Gablonz - Mehr als ein Jahrhundert einer kleinen ehemaligen Weltstadt
- Geschichte
Die Stadt Neugablonz kennt fast jeder. Nach dem 2. Weltkrieg bauten die vertriebenen Gablonzer aus Nordböhmen mit ihrem mitgebrachten Know-how erneut eine erfolgreiche Glas- und Modeschmuckindustrie auf. Aber wo war der Ursprung dieses Erfolgs? Es ist erfreulich, dass im ehemaligen Gablonz an der Neiße der junge tschechische Literat Štěpán Kučera die Stadt seine Heimat nennt und im Buch „Gablonz – Jablonec“ die letzten 120 Jahre der Stadt mit kurzen Geschichten, Zeitungsartikeln und Zeitzeugenerzählungen in ein rechtes Licht setzt. Mit großer Wertschätzung für die Errungenschaften der Gablonzer, gleich welcher Nationalität, ist das Buch eine Liebeserklärung an die Stadt.
Glasbläser aus Sachsen besiedelten einst das Isergebirge und präzisierten die Glasproduktion. An beiden Hängen des Neißetales entstand die Stadt Gablonz, kunstvoll in die Geografie eingebettet. Mit Edelsteinnachbildungen aus Glas bis hin zu Perlen und Schmuck belieferte Gablonz im 19. Jahrh. nicht nur Europa, sondern die ganze Welt. Man nannte die Stadt das „österreichische Kalifornien“ oder auch das „Paris des Nordens“. Perlen und Glasreifen aus Gablonz waren in Amerika, Indien und Afrika gleich begehrt. Mit dem Handel der Glaserzeugnisse konnten unermessliche Gewinne erzielt werden. Neue Unternehmer siedelten sich an und um 1900 war die Stadt durch ihre Geschäftsbeziehungen eine Weltstadt geworden, wovon noch heute die prunkvollen Gebäude der Exportfirmen in der Gebirgsstraße zeugen. Wohlhabende Unternehmer ließen sich repräsentative Anwesen bauen, so dass viele Architekten in Gablonz ein architektonisch interessantes Stadtbild von Historismus, Jugendstil bis zum Funktionalismus, hinterließen.
Mit der Industrialisierung mischte sich zusehends auch die Bevölkerung. Trotz der Majorität der deutschsprachigen Bevölkerung, kamen tschechischsprachige Unternehmer, Handwerker und Arbeiter in die Stadt. Deutsche, Tschechen und Juden lebten und prägten die Stadt gemeinsam und durchlitten gemeinsam den Ersten Weltkrieg und darauffolgende Krisen.
Einige Erzählungen widmet Kučera auch Personen, die sich auf kuriose Weise in die Historie der Stadt einschrieben, so z.B. der Verein Schlaraffia mit seinen Rittern und der Neysseburg, wo sie ihre Ideale Kunst, Humor und Freundschaft pflegten.
Dass die Stadt von einer zauberhaften Mittelgebirgslandschaft umgeben ist, erfährt der Leser in einigen Geschichte. Ein Dorflehrer bestellt die ersten Skier aus Norwegen und lässt sie im Isergebirge nachbauen, damit seine Schüler auch im Winter bei Schnee die Schule besuchen können. Nicht fehlen darf natürlich der Schriftsteller Gustav Leutelt, in dessen Werken die Natur der tiefen Wälder und dort lebenden Menschen akribisch beschrieben wird.
Mit der Besetzung des Sudetenlandes bahnte sich der Abstieg an. Tschechische und jüdische Unternehmer konnten ihre Firmen zunächst in tschechische Orte verlagern, aber bald besetzten die Nationalsozialisten das ganze Land und die Industrie wechselte auf Kriegsproduktion.
Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg ist die große Zäsur. Die Stadt heißt jetzt Jablonec nad Nisou und es kommen nicht nur Tschechen aus dem Landesinneren, die die verlassenen Besitztümer einnehmen, sondern auch Heimatlose aus anderen europäischen Landesteilen, die eine neue Heimat suchen.
Der Aufbau des Sozialismus ist das Programm. Die einstige Schönheit der Stadt bröselt dahin. Noch einmal erlebt die Glas- und Schmuckindustrie in den 60er Jahren eine Blütezeit mit bedeutenden Ausstellungen, aber die Niederschlagung des Prager Frühlings bereitet auch dem ein Ende. Die Zeit der Normalisierung bis zur Wende liefert noch einige komische Begebenheiten. Und heute ist das Interesse der Gablonzer an der Geschichte der Stadt größer denn je.
Zum Glück haben einige Menschen die Geschichte auf ihre Weise bewahrt. Štěpán Kučera führt sie in seiner langen Quellensammlung auf, aus der er reichlich geschöpft hat.
Adriana Insel