Brücken bauen, Vertrauen schaffen
Im Rahmen unseres Projekts „Stimmen der Zeitzeugen“ haben wir mit Johannes Olbert über seinen Vater Franz Olbert und dessen langjähriges Engagement für die Ackermann-Gemeinde gesprochen. Im Interview erinnert er sich an seinen Vater als überzeugten Brückenbauer zwischen Deutschen und Tschechen und erzählt von Begegnungen, der Unterstützung von Kirche und Christen in der Tschechoslowakei während des Kommunismus sowie von den Werten, die Franz Olbert an die nächste Generation weitergegeben hat. Zugleich richtet Johannes Olbert den Blick auf die Zukunft der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit und der Ackermann-Gemeinde.
Interview: Markéta Homolová (ESC-Freiwillige), im Folgenden MH
Gesprächspartner: Johannes Olbert, im Folgenden JO
Im Text verwendete Abkürzung: AG = Ackermann-Gemeinde
Für die Veröffentlichung wurde das Gespräch redaktionell gekürzt und sprachlich bearbeitet.
MH: Herzlich willkommen und vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast.
Wie erinnerst du dich an deinen Vater? Welche Eigenschaften und Werte haben ihn als Persönlichkeit und in seiner Arbeit für die Ackermann-Gemeinde besonders geprägt?
JO: Er hat für die AG gelebt. Es muss etwas gegeben haben, was ihn angetrieben hat, was ganz tief in seinem Inneren verborgen war. Ich denke, es waren Krieg und Vertreibung, die er als Kind erlebt hat.
Und es hat ihn angetrieben, dass so etwas nie wieder passiert. Er ist katholisch erzogen worden. Er war von der christlichen Soziallehre überzeugt.
Also von den Werten Personalität, Solidarität und Subsidiarität. Und er hat diese Werte auch an uns weitergegeben. An uns als Jugendliche in der JAG.
Er war ein bescheidener Mensch, der eher im Hintergrund gearbeitet hat. Er hat Leute zusammengebracht, er hat Netzwerke aktiv gepflegt. Und er war ein diskreter Mensch.
Und diese Diskretion war vor allem in der Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, zur Zeit des Kommunismus, überlebenswichtig. Und zwar für seine Partner, mit denen er zusammengearbeitet hat, aber auch, um diese Projekte zu schützen. Hätte er das an die große Glocke gehängt, dann wären die Projekte gefährdet worden. Und auch die Menschen, die dafür eingestanden sind.
Ich habe ihn selbst als einen sehr versöhnlichen Menschen wahrgenommen. Jemanden, der immer den Kompromiss gesucht hat und gleichzeitig unermüdlich sein Ziel verfolgt hat. Und das hat er mit sehr viel diplomatischem Geschick betrieben. So habe ich ihn in Erinnerung.
Begegnungen im Verborgenen
MH: Gibt es besondere Erlebnisse oder Begegnungen mit Menschen aus Tschechien beziehungsweise der damaligen Tschechoslowakei, von denen dein Vater häufiger erzählt hat?
JO: Da muss man unterscheiden zwischen der Zeit vor der Wende und der Zeit nach der Wende. In der Zeit vor der Wende gab es ja keine offiziellen Treffen. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind einmal die Gelegenheit hatte, ihn nach Prag zu begleiten.
Das waren für uns Treffen mit Freunden, keine offiziellen Treffen. Es war aber auch ein bisschen konspirativ. Im Nachhinein hat sich oft herausgestellt: Das waren Treffen mit den bedeutendsten Menschen, damals eben noch aus dem Widerstand gegen das kommunistische Regime und später dann mit den führenden Köpfen der Tschechischen Republik.
Es gab viele Begegnungen, viele Menschen. Als Kinder hat uns das ohnehin wenig beeindruckt. Man hat diese Namen selbstverständlich mitbekommen.
Da sind Namen gefallen – von Staatspräsidenten, von Václav Havel, über Menschen des Widerstands, Otto Marder, Kardinal Tomášek zum Beispiel, aber auch von Botschaftern aus Deutschland und aus der Tschechischen Republik. Das war eigentlich ganz normal. Erst im Nachhinein, wenn man sich die Orden anschaut, mit denen er ausgezeichnet worden ist, kann man als Sohn die Lebensleistung umso mehr einschätzen.
Vielleicht ein Erlebnis, das ich hatte: Als jugendlicher Führerscheinneuling und damals aktiv in der Jungen Aktion gab es ein Bundestreffen bei der AG, und da war Karel Schwarzenberg eingeladen. Der müsste zu der Zeit wahrscheinlich im Kanzleramt von Václav Havel tätig gewesen sein. Ich war mit meinem Vater beim Empfang dabei.
Er hat Schwarzenberg begrüßt, und dann hat sich ergeben, dass sein Fahrzeug wahrscheinlich im Halteverbot oder irgendwie ungünstig geparkt war. Dann hieß es: Der Sohn parkt mal das Auto ein. Und dann gibt mir der Fürst seinen Schlüssel in die Hand. Das war eine persönliche Begegnung, damals als ganz junger Mensch, mit einer der Persönlichkeiten, mit denen er auch zu tun hatte.
MH: Auf welche Weise hat dein Vater, Franz Olbert, die Kirche und die Menschen in der Tschechoslowakei während der kommunistischen Zeit unterstützt?
JO: Es war die gesamte Arbeit der AG. Einerseits war es die Organisation, also ein Netzwerk in Kirche und Politik aufzubauen und im Westen Lobbyarbeit dafür zu betreiben. In der Tschechoslowakei hatte er Kontakte zu Priestern, zu Ordensleuten, später auch bis in die höchste Politik hinein.
Wie hat die Arbeit konkret ausgeschaut? Zur Zeit des Eisernen Vorhangs ist christliche Literatur transportiert worden, es sind Bibeln transportiert worden. Und zum Teil ist praktische Hilfe geleistet worden, zum Beispiel bei der Renovierung von Kirchen. Es wurde unterstützt, dass Begegnungsstätten gebaut worden sind.
Das war oft konspirativ. Ich kann mich erinnern, wir sind als Jugendliche einmal nachts über einen Grenzübergang gefahren. Da war meine Mutter auch dabei. Und für mich war das in meiner Wahrnehmung ein superkleiner, dunkler Grenzübergang. Wir sind dann vorbeigefahren, ich konnte die Situation nicht richtig wahrnehmen. Ich habe nur mitbekommen: Es ist eine sehr angespannte Situation. Mein Vater hat dauernd in den Rückspiegel geschaut, ob uns Autos folgen.
Das zeigt, wie am Anfang im Verborgenen gearbeitet worden ist. Die sogenannte Samizdat-Literatur ist da geschmuggelt worden, und man hat auf diese Art und Weise den Menschen vor Ort geholfen und versucht, das christliche Leben dort zu unterstützen.
MH: War dir damals bewusst, dass dein Vater von der tschechoslowakischen Staatssicherheit überwacht wurde? Wie ist er selbst mit dieser Situation umgegangen?
JO: Ich wusste das nicht so richtig. Ich kann mich erinnern, dass es in meiner Kindheit so Fragen von meinem Vater gab, ob wir so ein Klicken im Telefon hören. Zur Zeit des analogen Telefons gab es das noch. Und mich hat das als Jugendlicher nicht wirklich interessiert.
Ich habe mit meinen Freunden oder Freundinnen telefoniert, aber man hat die Nervosität wahrgenommen. Er hat mit uns Kindern darüber wenig gesprochen – oder mit mir wahrscheinlich auch –, um uns zu schützen und um seine Projekte zu schützen. Er hat uns da nie mit Details belastet. Aber ich weiß, es gab so eine Phase, da durfte er auch nicht in die Tschechoslowakei einreisen.
Es war eine spannende Zeit, aber er hat da viel von uns Kindern ferngehalten.
Vertrauen als Grundlage der Zusammenarbeit
MH: Welche Vorstellung hatte dein Vater von der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit? Was war ihm dabei besonders wichtig?
JO: Ihm war wichtig, am gemeinsamen Geschichtsbild zu arbeiten. An einem Geschichtsbild, das weitestgehend unverfälscht ist und frei von ideologischem Einfluss formuliert ist. Er hat dafür viele Gespräche mit Vertretern von beiden Seiten geführt.
Der Austausch, der Dialog war ihm da wichtig. Und durch diesen Dialog hat er sehr viel Vertrauen aufgebaut, auf beiden Seiten. Dieses Vertrauen hat ihm dann nach der Wende geholfen, mit den bedeutendsten Repräsentanten des Staates sofort Referenten und Gesprächsteilnehmer für Gesprächsformate wie die Bolzano-Stiftung oder die Iglauer Gespräche zu haben, die, glaube ich, jetzt Brünner Gespräche heißen.
So war es ihm wichtig, immer für ein Zusammenleben der Nachbarn, für ein friedliches Zusammenleben einzutreten.
Europa gemeinsam gestalten
MH: Was ist aus deiner persönlichen Sicht heute für die deutsch-tschechische Zusammenarbeit besonders wichtig? Wo siehst du weiterhin Aufgaben oder Herausforderungen?
JO: Ich glaube, es ist ein unermüdlicher Prozess, im Dialog zu sein und herauszufinden: Wir sind unterschiedlich sozialisiert. Das wird man merken, wenn man miteinander spricht. Und es geht darum, immer den Dialog aufrechtzuerhalten. Also herauszufinden: Was verbindet uns, was entzweit uns? Und auch weiterhin über diese Geschichtsbilder zu sprechen.
Ich glaube aber, es ist unglaublich wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass wir eine gemeinsame Verantwortung haben, Europa zu gestalten. Man muss sich mit der Vergangenheit beschäftigen, aber es geht darum, dass wir die Zukunft gemeinsam gestalten. Und wir haben alle die gleichen Herausforderungen in Europa.
Wir haben die Herausforderung, mit Populismus und mit Fake News umzugehen. Europa muss sich angesichts der Klimathemen transformieren und hat sehr viele soziale Themen zu lösen. Und das ist unsere Aufgabe, also vor allem auch eure Aufgabe als Jüngere.
Da kann ich mich jetzt aber auch nicht ganz ausnehmen. Es geht darum, dass wir Europa gestalten. Und ich denke, die Ackermann-Gemeinde, die JAG, verfügt über einen großen Schatz, nämlich über Mitglieder, die bereit sind, sich mit solchen Themen zu beschäftigen.
Und aus dieser generationenübergreifenden Arbeit, glaube ich, hat man sehr viel Erfahrung sammeln können, die wir jetzt nutzen können, um ein Stück weit Europa mitzugestalten. Und ich glaube, wenn wir den Fächer thematisch ein bisschen weiter öffnen, dann wächst auch ein bisschen die Zielgruppe, für die wir als Ackermann-Gemeinde, als JAG wieder interessant sind.
MH: Inwiefern hat die Arbeit deines Vaters dein eigenes Leben oder deine persönliche Perspektive beeinflusst?
JO: Ja, also manchmal war das nicht so einfach, den Beruf meines Vaters zu erklären. Wenn wir als Kinder mit Gleichaltrigen zusammen waren, wäre der Beruf eines Maurers oder eines Lokführers einfacher zu erklären gewesen. Mein Vater hat immer viel telefoniert.
Und ich habe mitbekommen: Ihm war der Dialog immer wichtig, und zwar der Dialog, bei dem beide Seiten gewinnen können. Und das kann ich ein Stück weit sogar in meinen Beruf mitnehmen, bei Projekten, mit denen ich mich beschäftige: dass ich versuche, mich immer in die gegenüberliegende Seite hineinzuversetzen, also einen Perspektivwechsel einzunehmen.
Das ist etwas, was wir alle nicht oft genug tun können: eigentlich die Perspektive zu wechseln und eine Situation einfach aus der Perspektive des Gegenübers zu beurteilen und dann gemeinsam auch eine Lösung zu erarbeiten.
Und vielleicht passt bei der Gelegenheit noch ein Gedanke ganz gut, der meinem Vater, glaube ich, sehr wichtig wäre, auch an dieser Stelle zu sagen: Wir sprechen hier viel über ihn. Er hat die ganze Arbeit in der AG nicht alleine gemacht. Er war sehr gut begleitet von vielen Freunden und Menschen, die diese Arbeit mitgetragen haben.
Er hatte meine Mutter, die ihn sicherlich als engste Beraterin immer begleitet hat. Aber natürlich waren da auch viele, viele andere Wegbegleiter. Man sieht hier in der Hauptstelle Fotos von den Menschen. Da sind Namen wie Herr Stingl, Schepka, Otfrid Pustejovsky, der auch schon interviewt worden ist, Hilde Hehl und viele, viele andere, die diese Arbeit auch mitgetragen haben, die uns alle geprägt haben, die auch mich geprägt haben und alle meine Freunde, die ich in der Jungen Aktion der AG habe.
Eine Vision für die Zukunft
MH: Was wünschst du der Ackermann-Gemeinde anlässlich ihres 80-jährigen Jubiläums für die Zukunft?
JO: Ich wünsche dem Verband eine Vision. Eine Vision, die die Menschen begeistert und zusammenführt. Wir haben als AG ein Spezifikum, bestehend aus einer Arbeit, die wir immer als Menschenrechtsarbeit gesehen haben: also Völkerverständigung, Einsatz für Minderheiten, Schutz und die Werte der christlichen Soziallehre – Solidarität, Subsidiarität und Personalität.
Und das sind Werte, die, glaube ich, auch in der heutigen – wir würden sagen – disruptiven Zeit, in der wir leben, eine unglaublich große Bedeutung haben.
Und ich wünsche mir, dass wir eine Vision für die Zukunft bauen können, die Menschen begeistert. Die dieses Thema vielleicht noch weiter nach Europa tragen kann, um so die Arbeit für die Mitglieder, aber auch für Geldgeber, für Finanzierungspartner einfach überzeugend darstellen zu können und damit dem Verband wieder ein Stück weit Wachstum einzuhauchen.
Das würde ich mir wünschen. Und wenn ich mir die jungen Leute anschaue, die mitarbeiten, dann bin ich optimistisch. Da ist so viel Power und so viel Begeisterung mit dabei, so viel Engagement, dass ich positiv in die Zukunft des Verbandes blicke.
Und ich wünsche uns allen dafür alles Gute.
MH: Vielen Dank für deine Worte und für deine Zeit.
JO: Habe ich sehr gerne gemacht.