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Ackermann… Ackermann… Erinnerungen eines Lehrlings

Albert Liertz, 93 Jahre alt, wandte sich im September dieses Jahres an unsere Geschäftsstelle mit dem Wunsch, einige seiner Erinnerungen an die frühen Jahre der Ackermann-Gemeinde weiterzugeben. Er war in den 1950er-Jahren im Münchner Verlag Christ unterwegs tätig, wo er auch P. Paulus Sladek begegnete und so am Rande die Aufbauzeit der jungen Ackermann-Gemeinde miterlebte. Sein persönlicher Bericht ermöglicht einen ungewöhnlichen Blick von außen.

Wie in jedem Jahr, so auch 2025 verteilt der Börsenverein des deutschen Buchhandels den Friedenspreis. Meinem Lehrberuf als Verlagskaufmann die Treue haltend, interessieren mich auch Geschehnisse der Heimatvertriebenen; Bücher gehören dazu. Das hat mich auf die Erzählung „der Ackermann aus Böhmen“ gebracht, obgleich ich aus   dem Schwabenland komme. So bin ich auf die kath. Ackermann Gemeinde in München gestoßen, ohne ahnend, dass dieser im kommenden Jahr ein Jubiläum feiert. Ich rief beim Verband in München an, stellte mich vor und sagte, dass ich ihn kontaktieren wolle. So kam ich zu diesem Beitrag. 

Anmerkung: Politik, andere Geschichten, wie Kriege sprengen den Rahmen, obgleich es Geschehnisse gab, dass mich der Krieg in Lebensgefahr hätte bringen können, ja sogar zeitweilig brachte.     

Ich wurde am 08. August 1932 als sechstes Kind des Buchhändlers Rudolf Liertz, verstorben 1941 und dessen Ehefrau Elisabeth Liertz, geb. Würzinger, in Aalen/ Württemberg. geboren.  Mein Vater, geboren 1889, stammte aus einer rheinländischen großbürgerlichen akademischen Familie. Meine Mutter, geboren 1899, wurde als oberbayrisches Bauernkind geboren und in einem Kloster Lyceum unterrichtet. Am 31.12.1922 heirateten sie. Als Kleinkind wurde ich von meinen Geschwistern umsorgt und hatte nur zu meinem Vater eine enge Bindung. Mein Vater ging als praktizierender Katholik sonntags mit seiner Familie in den Gottesdienst, was ihm viele Unannehmlichkeiten einbrachte.  In Erinnerung geblieben ist mir auch ein nächtlicher politischer NS-Fackelaufmarsch. Die Familie ist im Sommer 1938 nach München gezogen.                                                                                                                                                                                                                                                                       

Am 9. November 1938 wurden die Juden in der „Reichspogromnacht“ verhaftet, und ihrer Besitztümer beraubt. Es begann die Judenermordung, Deutsche haben Deutsche umgebracht.

1939 begann der 2. Weltkrieg, von der Naziregierung verschuldet. Damit war der Überfall auf Polen verbunden. Mein Vater wurde gleich als einjähriger Oberleutnant aus dem Ersten Weltkrieg eingezogen und zur Truppenausbildung in eine Kaserne in Traunstein rekrutiert. Mein Vati war Soldat, und wir als Familie freuten uns immer, wenn er auf Kurzurlaub nach Hause kam und ich voller Stolz mit ihm auf die Straße durfte. Dann wurde es von einem Tag auf den nächsten anders. Wir hörten nichts mehr von ihm. Der Russlandkrieg der Nazis begann. Mein Vater musste in den Osten. Zum Advent schrieben wir Geschwister an den Vater Briefe und packten warme Sachen zum Weihnachtsfest. Von unserem Vater hörten wir nichts. Wir feierten Weihnachten, Silvester und 1942 Neujahr. Meine Mutter und die älteste Schwester gingen am 09. Januar in das Deutsche Theater:  Paul Claudel, „der seidene Schuh“. Zu später Stunde brachte ein Briefträger einen blauen Umschlag. Für uns spät abends verwunderlich: Der Vater war tot. Unsere Mutter sank schneeweiß und stumm in einen Sessel, Geschwister schlichen aus dem Zimmer, die Kleinen standen bei der Mutter. Es war der 9. Januar 1942.

Mich hat es bis heute nicht in Ruhe gelassen, was meinen Vater gequält haben muss, als Quartieroffizier Schaden an der Zivilbevölkerung anrichten zu müssen. Der Vater war   schon im ersten Halbjahr des Russlandkrieges an Fleckfieber am 16. Dezember 1941 in Gomel Weißrussland gestorben und beerdigt worden. „Er lebte aus dem Glauben, voll Gott-Vertrauen und opferbereiter Liebe“ heißt es im Faltblatt der Familie. Der Krieg dauerte noch Jahre. 

Unsere Mutter war für mich eine liebe Mutter, aber ich musste sie mit sechs Geschwistern teilen. 1943 wurden wir als Münchener Bomben-Kinder aufs Land geschickt, unsere Mutter musste der Verschickung zustimmen. Als sich kämpfende Soldaten ankündigten, standen wenige Kinder und Bauern mit weißen Betttüchern auf der Dorfstraße. Die Amisoldaten waren schwarzhäutig und bewaffnet, teils motoririsiert für den Endsieg ausgerüstet, warfen Süßigkeiten und Schokoladen um sich. Stunden zuvor keuchten Wehrmachtssoldaten, einer Gefangenschaft vorerst entfliehend, auf Pferdewagen motorisiert der Alpenfestung entgegen.

Für ein Gymnasium 1945 brauchte man keine Prüfung. In Latein war ich anfangs gut, ich kannte Latein aus der Kirche schon als Ministrant. Für die Schule mussten wir Schüler Kohlen mitbringen. Nach vier Jahren musste ich aufgeben. Mein Traumshop wäre Dekorateur gewesen. Davon hatte die Berufsberatung abgeraten.   

Ackermann… Ackermann…

Meine Lehrfirma ab Herbst 1949 hieß „Verlag Christ Unterwegs“, Schubertstraße 2 am Bavariaring. Inhaber war Dr. Richard Mai. Zum Verlag gehörten 6 Mitarbeiter und zwei Lehrlinge. Der Ältere wollte nach dem Abschluss ein Klosterleben kennen lernen. Meine Berufsschule war im Stadtviertel rechts der Isar.  Der Verlag hatte einige Mieträume. Nebenan war eine zweite Wohnung, da gingen oft Leute aus und ein. Sie sprachen immer von …Männern. Mehr verstand ich nicht.     

Schon zu Anfang der Lehre 1949 wolle ich Vieles genauer wissen. Dem politischen Geschehen nach waren es „Heimatvertrieben sudetendeutsche Landsleute“. Die Leiterwagen waren armselig, aber vollauf gefüllt, ein „zivilisierter“ Pfarrer war auch beim Tross dabei. Mehr reimte ich mir nicht zusammen. 

Auch wenn meine Lehrzeit noch nicht zu Ende ist, meine Erzählung über die Lehre ist es. Die ausklingenden Gedanken sollen noch einmal dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandel und dessen Preisträger gehören. Der Historiker Karl Schlögel nannte eines seiner Bücher „DIE MITTE LIEGT OSTWÄRTS“; eine Deutung von kreuz und quer durch den Mittleren Osten und das eigene Leben, vielfältig aufgegriffen und beschrieben. 

Ich will auf einen Fußabdruck als Lehrling aus dem Jahr 1949 zurückschauen. Denn mit den Heimatvertriebenen von damals waren ja auch Heimatvertriebene aus der „Ackermann Gemeinschaft“ Tschechiens dabei. Nach der Vertreibung sind Frauen, Männer und Kinder herangewachsen, die den Anstoß zu nationaler Versöhnung mitgetragen haben. Ihr christlicher Glaube verbindet sie mit Bürgern in Tschechien, und auch mit benachbarten Ländern im nahen und fernen Osten bis auf den heutigen Tag. 

Albert Liertz