„Wir haben eine Zukunft – und diese wollen wir gemeinsam gestalten“
Religionslehrerin Michaela Rychlá referierte beim Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde
Den in der Überschrift zitierten Satz sprach Michaela Rychlá zwar erst ganz zum Schluss. Aber er mag als Quintessenz ihrer Ausführungen und auch als Auftrag für interkulturelle Arbeit gelten. Beim jüngsten Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde sprach sie über ihre Herkunft, ihre Identität und ihren jüdischen Glauben sowie ihr Leben in Deutschland. An 44 PCs waren Interessenten zugeschaltet.
Zunächst stellte Moderatorin Sandra Uhlich die Referentin vor. Sie wurde 1957 im Grenzgebiet geboren - in Klatovy/Klattau - und lebte viele Jahre in Cheb/Eger. Mit elf Jahren erlebte sie den Prager Frühling, den sie als „die schönste Zeit der Nachkriegs-Tschechoslowakei“ beschreibt. Der kämpferische Atheismus in der ČSSR, der keine Religion zugelassen hat, brachte sie dazu, sich ihren Weg selbst zu suchen. Auch das Studium wurde ihr in der Tschechoslowakei verwehrt: Sie weigerte sich, im Sozialistischen Jugendverband der Tschechoslowakei Mitglied zu werden. So reifte der Entschluss zur Flucht. Als junge Geflüchtete mit Anfang 20 in der Bundesrepublik angekommen, las sie alles, was es über das Judentum gab. An der Johann Wolfgang von Goethe-Universität in Frankfurt absolvierte sie die Studiengänge Geschichtswissenschaften und jüdische Disziplinen mit dem Titel Magistra Artium und war von 1995 bis zu ihrem Eintritt in die Rente 2024 als Lehrerin für jüdische Religion in Frankfurt am Main, Halle an der Saale, München und Regensburg tätig. Als jüdische Religionslehrerin hat sie den Unterricht in verschiedenen jüdischen Gemeinden in Deutschland mit ihren Lehrbüchern und Liedern auf den Kopf gestellt. Sie beschreibt es als großes Privileg, im jüdischen Religionsunterricht jungen Schülerinnen und Schülern ihren Glauben zu vermitteln. Ihr Leben lang setzt sie sich dafür ein, Menschen in Dialog zu bringen, auch und gerade über die schwierigen Zeiten ihrer Heimatländer.
In ihrer überaus lebendigen Art des Erzählens vertiefte Rychlá die einleitend geschilderten Aspekte. „Ich wusste als Kind lange nicht, was im Grenzgebiet los war“, stellte sie gleich zu Beginn fest. Jedenfalls hatte sie als Achtjährige auf dem Marktplatz in Eger festgestellt, dass dort Leute waren, die eine andere Sprache nutzten. Ihr Vater erklärte ihr, dass dies Deutsch sei – die Sprache auch von Johann Wolfgang von Goethe. So vertiefte sie sich in der Bibliothek in Goethe-Gedichte und entschloss, die deutsche Sprache zu erlernen. Später erfuhr sie, dass sich im Stadtzentrum von Eger West- und Ostdeutsche trafen. Das Lernen der deutschen Sprache war jedoch nur in Kursen bereits um 7 Uhr am Morgen möglich, bei den Schriftstellern wurde Friedrich Schiller ihr Favorit, dazu kam allmählich auch Musik unter anderem von Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart. „Ich war mittendrin in der deutschen Kultur“, bilanzierte sie diesen entscheidenden Zeitpunkt in den Kinderjahren.
Nach Eger war die Familie im Jahr 1961 gekommen, da der Vater – Schauspieler, Regisseur und Intendant – hier eine neue Aufgabe erhalten hatte: die Neubelebung des Stadttheaters Eger, was innerhalb der nächsten zehn Jahre gelang, „es war berühmt im ganzen Land“, blickte Rychlá zurück. Für ihre Zeit im Kindergarten und in der Grundschule konnte sie „keine Unterdrückung der (verbliebenen) Sudetendeutschen“ feststellen. Ihre damals beste Freundin sprach mit deren Oma ausschließlich Deutsch, was ebenfalls dazu beitrug, dass Michaela Rychlá diese Sprache erlernen wollte. Ein damit verbundenes Tabu war jedoch die jüngste Geschichte, aber ein Geschichtslehrer vermittelte zumindest einige Fakten. Vor allem ihr Vater zeigte ihr vor Ort in Eger und im Grenzgebiet Relikte der dort „schmerzhaften Vergangenheit“. „Was war damals los“, fragte sie sich damals und erfuhr, dass bis zum Jahr 1938 eine gute Nachbarschaft geherrscht habe und „furchtbare Dinge nach dem Krieg passiert“ seien. „Die Wörter ‚Vertreibung‘ bzw. ‚odsun‘ waren nicht vorhanden“, merkte sie an. Oftmals hätten die gleichen Personen, die zuvor Juden, Sozialdemokraten und andere NS-Gegner an die örtlichen Machthaber überliefert haben, nun als national gesinnte Tschechen die Deutschen gejagt und vertrieben – zum Teil mit Exzessen gegen Frauen, alte Menschen usw. Kein Verständnis hat sie auch für die danach erfolgte Neubesiedlung vor allem des Grenzgebietes. „Es war keine städtische Grundstruktur mehr vorhanden“, blickte sie zurück. Vor allem für ihren Vater war der Neuaufbau des Theaters unter eben diesen Rahmenbedingungen schwierig und dauerte gut 20 Jahre. Zuzüge auch aus einigen anderen Regionen erleichterten dann die Arbeit etwas.
„Ich habe das Leben in Eger geliebt, aber durch die politische Lage war es sehr schwierig“, kam sie wieder auf die Zeit von 1968/69 zurück. Ihr Vater war gegen die Invasion (Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968), was Strafen gegen ihn und die Familie nach sich zog. So ging es im Jahr 1976 nach Pilsen, in einer Zeit also, als sich die Charta 77 gründete. Auch wenn sie in der westböhmischen Stadt zunächst gerne lebte – langsam reifte der Entschluss zur Ausreise bzw. Flucht. „Es war unmöglich, unter diesen Genossen weiter zu leben“, beschrieb sie ihre damaligen Gefühle. Die Hochzeitsreise nach Jugoslawien mit einem dreitägigen Durchreisevisum für Deutschland nutzte sie schließlich dafür.
Bereits mit 14/15 Jahren hat sie Klavier und Basso continuo gespielt. Und über die Musik und Lieder ist sie dem Judentum, ja dem jüdischen Glauben, näher gekommen. „Jiddisch ist die schönste Sprache des Herzens“, bekannte sie. Entsprechende Lieder gehören daher auch zum Sabbat und zu den jüdischen Festen. Daher sang sie als ersten musikalischen Beitrag das „Schalom aleichem“, das am Freitagabend den Sabbat einleitet. Da diese Lieder überall auf der Welt in Hebräisch gesungen werden, ist sofort Kommunikation möglich.
Lange unaufgearbeitet war in Rychlás Familie auch das Schicksal der Eltern ihrer Mutter. Nur Andeutungen wiesen auf Deportation durch die Nationalsozialisten hin. „Bei uns wurde nichts erzählt“, stellte sie rückblickend fest. Im Alter von 15 Jahren entdeckte sie in der Wohnung eine ihrer Mutter gehörende Bibel, in der sie – wenn die Eltern im Theater waren – eifrig las, besonders im Alten Testament. Auch das trug zur Beschäftigung mit dem jüdischen Glauben und dem Judentum bei, was sie dann in Deutschland vertiefen konnte. Mit ihrer ersten Berufstätigkeit als Buchhändlerin hatte sie Zugang zu vielen Büchern, Schallplatten und Musikkassetten – und damit zu Literatur und Musik zu diesen Themenbereichen. Auch begann sie, Lieder für sich selbst vokal und instrumental zu lernen und einzustudieren. Ob der Inhalte dauerte dies manchmal bis zu einem halben Jahr. Das Studium jüdischer Fächer und Inhalte war dann quasi auch Folge dieser Lebensphase. Reisen in wichtige Städte, zum Beispiel nach Vilnius/Wilna als das ehemalige Jerusalem des Nordens, erweiterten ihre Kenntnisse.
Ab 1990 machte sie dann - in Darmstadt lebend - als Studentin ersten Schritte als Religionslehrerin. Neben Problemen bei der Organisation des Unterrichts stellte sie schnell fest, dass es kein Buch bzw. keinen Lehrplan gab. So verfasste sie diese Schriften selbst, später bei ihrem Wirken in München hat sie drei Lehrbücher (Erstauflage 2013) konzipiert und veröffentlicht. Viele Jahrgänge junger Menschen haben inzwischen mit und aus ihren Büchern gelernt. „Heute muss man sich schon einiges einfallen lassen. Die Kinder googeln alles, aber sie wissen nichts“, stellte sie kritisch zur heutigen Kinder- und Jugendgeneration fest.
Mit dem Lied „Adon Olam“ („Herr der Welt“) schloss Michaela Rychlá ihren lebhaften Vortrag und stellte ihre Mitwirkung bei weiteren Veranstaltungen der Ackermann-Gemeinde – dann in Präsenz – in Aussicht.
Markus Bauer



