Als Lothar Palsa gefragt wurde, ob er für diese Reihe ein Gespräch geben würde, wunderte er sich zunächst ein wenig: Warum gerade er? Wer jedoch auf die Geschichte der Ackermann-Gemeinde blickt, findet die Antwort schnell. Seit 1987 ist er ihr treu verbunden – nicht nur als engagiertes Mitglied, sondern über Jahrzehnte hinweg als hauptamtlicher Mitarbeiter, als verlässliche Stütze und stiller „Steuermann“ im Hintergrund.
Angefangen hat er in der Kartei, in einer Zeit, in der es in der Geschäftsstelle erst einen einzigen Computer gab. Später prägte er über viele Jahre die Arbeit der Diözesanstelle München-Freising: Veranstaltungen, Wallfahrten und Kulturreisen trugen seine Handschrift. Auch in der Buchhaltung, zuletzt für das Sozialwerk, war auf seine Sorgfalt und Verlässlichkeit stets Verlass. Eine besondere Verbindung hatte er zudem zum Rohrer Sommer, einem Kulturprojekt voller Musik – passend zu einem Menschen, der selbst Horn spielt und der Musik eng verbunden ist.
In unserer Gesprächsreihe stellen wir Menschen vor, die mit der Ackermann-Gemeinde auf besondere Weise verbunden sind. Bei Lothar Palsa zeigt sich diese Verbundenheit nicht in lauten Gesten, sondern in jahrzehntelanger Treue, Erfahrung und hilfsbereiter Präsenz. Im Gespräch blickt er auf seinen Weg zur Ackermann-Gemeinde, seine sudetendeutschen Wurzeln, prägende Begegnungen und viele Jahre gelebter Zusammenarbeit zurück.
Der Weg zur Ackermann-Gemeinde
MH: Hallo, Herr Palsa, willkommen. Danke, dass Sie gekommen sind und dass Sie mit mir sprechen möchten.
Zu Beginn habe ich eine kurze Frage an Sie: Wie sind Sie eigentlich zur Ackermann-Gemeinde gekommen?
LP: Zunächst herzlichen Dank für die Einladung zu diesem Gespräch. Ich war sehr überrascht, dass ich dafür ausgewählt wurde.
Ja, wie bin ich zur AG gekommen? Mein Vater war aktives Mitglied der AG in Passau. Nach Studium und Referendarzeit arbeitete ich kurz bei einer Versicherung im Gebiet des Bayerischen Waldes. Irgendwann sah ich im Mitteilungsblatt der AG eine Anzeige, in der eine Stelle für einen Sachbearbeiter oder eine Sachbearbeiterin ausgeschrieben war. Daraufhin habe ich mich beworben und bin so zur AG gekommen.
Sudetendeutsche Wurzeln und erste Begegnungen
MH: Sie haben eine sudetendeutsche Herkunft – wie hat sich das auf Ihr Leben ausgewirkt?
LP: In der Familie wurde viel erzählt. Meine Eltern und auch meine Großmutter haben viel über ihre Erlebnisse in der Heimat berichtet. Schon früher, als Kind oder Jugendlicher, habe ich manchmal an Veranstaltungen der AG teilgenommen. Jedes Jahr gab es zu Allerheiligen einen Gedenkgottesdienst in der Kirche St. Severin in Passau, den ich damals oft besuchte.
Irgendwann sah ich eine Einladung der Jungen Aktion -des Jugendverbandes der Ackermann-Gemeinde- zur Winterwerkwoche zu Silvester 1971/72. Mein Vater hat mir geraten bzw. vorgeschlagen, daran teilzunehmen. Das war meine erste Tagung bei der Jungen Aktion.
Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt. Ich bin dann der Jungen Aktion beigetreten und habe in der Folgezeit auch sehr oft an Ostertagungen im Kloster Rohr teilgenommen. Später kam ich dann zum Hochschulring, dem Studentenverband der AG.
Da war ich dann Mitglied des Hochschulrings. Dieser wurde damals von Fritz Plucha organisiert, der zu dieser Zeit bei der AG als Jugendbildungsreferent arbeitete. Es gab theologische Seminare in Passau und auch andere Treffen.
Außerdem gab es noch vor der Wende zwei Studienfahrten: einmal nach Prag und einmal nach Polen. Dies waren schöne Erlebnisse.
MH: War das ein Teil der Jungen Aktion?
LP: Das war die Gruppe des Hochschulrings. Der Hochschulring hatte sich ja in den 1950er-Jahren gegründet, und während der Studienzeit habe ich daran teilgenommen. Später war ich nicht mehr bei der Jungen Aktion.
Böhmische Musik, Literatur und Kultur
MH: Haben Sie einen Bezug zur tschechischen Musik oder Kultur generell?
LP: Ja, ich hatte immer schon Interesse an tschechischer Musik, auch an klassischer Musik und an tschechischen Komponisten. Ich habe mich auch manchmal mit ihrem Leben beschäftigt. Es gibt ein umfangreiches Werk von Michael Komma, „Das böhmische Musikantentum“, in dem er sehr ausführlich über böhmische Komponisten schreibt.
Ich habe auch gerne böhmische Blasmusik gehört, zum Beispiel von Ernst Mosch, der ja der bekannteste Dirigent für die böhmische Blasmusik ist. Und vor allem: Ich spiele als Hobby Horn. In Tschechien bzw. in Böhmen gibt es sehr umfangreiche Musikliteratur von Komponisten für Horn – für Horn solo und Hornkonzerte.
Auch Literatur hat mich sehr interessiert. In meinem Bücherregal zu Hause stehen einige Autoren, zum Beispiel Jaroslav Seifert, Hrabal, Hašek und Jan Neruda. Auch die Theaterstücke von Václav Havel habe ich früher schon einmal gelesen und behalte sie weiterhin im Blick. Die böhmische Kultur interessiert mich also weiterhin.
Ich bedauere auch, dass in den Medien, in den bayerischen Medien, der Blick über die Grenzen nach Osten, auf das kulturelle Schaffen in der Tschechischen Republik, nur sehr selten gerichtet wird. Man hört darüber sehr wenig in den Medien.
MH: Haben Sie vielleicht versucht, die Bücher im Original zu lesen, oder lesen Sie sie nur auf Deutsch, in Übersetzung?
LP: Ich lese sie nur in Übersetzung.
In den ersten Jahren habe ich an der Münchner Volkshochschule einmal vier Semester lang einen Tschechischkurs besucht, was sehr viel Spaß gemacht hat. Aber diese Kenntnisse haben nicht ausgereicht, um Literatur im Original zu lesen. Ich habe einige Werke zu Hause, die relativ leicht zu lesen sind.
Von der Kartei zur Diözesanstelle
MH: Sie waren lange bei der AG angestellt. Was haben Sie alles bei der AG gemacht?
LP: Ich fange vielleicht von Beginn an: Aschermittwoch 1987 war mein erster Arbeitstag bei der AG. In der ersten Zeit war ich in der Kartei tätig und kümmerte mich um das Familienbuch für das Mitteilungsblatt.
Nebenbei hatte ich auch für den Hochschulring die Geschäftsführung inne und organisierte Tagungen für den Hochschulring, dessen Mitglied ich ja zur damaligen Zeit selbst gewesen war. Dazu gehörten unter anderem theologische Seminare oder Ostertagungen während der Karwoche in Ettal, zusammen mit Pater Angelus Waldstein..
Auch deutsch-tschechische Studentenbegegnung in Příbram, haben wir einmal organisiert. Inhaltlich ging es bei der Arbeit im Hochschulring um gesellschaftspolitische Themen, europäische Themen oder auch um Fragen zur Kirche und zur Religion.
Anfang der 1990er-Jahre löste sich diese Gruppe dann auf; der Hochschulring ging in die Junge Aktion über. Die Studierenden waren dann ebenfalls in der Jungen Aktion.
1993 wurde ich Diözesansekretär für die Ackermann-Gemeinde in München. Damals befand sich das Büro noch oben im dritten Stock des Hauses.
Veranstaltungen, Wallfahrten und Kulturreisen
Natürlich gab es einen ganzen Katalog von Veranstaltungen, die damals im Jahresprogramm standen. Im Januar oder Februar fanden etwa Kulturseminare statt, bei denen auch Familien dabei waren: in Josefsthal am Schliersee, eine Zeit lang auch zwei- oder dreimal in Garmisch und zum Schluss mehrere Male im Kloster Bernried am Starnberger See.
Es gab politische Wochenenden, die von Freitag bis Sonntag dauerten, in Brannenburg; außerdem Einkehrtage und Münchner Sonntagsveranstaltungen, auch gelegentlich außerhalb Münchens.
Es wurden auch Gottesdienste, Wallfahrten und Studienfahrten veranstaltet. Zunächst habe ich Fahrten nach Böhmen, in den Böhmerwald, selbst organisiert, mit Vorausfahrten. Später habe ich dann mit dem Reisebüro Reinhard Otte aus Bad Endorf zusammengearbeitet.
Wir haben viele Fahrten nach Tschechien, nach Polen, nach Schlesien, Slowenien, in die Slowakei und nach Ungarn durchgeführt, aber auch einmal nach Straßburg ins Europäische Parlament.
Prägende Begegnungen vor der Wende
In diesen Jahren hatte ich auch die Gelegenheit, zusammen mit dem Generalsekretär Franz Olbert einmal nach Prag zu fahren. Wir besuchten damals Kardinal Tomášek in seiner Erzbischöflichen Residenz sowie den Theologen Oto Mádr und führten Gespräche mit ihm. Das war ein sehr schönes Erlebnis.
MH: War das noch vor der Wende?
LP: Das war kurz vor der Wende, ja.
Kurz vor der Wende konnte die AG eine Gruppe von Studentinnen und Studenten aus Tschechien, aus der damaligen Tschechoslowakei, einladen. Diese Gruppe konnte ich damals begleiten, und wir haben Sehenswürdigkeiten in Bayern besucht. Unsere Unterkunft war im Jugendhaus Josefsthal am Schliersee. Wir besuchten gemeinsam das Kloster Ettal und das Schloß Linderhof. Damals war auch Pavel Svoboda dabei, der später Europaabgeordneter wurde und seit einiger Zeit als Botschafter beim heiligen Stuhl tätig ist.
Von Zeit zu Zeit, etwa alle zwei Monate, fand auch die Sitzung des Diözesanführungskreises statt. In den 1990er-Jahren übernahm ich dann die Aufgabe, Informations- und Aufbauwochen für Spätaussiedler, für Russlanddeutsche, zu organisieren. Diese fanden unter anderem in Vierzehnheiligen statt, im Pfarrer-Hacker-Haus bei Marktredwitz bzw. Wunsiedel und zum Schluss auch in Waldkraiburg im Haus Sudetenland – bis zu dem Zeitpunkt, als diese Veranstaltungen nicht mehr gefördert wurden.
In München habe ich dann zusammen mit der russlanddeutschen Seelsorge immer Begegnungen zur Vorbereitung auf Ostern und Weihnachten, also zur Fastenzeit und zur Adventszeit, organisiert – mit einem religiösen Programmteil und auch mit einem Bildungsteil.
Als Angestellter der AG nahm ich außerdem an Bundestagungen der Ackermann-Gemeinde teil und half dort noch mit.
In den zurückliegenden Jahren war ich als Mitglied des Organisationsteams regelmäßig Teilnehmer an der deutsch-tschechischen Kulturwoche „Rohrer Sommer“.
Weiterhin verbunden – auch im Ruhestand
MH: Seit 2019 sind Sie in Rente. Ist das jetzt ein bisschen anders, oder sind Sie immer noch bei der AG tätig? Wie sieht das aus?
LP: Ich bin seit 2019 in Rente, arbeite aber noch zwei Tage in der Woche bei der Ackermann-Gemeinde. Ich habe die Buchführung des Sozialwerks übernommen, betreue die Stiftung Ackermann-Gemeinde und die Vortragsreihe „Literarisches Cafe“ und helfe bei allem, was im Büro anfällt.
MH: Sind Sie noch mit Personen aus dem Hochschulring in Kontakt?
LP: Eigentlich wenig. Ich komme nur sporadisch mit jemandem zusammen, der früher im Hochschulring war, etwa bei Bundestagungen der AG. Zuletzt habe ich sogar bei dem Begegnungstreffen in Pilsen noch ehemalige Mitglieder des Hochschulrings getroffen.
Aber ein regelmäßiger Kontakt besteht nicht.
Wünsche zum Jubiläum
MH: Und dann unsere letzte Frage: Was wünschen Sie der Ackermann-Gemeinde zum 80-jährigen Jubiläum?
LP: Dieses Jubiläum bietet eine gute Gelegenheit, den großen Einsatz und das wertvolle Wirken für Verständigung und Versöhnung zu würdigen – auch die große Hilfe für die verfolgte Kirche in der ČSSR vor der Wende.
Einen großen Anteil daran hatten auch die vielen engagierten Mitglieder in den Diözesen und in den Ortsgruppen. Ohne deren Arbeit hätte das große Wirken der Ackermann-Gemeinde nicht gelingen können. Ich wünsche der AG für die Zukunft, dass sie ihre wertvolle Arbeit für diese Verständigung weiterführen kann und dass ihre Stimme weiterhin gehört wird.
MH: Vielen Dank für das Gespräch. Ich freue mich auf die nächsten Jahre der Ackermann-Gemeinde.
LP: Gerne, danke auch.