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„Wir wissen nicht, wie es mit uns in den nächsten Jahren weitergeht“

Für die aktuell gefährdete Lage von Radio Prag International, des Auslandssenders des Tschechischen Rundfunks, interessierten sich beim April-Themenzoom am Osterdienstag die an den 46 PCs versammelten Zuschauer. Darüber informierte Till Janzer, der seit 2006 dort die deutschsprachige Redaktion leitet.

 

Gerade im Jubiläumsjahr – vor 90 Jahren, am 31. August 1936, ging der Sender an den Start – hängen die Aussagen der neuen tschechischen Regierung wie ein Damokles-Schwert über Radio Prag International. Daher wurde die Jubiläumsausstellung, so Janzer, auch auf März vorgezogen. Denn die freie Presse in Tschechien steht unter wachsendem Druck: politische Einflussversuche auf öffentlich-rechtliche Medien, unsichere Finanzierung und die Macht großer Medienbesitzer erschweren die unabhängige Berichterstattung. Auch bei eben diesem Sender, der über Politik, Kultur, Sport und Gesellschaft in Tschechien berichtet– in mehreren Sprachen, als Brücke zur Welt und als Stimme journalistischer Vielfalt.

Till Janzer, der Osteuropäische Geschichte und Slawistik in Freiburg und Berlin studiert hat, ging im Jahr 1997 nach Tschechien, wo er zunächst Praktika bei der Heinrich-Böll-Stiftung und der Prager Zeitung absolvierte. Darauf folgten ein Volontariat und anschließend eine Festanstellung beim deutschsprachigen Wochenblatt Prager Zeitung. 2006 wechselte er zu Radio Prag International. Dieser Sender hat derzeit sieben Sprachredaktionen, die Gründung regte damals Außenminister beziehungsweise Staatspräsident Edvard Beneš an. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Aktivitäten zurückgefahren, danach war laut Janzer die „große Zeit der Auslandssendungen“, in den 1950er Jahren gar in zwölf Sprachen und zu Propagandazwecken. Doch 1967/68 zeigte sich der Sender „besonders offen für die Veränderungen des Prager Frühlings“, unterstützte den Widerstand, die deutschen Sendungen kamen damals aus Pilsen. Eine Folge war, dass nach dem Prager Frühling viele Beschäftigte weg waren. Über die insgesamt neun Jahrzehnte wurde in 26 Sprachen gesendet, sogar in Esperanto. Im Westen sollte damit, so der Redakteur, „Begeisterung für das sozialistische System der Gesellschaft“ geweckt werden. Bei der Wende 1989 spielten die Auslandssender keine große Rolle, die bisherige Propagandafunktion fiel weg, und nach der Trennung in die Tschechische Republik und die Slowakei im Jahr 1993 gab es einige Monate keine Auslandssendungen. Eine erste Budgetkürzung veranlasste im Jahr 2011 der damalige Außenminister Karel Schwarzenberg. Nach der Abschaltung der Kurzwelle, auf der bisher die Sendungen übertragen wurden, erfolgte die komplette Verlagerung ins Internet, wo der Sender bereits seit 1994 präsent war. Aktuell verzeichnet Radio Prag International ca. 340.000 Nutzer monatlich, der deutschsprachige Dienst (mit fünf Personen in der Redaktion) 130.000 bis 140.000. Die Reichweite umfasst nahezu alle Kontinente – außer natürlich diktatorisch-autokratisch geführte Staaten.

„Leider droht eine Kürzung der Gelder um ein Viertel, von 35 auf 28,25 Mio. Tschechsiche Kronen. Das bedeutet Einschnitte im Programm. Wir wissen nicht, wie es mit uns in den nächsten Jahren weitergeht“, zeichnete Janzer ein düsteres Szenario. Fakt scheint, dass es ab 2027 kein Geld mehr vom tschechischen Außenministerium geben wird, die öffentlich-rechtlichen Sender ihren Status verlieren sollen.

In den Fragen und Diskussionsbeiträgen ging es zuerst um einige redaktionelle Details: gemeinsame Projekte aller Redaktionen, beliebteste Themenbereiche seitens der Hörer, Kompetenzen und eventuell Präferenzen der Redakteure. Natürlich sorgten auch die neuen drohenden Beschränkungen und Beschneidungen für Rückfragen. „Die Babiš-Regierung gilt als nicht besonders freundlich gegenüber den öffentlich-rechtlichen Medien. Es steht die Drohung im Raum, dass diese nicht mehr gebührenfinanziert, sondern über den Staatshaushalt gefördert werden. Die öffentliche Meinung soll damit eingeschüchtert werden“, nahm Janzer deutlich kein Blatt vor den Mund. Diese Form der Finanzierung würde bedeuten, dass keine feste Summe zugesichert wird und damit die Kontinuität für den Sender gefährdet wäre. Der Redakteur würde sich – neben den allgemeinen Protesten gegen die Babiš-Regierung - konkrete Kundgebungen in Sachen öffentlich-rechtlicher Rundfunk wünschen, „dann könnte es durchaus einen Effekt haben“, so Janzer. Zumal die öffentlich-rechtlichen Medien in Tschechien eine hohe Akzeptanz (68 Prozent) genießen. „Das Potenzial ist da. Die Frage ist, ob es abgerufen wird“, fasste er zusammen und wies auf einen Brief der Rundfunkhörer an Ministerpräsident Babiš und Außenminister Petr Macinka hin. Ungeachtet der aktuellen Entwicklungen gab Janzer auch bekannt, dass Radio Prag International weiterhin Praktikanten aufnimmt.

Markus Bauer

Moderator Rainer Karlitschek eröffnete den Themenzoom und leitete die Fragenrunde.
Redakteur Till Janzer bei seinem Vortrag
Auf 90 Jahre kann heuer Radio Prag International zurückblicken.
Das Einladungsplakat zum Themenzoom.