Das Verbindende soll im Vordergrund stehen
- Dienstagszoom
Ordinariatsrat Bertram Wolf berichtete im Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde über einen deutsch-tschechischen Pfarrertausch
Ein tschechischer Pfarrer in seelsorglichen Tätigkeit in Deutschland und umgekehrt – diese Konstellation ist eher selten. Und gar ein Pfarrertausch, bei dem ein deutscher Pfarrer und ein tschechischer Pater ihre Arbeitsplätze tauschen? Fakt im Januar 2025 für zehn Tage. Denn der seit September 2025 im Bistum Dresden-Meißen als Ordinariatsrat für das pastorale Personal im Bistum zuständige Priester Bertram Wolf (57) tauschte mit Pater Miroslav Martiš aus dem tschechischen Stříbro (Bistum Pilsen) die Stelle. Darüber berichtete Wolf beim Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde, dem an 34 PCs Interessenten beiwohnten.
Damals war der im Mai 1998 zum Priester geweihte Seelsorger Pfarrer von St. Elisabeth Gera (seit 2019), dazu Ehrendomkapitular und Dekan des Dekanats Gera sowie seit 2024 zusätzlich Pfarradministrator von St. Paulus Schleiz. Zuvor beziehungsweise nach seiner Priesterweihe war er Kaplan in Leipzig-Reudnitz, Domvikar der Kathedrale Dresden und Spiritual des Kapellknabeninstituts. Pfarrstellen waren ab 2006 in Leutersdorf nahe der tschechischen Grenze und ab 2011 in Leipzig-Süd, hier ab 2016 zusätzlich die Tätigkeit als Pfarradministrator von Markkleeberg.
Zwei Aspekte bildeten die Basis für diesen Pfarrertausch. Zum eine die Erinnerung Wolfs an einen Tausch mit der westdeutschen Partnergemeinde seiner Heimatgemeinde kurz nach der Wende. Zum anderen – vor eben diesem Hintergrund – die Anfrage beim Pilsener Bischof Dr. Tomáš Holub, der zu einem Vortrag in der Ökumenischen Akademie Gera / Altenburg weilte. Der Pilsener Oberhirte schlug schließlich Pater Martiš vor. Nach einem Telefonat und gegenseitigen Besuch „waren wir uns schnell einig, dass es gut funktionieren könnte. Und ich traf auf Leute, die Gera aus der sozialistischen Zeit kannten“, blickte Wolf auf den ersten Kontakt zurück. Schnell war die knapp zweiwöchige Austauschzeit in der etwas ruhigeren Phase des kirchlichen Lebens Ende Januar gefunden und fixiert.
Zu Tschechien hatte Wolf bereits während seines Theologiestudium einen Bezug. Denn sein „Freisemester“ verbrachte er im Jahr 1993 in seiner „Lieblingsstadt“ Prag, so dass er damals die tschechische Sprache zumindest ein wenig (kennen)lernen konnte. Und bei seinem Wirkungsort Leutersdorf, das an der tschechischen Grenze liegt, hatte er auch Kontakt mit Tschechen und Tschechisch. „Die Sprache lag dann viele Jahre brach, aber Pater Martiš hat mir vor Ort einen guten Geist, eine Helferin zur Unterstützung zurückgelassen“, blickte der thüringische Priester zurück.
Die Struktur der tschechischen Pfarrgemeinde sei ähnlich wie in Gera gewesen: sehr bunt, viele Nationalitäten, zehn bis 20 Leute beim Gottesdienst – „Begegnungcharakter“. Neben den Gottesdiensten gehörten Treffen mit den kirchlichen Gremien, dem stellvertretenden Bürgermeister und weiteren ehrenamtlich tätigen Personen zum Dienstplan. Ein Tag war für das Kloster Tepl, das Wolf noch nicht gekannt hatte, und die Trappistenabtei Nový Dvůr reserviert. Auch ein Besuch des Caritas-Seniorenheimes stand auf dem Programm.
Ein gravierender Unterschied zur Heimatgemeinde in Gera war die Kirchenmusik, die in Tschechien viel schlichter ausfiel. Auch die oft hier aktiven erwachsenen Ministranten fielen ihm auf. Von Pater Martiš wiederum erfuhr er, dass dieser vom Umfang des hauptamtlichen Personals in Gera überrascht war. „Man begegnet sich nicht auf Augenhöhe mit den Leuten, mit einem gewissen Unverständnis muss man rechnen. Wenn das aber geknackt ist, wird es interessant“, schilderte Wolf manche ersten Eindrücke von Begegnungen. Deutlich werde auch dort eine „Suchbewegung“, daher ist es für Wolf auch wichtig, „die Zukunft miteinander zu suchen“. Mit Bischof Holub besprach er, solche Aktivitäten eventuell weiter zu verstärken.
Zum Zeitpunkt des Pfarrertausches lief im Bistum Pilsen die Diözesansynode, in die auch Mitglieder der Freiburger Ackermann-Gemeinde ein wenig hineinschnupperten. „Das war für mich die größte Erfahrung beim Austausch“, stellte Wolf fest. Er befasste sich mit den Texten, in denen der Fokus stark auf dem Missionsgedanken liegt. „Das hat mich regelrecht umgehauen. Ich bin fasziniert und stellte fest, dass wir sehr ähnlich ticken“, so der thüringische Seelsorger. Bei einem Gespräch in einem Dorf der Pfarrei kam es in Bezug auf die Texte zu aufgeweckten, synodal geprägten Diskussionen. Eine Frau habe mit dem folgenden Satz die Sache kommentiert: „Das ist gut, der Bischof hört uns zu.“
Durch die in der Lausitz lebenden Sorben gibt es auch Kontakte ins Bistum Leitmeritz. Damit war Pfarrer Wolf bei dem vom jetzigen Prager Erzbischof Stanislav Přibyl in seinem Vorgängeramt als Leitmeritzer Oberhirte ins Leben gerufenen Jahr der Versöhnung. Den im Dezember in Bilin stattfindenden Gottesdienst wird voraussichtlich der Mitteldeutsche Rundfunk als Rundfunkgottesdienst ins Programm aufnehmen. Bei der Teilnahme Wolfs am April-Versöhnungsgottesdienst in Osek konnte dies in die Wege geleitet werden.
Insgesamt steht für Pfarrer Wolf im Rückblick auf die zehn Tage Austausch das Verbindende im Vordergrund. Aber auch das Interesse an der tschechischen Kirche, deren strenge Unterdrückung er in den 1980er Jahren als Jugendlicher erlebt hat, ist handlungsleitend. „Wie hat die Kirche diese Zeit überlebt? Was macht sie heute?“ Diese Fragen waren und sind für ihn wichtig, darauf will er Antworten – auch durch Projekte wie den Pfarrertausch.
Markus Bauer