im blutgefleckten Mantel mit dem ausgemergelten Gesicht eines gehetzten Fremdlings: Darguz, ein Gott des Leidens, auf dem Weg ins Nacht-Asyl.

Am Ende kehrt der Erzähler zurück in die Bibliothek, um von hier aus in das verborgene Zentrum der anderen Stadt zu gelangen. Er schlägt sich durch einen Dschungel vermodernder Bücher und Regale, findet eine Höhle mit einem Blech-Altar, vor dem ihm ein Greis erklärt, was bereits der Vogel Felix prophezeite: was er suche, könne er nicht finden. Es gebe kein absolutes Herrschaftszentrum, von dem alle Ordnung ausgehe. Als Racheengel angesichts dieser Blasphemie erscheint des Erzählers „alte Freundin“ Klára, die Darguz-Aktivistin, die ihn mit spitzem Schwert zu fassen sucht. Er entkommt in die Garderobe des Cafes Slavia am Moldau-Ufer.

Enttäuscht ist er nicht. Er hat verstanden, warum er in der anderen Stadt nicht akzeptiert wurde. Erst muss er sich vollends lösen von seiner eigenen Welt, ihren Gesetzen und Bevormundungen.
Ajvaz fordert den radikalen Bruch, den Abschied ohne Wiederkehr. Geschrieben unmittelbar nach dem Ende der bleiernen Jahre des Husak-Kommunismus mit ihren Denkverboten und Anpassungszwängen feiert der Roman die unantastbare Autonomie des Denkens, das absolute Recht auf Widerspruch, auch auf Irrtum, Niederlage und Exil. Der Blick hinter die (ideologischen) Fassaden ist so befreiend wie unentbehrlich für einen Aufbruch zu neuen Ufern. Er birgt jedoch Risiken und Gefahren. Die phantastischen Eskapaden durch Kafkas groteske Welt sind voll davon. Ajvaz hat sie mit grandioser Fabulierkunst vor Augen geführt. Diese Reise ist weniger ein Himmel auf Erden als ein Gang durch die Hölle. Kein Kapitel, das den Leser nicht um das Wohl und Wehe des Helden bangen ließe.

Hans Jürgen Fink

Michal Ajvaz: Die andere Stadt, aus dem Tschechischen von Veronika Siska, Allee Verlag München, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-911524-02-5, 27,00 €.