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Podiumsgespräch der Ackermann-Gemeinde zu „Versöhnungsaktivitäten in Brünn“

Mit der Stadt Brünn, aber auch weit darüber hinaus, beschäftigte sich das Gespräch, das die Ackermann-Gemeinde beim Sudetendeutschen Tag bot. „Versöhnungsaktivitäten in Brünn: Vertreter der Ackermann-Gemeinde und ihrer tschechischen Partner berichten über ihre Zusammenarbeit“ lautete das Thema. Der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde Dr. Albert-Peter Rethmann moderierte die Veranstaltung.

Einleitend stellte er die Gesprächspartner vor: Marie Neudörfl, Bundesgeschäftsführerin der Ackermann-Gemeinde und seit sehr vielen Jahren in der deutsch-tschechischen Begegnungsarbeit aktiv (Rethmann: „Eine der großen Vernetzerinnen im deutsch-tschechischen Dialog und in der Versöhnungsarbeit“). Dr. Matěj Spurný, Historiker, tätig am Institut für Zeitgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik und - seit 1. Juni 2025 - Direktor des Instituts für Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag. Darüber hinaus Präsident der Bernard-Bolzano-Gesellschaft. Jaroslav Ostrčilík hat Germanistik studiert, war Mitinitiator des Brünner Versöhnungsmarsches und arbeitet als freier Journalist und PR-Berater. David Macek setzt sich schon sehr lange für den deutsch-tschechischen Dialog und europäische Veranstaltungen ein und ist Mitbegründer des Festivals „Meeting Brno“,

Keine direkten sudetendeutschen Bezüge hat Spurný, jedoch deutschsprachige Juden in der Familiengeschichte – auch durch den Holocaust ermordete Vorfahren. „Dieser Teil der Familienerfahrung weckte bei mir damals als 15- bis 17-Jähriger das Interesse für Zeitgeschichte, Diktaturen usw.“, nannte er als einen Aspekt. Ein anderer war sein Interesse für die Landschaft des Riesengebirges, wo er aufwuchs - und wo bis zum Zweiten Weltkrieg Deutsche lebten. So entstand bei ihm ein Interesse für Geschichte, es kam zu Diskussionen über die Vertreibung und schließlich - nach einem Treffen mit Studenten - in einer Prager Kneipe zur Gründung von Antikomplex Anfang 1998.

Bei Jaroslav Ostrčilík bildete das Germanistik-Studium die Basis für sein Engagement. Hier erfuhr er das spezielle „Brünner Kapitel der Vertreibung“, das der durchschnittliche Bürger der mährischen Stadt „noch nicht so zur Kenntnis genommen“ hatte. Das führte zu Überlegungen, etwas zu kreieren, um den schrecklichen Ende Mai 1945 stattgefundenen Brünner Todesmarsch den Brünnern bzw. Tschechen von heute präsent zu machen. Was andererseits aber auch das Interesse der Medien wecken, kurzum greifbar machen sollte und man auf Anhieb versteht. Die Idee vom ca. 32 km langen Gedenkmarsch (zunächst) von Brünn nach Pohrlitz war geboren. „Das damals Passierte wieder ins Bewusstsein“ zu bringen war die Grundintention. Bis heute gibt es den Versöhnungsmarsch – inzwischen in umgekehrter Richtung – vor allem mit Teilnehmern aus Deutschland und Tschechien. Der nunmehr in Brünn durchgeführte Sudetendeutsche Tag war die Quintessenz dieser Entwicklung.

Bei Marie Neudörfl, die aus Budweis stammt, war eine Sommerbegegnung der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde (Neudörfl: „Angenehm, in einer Jugendgemeinschaft von jungen Europäern zu sein“) der Ausgangspunkt für ihr inzwischen langes Engagement. Das Thema „Vertreibung“ war für sie zunächst nicht so präsent. Beim Studium in Prag wollte sie die zuvor geknüpften Kontakte aufrechterhalten und nahm daher zur tschechischen Partnerorganisation, der Sdružení Ackermann-Gemeinde, Kontakt auf. Nun wurden ihr die spezifischen Themen so richtig bewusst und sie stellte fest, „dass ein Teil meiner Familie vertrieben wurde.“ Aus Gesprächen mit ihrer Großmutter, die zuvor wenig über diese Themen sprach, hat Marie Neudörfl die entsprechenden Aspekte dann richtig verstanden, die zum Inhalt des Verbandes gehören, für den sie seit 20 Jahren arbeitet. Aber auch der christliche Gehalt der Ackermann-Gemeinde spielt für sie eine wichtige Rolle.

Bereits als Ministrant in der Brünner Jakobskirche hat David Macek festgestellt, dass auch deutschsprachige Bürger zur Messe kamen, was ihn sehr beeindruckte. Weiteres Wissen vermittelte ihm das Buch „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“ von Kateřina Tučková. Als er zu einem Sudetendeutschen Tag nach Augsburg eingeladen wurde, lag – wie sehr häufig - der Vorwurf des Verrats des tschechischen Volkes im Raum. Für ihn stellte sich daher die Frage, wie es möglich sei, dass diese Angst vor den Sudetendeutschen immer wieder auflebt. In einem Facebook-Beitrag stellte er dann auch die Frage, warum „wir die Sudetendeutschen nicht nach Tschechien einladen?“ Der Brünner Versöhnungsmarsch 2015, 70 Jahre nach dem Todesmarsch, sollte nicht das Ende sein, das Miteinander vielmehr fortgesetzt werden. Daraus entstand schließlich das Festival „Meeting Brno“ mit ganz unterschiedlichen Veranstaltungen, unterstützt auch von der Stadt Brünn.

In der zweiten Fragerunde ging es um konkret erlebte Widerstände, die gegebenenfalls überwunden werden mussten. „Mit Demonstrationen waren wir nicht richtig konfrontiert – und wenn, dann haben sie uns eher motiviert“, blickte Jaroslav Ostrčilík zurück. Positiv eingestellte Tschechen unterstützten „Meeting Brno“, „ein großer Teil der Öffentlichkeit ist heute eingebunden.“

„Wir hatten immer mehr Unterstützung als Widerstände. Drohungen waren zwar dabei. Doch die kann man verkraften, wenn das Leben nicht unter Gefahr stand. Das sind die Scherben des alten Hasses und der Ängste und schaden der tschechischen Gesellschaft und Politik, nicht mir“, analysierte Matěj Spurný. Er wandte sich auch gegen die oftmals in Politik und Bildung verbreitete Forderung, doch einen Schlussstrich zu ziehen. „Eine problematische Kriegs- und Nachkriegsgeschichte kann man nicht so einfach wegwischen. Es gibt keine vernünftige Zukunft, wenn man nicht kritisch über die Vergangenheit nachdenkt und einen Dialog führt“, riet er.

Drei zentrale Momente nannte Marie Neudörfl: Kommilitonen an der Universität, die nicht wussten, was Vertreibung war und was da passiert ist – auch weil dieses Thema in der Schule nicht behandelt wurde. Erst bei persönlichen Gesprächen erfolgte die Aufklärung. Dann das erste Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde in Tschechien – 2009 in Pilsen, wo oft die Frage aufkam, „was wir uns zumuten?“ Es war eine „Begegnung mit Freunden“, zitierte Neudörfl die damalige und bis heute gültige Antwort. Und schließlich der Sudetendeutsche Tag vor 15 Jahren, wo insbesondere die Haltung der Tschechen zur Vertreibung ein Thema war. „Es darf kein Relativieren des Leids geben. Zuhören ist der erste Schritt zum Verstehen und zum Verständnis“, fasste Neudörfl zusammen.

„Nur sehr wenige Politiker und Parteien wagten es, das Wort ‚Sudetendeutsche‘ auszusprechen“, blickte David Macek zurück. „Was nun passiert, ist ein notwendiger Bestandteil des Heilungsprozesses“, analysierte er die aktuelle Situation und bezifferte den Anteil der Leute, die hinter dem sudetendeutsch-tschechischen Versöhnungsprozess stehen, auf 50 Prozent. Ostrčilík ergänzte mit der Aussage: „Wenn es ein Politikum wird, müssen viele Tschechen Stellung beziehen - und sind dafür.“

Im Publikum saß mit Ondřej Liška ein weiterer Mitbegründer von Antikomplex. Moderator Rethmann holte ihn daher mit aufs Podium. „Es ist sehr rührend für mich da zu sein, den Freunden zuzuhören und zu sehen, was sie alles geschafft haben“, stellte Liška fest. Bei ihm waren es zunächst in Brünn entdeckte Kanaldeckel mit deutschen Worten, die sein Interesse weckten. Da er keine zufriedenstellenden Antworten erhielt, bleib die Neugier. Ein weiteres Ereignis war im Jahr 1993 eine Sommerfreizeit der Jungen Aktion in Pilsen, an der er als 15-Jähriger teilnahm. „Die Teilnehmer waren gleich jung, hörten die gleiche Musik und stellten die gleichen Fragen. Es war eine Explosion der Freiheit“, blickte er darauf zurück. Und dann stellten sich Fragen, wie die neue Demokratie mitzugestalten sei. Die Erklärung auch der dunkelsten Seiten der Geschichte sei dafür notwendig, war das Credo Liškas und seiner Mitstreiter. Nach dem ersten Kontakt mit der Stadt Brünn habe es noch Ablehnung gegeben („Nestbeschmutzer“), ein Jahr später habe die mährische Metropole ihr Bedauern über die Vorgänge von 1945 ausgesprochen. Überlegungen zu einem Sudetendeutschen Tag in Brünn habe es bereits im Jahr 2005 gegeben. Auch Aussig sei laut Matěj Spurný als Veranstaltungsort angedacht gewesen. „Und auch in der Generation vor uns gab es viele Personen der Versöhnung“, fasste Spurný zusammen und nannte exemplarisch den früheren Botschafter František Černý.

„Für mich als Deutscher sind diese Begegnungen, wie wir sie heute erleben, sehr wichtig und die Essenz für ein gemeinsames Europa und für eine bessere Welt. Wollen wir auf dieser Basis gemeinsam eine Zukunft bauen“, fasste abschließend Moderator Dr. Albert-Peter Rethmann zusammen.

Text und Fotos: Markus Bauer

Moderator Dr. Albert-Peter Rethmann, Dr. Matěj Spurný, Jaroslav Ostrčilík, Marie Neudörfl, David Macek.
Die Podiumsteilnehmer und das Publikum.
Moderator Dr. Albert-Peter Rethmann (rechts) im Gespräch mit Ondřej Liška.