„Versöhnung war von Anfang an unser Ziel.“
80 Jahre Ackermann-Gemeinde – im Gespräch mit Otfrid Pustejovsky
Otfrid Pustejovsky, 91 Jahre alt, Historiker und eines der bekanntesten langjährigen Mitglieder der Ackermann-Gemeinde, spricht im Interview über Versöhnungsarbeit, die Nachkriegszeit und die geistigen Ursprünge unseres Vereins: „Die Ackermann-Gemeinde hat sich von Anfang an um Versöhnung mit den tschechischen und slowakischen Nachbarn bemüht – und das ist uns zu einem großen Teil gelungen.“
Interview: Markéta Homolová (EVS-Freiwillige), im Folgenden MH
Gesprächspartner: Dr. Otfrid Pustejovský, im Folgenden OP
Im Text verwendete Abkürzung: AG = Ackermann-Gemeinde
Das Interview wurde in tschechischer Sprache geführt. Für die Veröffentlichung wurde das Gespräch redaktionell gekürzt und sprachlich bearbeitet.
MH: Herzlich willkommen. Ich habe eine einleitende Frage an Sie: Sie sind schon ziemlich lange dabei, wie würden Sie die Ackermann-Gemeinde kurz beschreiben? Wie würden Sie die AG zusammenfassen?
OP: Die Ackermann-Gemeinde hat sich von Anfang an um Versöhnung mit den tschechischen und slowakischen Nachbarn bemüht. Und sie war von Anfang an mehr oder weniger gegen die damalige Politik des Landsmannschaftsbundes, der von den radikalen Ansichten des Witikobundes beeinflusst war.
MH: Würden Sie sagen, dass eine Versöhnung gelungen ist?
OP: Zu einem großen Teil ja.
Es war zum Beispiel so, dass alle, die vor dem Kommunismus geflohen waren, hier willkommen waren.
Und die AG hatte dann eine Nachbarorganisation namens Opus Bonum. Einer der Gründer war Abt Opasek, der aus Tschechoslowakei geflohen war, als sie kamen und sagten, dass wir eine solche Organisation auf tschechischer Seite organisieren müssen, auch wenn wir hierher geflohen sind. Er stand dann vor einem kommunistischen Gericht. Zuerst sollte er die Todesstrafe erhalten, dann lebenslänglich, und schließlich gelang ihm 1968 die Flucht nach Deutschland. Und hier im Kloster Rohr waren ehemalige Benediktiner aus Tschechoslowakei, die ihn willkommen hießen. Und dann hatte die AG jedes Jahr ein Treffen in Rohr.
Dort trat zum Beispiel Karel Kryl auf. Ich habe ihn mehrmals gehört. Wir saßen die ganze Nacht im Keller und er sang dort Bratříčku, zavírej vrátka („Brüderchen, schließ die Tür“). Oder eine Gruppe, Plastic People of the Universe.
MH: Über die haben wir in der Schule gelernt :)
OP: Na ja, sehen Sie. Auf der ganzen Welt, besonders nach 1968. So wurden alle Möglichkeiten genutzt, um zu leben.
MH: Wie sind Sie persönlich zur Ackermann-Gemeinde gekommen? Wie war Ihr Weg zur AG?
OP: Meine Mutter trat etwa 1947 oder 1948 der Ackermann-Gemeinde bei, und kurz darauf kam auch ich mit ihr in Kontakt. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, etwa 1950 oder 1951 trat ich der Jugendorganisation Junge Aktion bei.
Wissen Sie, in der AG gab es sozusagen zwei Strömungen. Die Jugend, also wir Schüler der Mittelschulen, Studenten und dann die mittlere und ältere Generation.
Die ältere Generation lebte noch, sagen wir, in einer Art Illusion des Lebens der Ersten Republik. Aber auf jeden Fall sagten sie, dass wir Möglichkeiten für ein neues Zusammenleben mit unseren tschechischen Freunden finden müssten. Und sie benutzten immer ein Wort, mit dem unsere Generation nicht einverstanden war: die sog. Volksgruppe.
In der kommunistischen Ära sprach man in Tschechoslowakei von den sogenannten Sudetendeutschen, aber in Wirklichkeit gab es hier enorme Unterschiede. In Cheb, im Egerland, war die Denkweise beispielsweise ganz anders als bei uns in Mähren. Und die gemeinsame Denkweise Sudetendeutsche entwickelte sich meiner Meinung nach direkt durch die Vertreibung.
Denken Sie daran. Der erste Transport aus der Tschechoslowakei fand im Januar 1946 statt. Bereits vor dem ersten Transport saßen hier in München einigen Quellen zufolge sechs, anderen zufolge zwölf ehemalige christliche Politiker aus der Tschechoslowakei, die sagten:
„Was jetzt geschieht, können wir nicht mehr ändern. Aber wir können dazu beitragen, dass es in Zukunft zu einer Versöhnung kommt.
Wir gründen eine Gesellschaft, die sich in diese Richtung orientiert. Wie soll diese Gesellschaft heißen?“
Darauf kam der Augustiner, Pater Paulus Sladek, der sagte, dass es im 14. Jahrhundert in einer kleinen Stadt einen Schreiber gab, der ein großes Theatergedicht geschrieben hatte. Es handelte von einem Bauern, der seine Frau verloren hatte und gegen den Tod fluchte, weil er ihm seine Frau gestohlen hatte.
Und dann macht ihm der Tod ein Angebot. „Weißt du was: Wir beide – du, der Pflüger, und ich, der Tod – lassen uns vor Gott richten, und Gott muss entscheiden, wer Recht hat.“
Gott sagte: Gut, ich bin immer bei dir, und du, Bauer, musst warten, bis auch du eines Tages stirbst. Und dann wirst du deine Frau wiedersehen. Du und deine Frau werdet mir, Gott, sehr nahe sein. Fange an zu glauben, dass dies nicht nur ein Versprechen ist, sondern Realität werden wird.
Und so wie der Ackermann sich entschlossen hat, zu glauben und durchzuhalten, so sind auch wir im 20. Jahrhundert als Individuen und als Gemeinschaft auf der Ebene gläubiger Menschen in der Lage, zu leben, zu überleben und durchzuhalten. Und wir geben dieser Gemeinschaft den Namen „Ackermann-Gemeinde” [Anm. d. Red.: Der Name bezieht sich auf das Werk Der Ackermann aus Böhmen (auch bekannt als Der Ackermann und der Tod) von Johannes von Tepl, eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Literatur des Spätmittelalters und des frühen Humanismus.]
MH: Sie sprechen immer noch wirklich gut Tschechisch, wie haben Sie es geschafft, Ihre Muttersprache nicht zu vergessen?
OP: Das ist für Sie vielleicht schwer vorstellbar. Als Kind habe ich die sogenannte „Befreiung“ von Mährisch Ostrau erlebt und überlebt. Ich stand auf der Liste der Kinder, die an einen unbekannten Ort deportiert werden sollten. Ich war damals 8–10 Jahre alt und diese Erlebnisse waren so traumatisch, dass ich zu zittern begann, wenn ich das Wort „tschechisch“ hörte.
Später, nach dem Abitur 1954, als ich begann, Geschichte zu studieren, beschäftigte ich mich auch mit der Geschichte der tschechischen Länder – und so lernte ich die tschechische Sprache wieder. Nach dem Staatsexamen (in den Fächern Geschichte, Germanistik und katholische Theologie) setzte ich mein Studium der Slawistik fort – insbesondere der tschechischen Sprache, des Altkirchenslawischen – das gehörte dazu –, sowie der bayerischen Geschichte und der mittelalterlichen Geschichte.
Ich habe also zwei Studiengänge absolviert: einen pädagogischen für das Staatsexamen (Gymnasiallehrer) und einen zweiten für die Promotion. Alles begann an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ein Semester lang war ich auch in Wien und 1962 hatte ich ein Stipendium in den USA, ein Semester an der Universität in Chicago.
MH: Haben Sie dort auf Englisch studiert?
OP: Ja. Englisch gehörte als erste Fremdsprache zum Lehrplan des Gymnasiums. Außerdem gab es Latein und ein wenig Französisch. Ich beherrschte Englisch so gut, dass ich in den USA keine Probleme hatte, den Vorlesungen zu folgen.
Es gab auch eine interessante Episode: Bevor mir das Stipendium bewilligt wurde, kam ein Amerikaner zu mir und fragte mich, ob ich Hass gegenüber den Tschechen empfinde, was ich von Versöhnung halte und ähnliches. Und ich konnte immer positiv antworten. Natürlich hatten wir Angst, große Angst – stellen Sie sich eine solche Angst vor, wenn Sie nicht wissen, ob Sie in den nächsten fünf oder zehn Minuten noch am Leben sein werden. Aber ich habe nie Hass empfunden und empfinde ihn auch heute nicht. Dieses Wort gehörte nicht zum Wortschatz meiner Mutter und wurde bei uns zu Hause nicht verwendet, wir haben auch keinen Hass empfunden. Und ich war nicht einverstanden mit dem, was der Witikobund veröffentlichte und schrieb usw.
Für Sie vielleicht interessant: Seit den 60er Jahren bin ich fast jedes Jahr in die kommunistische Tschechoslowakei gereist. Ich hatte direkten Kontakt zu tschechischen Historikern – einige waren überzeugte Kommunisten, mit anderen habe ich mich angefreundet. Ich weiß nicht, ob Sie den Namen kennen: Bohumil Černý, vielleicht nicht.
MH: Das sagt mir etwas...
OP: Bohumil Černý leistete Zwangsarbeit im Dritten Reich, als er 1945 nach Tschechoslowakei zurückkehrte, war er verständlicherweise Kommunist. Die Kommunistische Partei wollte eine neue Tschechoslowakei aufbauen. Dann wurde er Historiker und bekam zufällig die Möglichkeit, in Mainz zu studieren. Dort traf er Deutsche aus dem ehemaligen Sudetenland und begann zu verstehen, dass das Bild der Vergangenheit, das er aus dem Kommunismus kannte, nicht korrekt war. Dass die Wahrheit anders aussah.
MH: Eine der Aktivitäten der Ackermann-Gemeinde während des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei war der Schmuggel verbotener religiöser Literatur. Wissen Sie mehr darüber?
OP: Ja. Hunderte von Büchern und Informationen gelangten auf verschiedenen Wegen nach Tschechoslowakei. Wir halfen auch indirekt, finanziell. Zum Beispiel wurde der Prager Weihbischof Malý mehrere Jahre lang finanziell mit Geldern der AG unterstützt. Oder auch andere. Es wurden nicht nur die verbliebenen Deutschen unterstützt, sondern jeder, der Hilfe brauchte, der von den Kommunisten unterdrückt wurde, bekam Hilfe.
Das war sehr schwierig. In den 60er Jahren kam in den USA die Idee auf, dass wir für einen besseren Kontakt die Hilfe des Vatikans brauchen. Und da war ein ehemaliger Professor der Universität Litoměřice, Prof. Rabas. Er organisierte für die AG eine Art kleine „Vertretung“ beim Vatikan. Er war dort wissenschaftlicher Leiter. Da er perfekt Tschechisch sprach, konnte er den Vatikan über die tatsächliche Situation in der Tschechoslowakei informieren. Auf der anderen Seite nutzte er geheime Möglichkeiten und Wege, um Materialien und Informationen zurück in die DDR zu transportieren.
Oft gelang es der StB jedoch, diese Wege aufzudecken und zu zerstören. Es war ein ständiges Risiko. In der Tschechoslowakei war es sehr schwer zu leben. Ich habe gesehen, wie mächtig die StB war – zum Beispiel gelang es ihnen, Professor Rabas bei geheimen Treffen mit Menschen aus der Tschechoslowakei direkt in Rom zu fotografieren.
MH: Die AG feiert dieses Jahr ihr 80-jähriges Jubiläum. Was würden Sie der AG zum Jubiläum wünschen? Was wünschen Sie ihr für die Zukunft?
OP: Erstens, dass sie in einer sich rasant verändernden Gesellschaft als Bindeglied zwischen der jungen und der nächsten Generation, insbesondere zwischen Bayern und Tschechien, erhalten bleibt. Und zweitens, dass sie sich an der Reform der katholischen Kirche beteiligt, die, wie Prof. Halík und andere Theologen hervorheben, insbesondere in Tschechien teilweise noch in theologischen Denkmustern des 19. Jahrhunderts verhaftet ist. Damit die AG und ihre jungen Mitglieder einen positiven Beitrag zur theologischen Reform der katholischen Kirche leisten können.
MH: Vielen Dank für das Gespräch!