„Mit Leichtigkeit Neues schaffen!“

Beim ersten ackermannzoom 2022 stand die Tanz- und Ballettkoryphäe Ivan Liška im Mittelpunkt. Der deutsch-tschechische Tänzer und ehemaliger Direktor des Bayerischen Staatsballetts blickte unter dem Motto „Die Leichtigkeit des Augenblicks“ im Gespräch auf sein bisheriges Schaffen zurück. Per Video wurden zudem Tänze gezeigt. Dem Programm zum Jahresauftakt am 4. Januar wohnten rund 75 Interessenten an 48 Geräten bei.

Veränderungen bringt das neue Jahr bei den monatlichen Zoom-Veranstaltungen der Ackermann-Gemeinde. Bisher gab es am ersten Dienstagabend im Monat, dem „Ackermann-Tag“ von 20.15 bis 21.15 Uhr den themenzoom und danach den kulturzoom. Nun gibt es pro Monat nur noch ein Zoom-Treffen Über den Gast und inhaltlichen Schwerpunkt wird in bewährter Weise rechtzeitig per Mail informiert. Angesichts der neuen Rahmenbedingungen teilten sich die beiden Zoom-Begleiter Sandra Uhlich und Rainer Karlitschek die Moderation, wobei Letztgenannter aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit im Theaterbereich das Gespräch mit dem Gast führte.

Der in Prag geborene Künstler Ivan Liška erhielt seine Tanzausbildung am Prager Konservatorium. Seine ersten Auftritte waren im Nationaltheater in Prag. Im Jahr 1969 verließ er die damalige Tschechoslowakei und emigrierte in die Bundesrepublik, um den Einschränkungen durch das kommunistische Regime zu entgehen. Es folgten Engagements bei der Deutschen Oper am Rhein, an der Bayerischen Staatsoper in München, an der Staatsoper Hamburg, wo er 20 Jahre lang als Solist bei John Neumeier gewirkt hat. Im Jahr 1998 wurde er zum Direktor des Bayerischen Staatsballetts berufen. Zurzeit leitet er das Bayerische Junior Ballett München, das sich aus den Volontären des Bayerischen Staatsballetts und den Stipendianten der Heinz-Bosl-Stiftung zusammensetzt. Für seine Leistung hat er mehrere Auszeichnungen erhalten, z.B. den Bayerischen Verdienstorden sowie erst kürzlich den Gratias-Agit-Preis, der durch den tschechischen Außenminister für die Verdienste um den guten Namen Tschechiens in der Welt vergeben wird.

Zur Ackermann-Gemeinde hatte er bereits vor ca. 20 Jahren Kontakt. Eine aus Komotau/Chomutov stammende Tante war Mitglied der Ackermann-Gemeinde und vermittelte damals den Auftritt Liškas mit einer kleinen Ballettgruppe bei einer Veranstaltung in München. „Es war ein großartiger und warmherziger Empfang“, erinnerte sich der Tänzer.

Ebenso große Freude bereitete ihm die Verleihung des Gratias-Agit-Preises für die Verdienste um den guten Namen Tschechiens in der Welt am 16. September 2021 durch den tschechischen Außenminister Jakub Kulhánek. „Vor 50 Jahren waren wir Verbrecher“, zitierte Liška den ebenfalls mit diesem Preis bedachten Choreographen Jiří Kylián, der in den Niederlanden lebt und arbeitet. „Nun wurden wir geehrt. Das zeigt die Spannbreite auf. Es ist eine große Ehre, so gewürdigt zu werden“, drückte Liška seine Freude aus.

Die Erfahrungen seines Vaters sowohl im Protektorat als auch im stalinistischen System waren der Hauptgrund zur Flucht der Familie. „Er wünschte, dass die Kinder nicht das gleiche Leben haben. Und er war auch wegen seiner humanistischen Ansichten unter Beschuss“, schilderte der Preisträger. Nach Ivan Liškas Abitur flüchtete die Familie im Jahr 1969 in drei Gruppen und fand sich in Radolfzell am Bodensee wieder zusammen. Bereits am 1. Oktober 1969 begann Liška einen Monat vor seinem 19. Geburtstag bei der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und lernte dort unter anderem den Künstler Joseph Beuys kennen, dessen politischen Einsatz er kritisch sah. Für seine Tätigkeit als Tänzer war es Liška wichtig, neue Impulse zu bekommen. „Ich wollte immer ins Ausland gehen. In der ČSSR schmorte alles im eigenen Saft“, stellte er rückblickend fest.

Die wichtigste und prägendste Zeit für ihn war das Wirken an der Staatsoper Hamburg von 1977 bis 1998 unter John Neumeier, dem Leiter des dortigen Balletts. Bei ihm war Liška Solist, der John Neumeier-Tänzer schlechthin. Neumeier hatte Liška bei der Premiere des Balletts Dornröschen in der Bayerischen Staatsoper München, hier war Liška von 1974 bis 1977 tätig, gesehen und ihm den Wechsel in die Hansestadt angeboten. „Ich wollte an einem Ort sein, wo etwas neu aufgebaut wird“, begründete Liška den damaligen Weggang von München. Die Persönlichkeit Neumeiers tat zudem ihr Übriges dazu. Von der Rolle des Gärtners Lysander im Ballett „Sommernachtstraum“ (Premiere am 10. Juli 1977) bis zu Odysseus in Neumeiers Ballett „Now and Then“ reichte das Spektrum, wobei Neumeier besonders das Pas de deux, also den Tanz von zwei Personen, bevorzugte. „Damit lassen sich viele tiefe Beziehungen tänzerisch ausdrücken“, vertiefte Liška. Anhand eines kurzen Ausschnitts aus dem Ballett „Die Kameliendame“ konkretisierte er diesen Aspekt.

Angesprochen von Rainer Karlitschek auf die scheinbare Leichtigkeit des Balletttanzes meinte Liška, dass man zum einen durch die tägliche Probenarbeit über das Technische hinauswachsen könne, vor allem aber die Choreografie, die Tanzpartnerin und auch die Atmosphäre durch das Publikum hohe Euphorie erzeugen. „Das ist das Fluidum, die Spannung im Theater“, brachte er es auf den Punkt.

Beim Bayerischen Staatsballett trat Liška im September 1998 die Nachfolge von Konstanze Vernon an, wobei er sich an der Maxime Neumeiers orientiert, seine Tänzer zu entwickeln. Die künstlerische Unabhängigkeit und finanzielle Selbständigkeit kamen seinen Vorstellungen entgegen: nicht nur das Publikum, die Tänzer und die Kunst bedienen, sondern auch stets weiterzudenken und Neues zu machen. Erwähnt sei hier das 2003 gestartete und vom zuständigen bayerischen Staatsministerium gewünschte Projekt „Ballett und Wildnis“, das unter anderem an Orten im Bayerischen Wald, bei Landesgartenschauen und im Nationalpark Böhmerwald/Šumava zur Aufführung gelangte. Als einen „politischen Triumph“ sah Liška, dass in Tschechien auf einer ehemaligen Schießstätte für Panzer gespielt und getanzt wurde.

Darüber hinaus stand er immer wieder auch selbst als Akteur auf der Bühne wie zum Beispiel 2012 bei „The old man and me“.

Liškas Direktion endete mit der Spielzeit 2015/16, seither ist die Arbeit mit der Jugend als Leiter der Bayerischen Junior Ballett München seine zentrale Aufgabe. Ausdrücklich weist er auf die Bedeutung des gesamten Teams für die lange und erfolgreiche Ballettarbeit hin. Die Situation des Tanzes in Tschechien bewertet er als „großartig – er gehört zu den erfolgreichsten Abteilungen am Theater“. Aber auch beim Tanz und Ballett in Deutschland „tut sich sehr viel“. Mit Sorge sieht er vielmehr, wenn bei der Arbeit von Stiftungen wegen fehlender finanzieller Unterstützung „die Leichtigkeit abnimmt“. Grundsätzlich ist für Liška die Kultur- und Kunstform des Tanzes wegen der Nonverbalität universell und hat keine Grenzen, ist vielmehr für alle Schichten verständlich. „Wichtig ist es, mit Leichtigkeit Neues zu schaffen. Ohne Visionen geht es nicht“, so Ivan Liška zusammenfassend.

 

Markus Bauer/ag

Ivan Liška
Ivan Liška bei seinen Ausführungen.
"Ballett und Wildnis" Ivan Liška
Eine Tanzszene aus einer Aufführung des Projektes „Ballett und Wildnis“.
Rainer Karlitschek themenzoom
Moderator Rainer Karlitschek führte das Gespräch mit Ivan Liška
Ivan Liška Gratias agit Kulhánek
Zwei der letztjährigen Träger des Gratias-Agit-Preises: Jiří Kylián (links) und Ivan Liška (rechts) mit dem damaligen Außenminister Jakub Kulhánek.
Sandra Uhlich kulturzoom
Moderatorin Sandra Uhlich sorgte für den reibungslosen Ablauf.