Konsequent den „Weg der Versöhnung gehen“!
- Dienstagszoom
Der 38. Erzbischof von Prag Stanislav Přibyl zu Gast beim Themen-Zoom der Ackermann-Gemeinde
Wohl weit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgten am ersten Dienstag im Juni (2. Juni) den Themen-Zoom mit dem neuen Prager Erzbischof Stanislav Přibyl. So hatten sich unter anderem von den Diözesanverbänden Regensburg und Würzburg mehrere Vertreter der jeweiligen Diözesanteams getroffen und gemeinsam zugeschaltet. Ebenso verfolgten viele Familien und Freundeskreise zusammen die Ausführungen des Oberhirten.
Gut fünf Wochen zuvor, am 25. April, wurde Stanislav Přibyl in sein Amt als Erzbischof von Prag eingeführt. Anwesend waren nicht nur der ehemalige Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn, sondern wichtige Vertreter der Tschechischen Öffentlichkeit bis hin zum Staatspräsidenten Petr Pavel. Damit kehrte Přibyl nach drei Jahren als Bischof von Leitmeritz in seine Heimatstadt zurück und ist nun der 38. Erzbischof von Prag. Er gehört dem Orden der Redemptoristen an und gilt als besonders vielseitig. Neben Theologie hat er auch Kunstgeschichte und Ökonomie studiert. Und für das (sudeten)deutsch-tschechische Verhältnis besonders bedeutend: Noch als Bischof von Leitmeritz hat er für 2026 ein Jahr der Versöhnung ausgerufen und sich dabei besonders auf die Arbeit der Ackermann-Gemeinde bezogen. In Gedenkgottesdiensten wird nun über das gesamte Jahr der Notwendigkeit von historischer Aufarbeitung der Geschichte und der Chance, Wunden zu heilen, nachgespürt.
So bezeichnete es Moderator Rainer Karlitschek auch als „große Ehre“, dass der neue Prager Oberhirte den Themen-Zoom der Ackermann-Gemeinde bereichert. „Viele kenne ich“, stellte der Erzbischof einleitend fest und sprach vor allem in Bezug auf seinen jüngsten Wirkungsort Leitmeritz von seinen „Heimatleuten“. Und er verwies auf die am 15. Juni stattfindende Segnung der neuen großen Orgel im Prager Veitsdom. Für einen Vorbericht im Fernsehen spielt er als ausgebildeter Musiker und Organist das Instrument – eine weitere seiner vielen Facetten.
Der im November 1971 in Prag geborene jetzige Erzbischof trat im Jahr 1990 in den Orden der Redemptoristen ein, legte 1991 die erste Profess und 1995 die Ewige Profess ab. Nach dem Theologiestudium (1991 bis 1996) empfing er 1996 das Sakrament der Priesterweihe. Unter anderem wirkte er als Provinzial der Prager Redemptoristen, als Generalvikar des Bistums Leitmeritz und in gleicher Funktion für die Tschechische Bischofskonferenz. Neben der Promotion im Jahr 2014 absolvierte er ein Studium der Kunstgeschichte sowie ein Masterstudium Finanzen und Management. Papst Franziskus ernannte ihn am 23. Dezember 2023 zum Bischof von Leitmeritz, Papst Leo XIV. schließlich am 2. Februar 2026 zum Erzbischof von Prag.
„Wir müssen in die Zukunft schauen, nicht in Richtung Vergangenheit – und uns dabei an Gott orientieren“, gab der Erzbischof als Grundmaxime aus. In diesem Kontext stehen auch die von ihm initiierten Versöhnungsgottesdienste. An zwölf Orten in der Diözese Leitmeritz, wo bei der Vertreibung Menschen gestorben sind, werden diese Gottesdienste zelebriert. Seine Berufung nach Prag sei - mit Blick auf sein langjähriges Wirken in Leitmeritz – „eigentlich ein Verlust“. Kurz schilderte er zwei Episoden aus der Familiengeschichte, die seinen Blick auf das deutsch-tschechische Verhältnis schärften. Zum einen die noch im Jahr 1945 erfolgte Mobilisierung seines Opas, der in Karlsbad die Häuser der Sudetendeutschen inspizieren sollte. Zum anderen überlieferte Gesänge von Mönchen aus einem deutschen Radiogerät. In diesem Zusammenhang sprach er von „Wunden, die wir uns selbst angetan haben. Wir dürfen dankbar sein, dass wir so viel geschafft haben.“
Diese Teile der Gesellschaft immer noch spaltenden Aspekte und Themen würden sich in der Gesellschaft und in den Medien widerspiegeln, aktuell zugespitzt auch gegenüber Juden oder andere Minderheiten. „Die Begegnungen von Deutschen und Tschechen, die ich erlebe, sind ökumenisch geprägt. Und immer sind auch Angehörige der deutschen Botschaft dabei. Die Sache ist wichtig, unabhängig von Religion und Glauben“, erklärte Přibyl.
Daher werden die Versöhnungsarbeit und die Begegnungen auch in seiner neuen Funktion als Prager Erzbischof einen hohen Stellenwert einnehmen. Sp hat er in seiner Predigt bei der Amtseinführung den Heiligen Adalbert, den Patron des Erzbistums Prag und Tschechiens, als Vorbild und Inspiration für seinen Dienst als Erzbischof genannt – auch im Hinblick auf die Suche nach dem, was verbindet, und den Respekt, was vom Anderen unterscheidet. Damit verbunden sei – wie es auch Adalbert praktiziert hat – „die Suche nach neuen Wegen“, so der Erzbischof. Auch den auf der Prager Karlsbrücke als Statue stehenden Brückenheiligen Johannes Nepomuk vergaß er nicht. Für den Erzbischof ist es wichtig, „die Unterstützung auch bei anderen zu suchen beziehungsweise als Vorbild zu dienen, den Weg der Versöhnung und nach vorne zu gehen.“
Die nur ca. zehn Prozent, die sich in Tschechien zu einer christlichen Konfession bekennen, nannte Moderator Karlitschek und verband das mit der Frage an den Erzbischof, wie dorthin Brücken gebaut werden können. „Wir sind kein atheistischen Land. Der Atheismus ist auch eine Art Religion“, stellte der Oberhirte klar. Auch in Tschechien seien die Menschen in gewisser Weise religiös, würden aber zu einem guten Teil populistischen Strömungen folgen. In den zurückliegenden Wochen seien in seinem Zuständigkeitsbereich viele Sachen passiert, die auf ein großes Potenzial hindeuten. Offen sei, ob dies auch nutzbar sein wird. Eine wichtige Rolle wies er dabei der Spiritualität und der Gemeinde/Gemeinschaft zu.
Bei diesen Aspekten lag die Frage nach dem Synodalen Weg nahe. Erzbischof Přibyl wies in diesem Kontext auf ein an diesem Tag übergebenes Memorandum mit dem Verein, der mit den Missbrauchsopfern arbeitet, hin. „Wir werden uns weiter mit den Opfern treffen und ihre Geschichten anhören. Es ist zwar ein langsamer Prozess, aber auch ein Weg der Versöhnung“, nahm er zu diesem Aspekt Stellung. In seiner bisherigen Diözese Leitmeritz habe er sich stark für den Synodalen Weg eingesetzt, so dass die Arbeit auf der synodalen Ebene gut funktioniert habe. Im Erzbistum Prag hingegen gebe es noch Widerstände, „für mich ist das aber der richtige Weg. Die Zeiten, in denen der Pfarrer alles entschieden hat, sind vorbei“, machte er deutlich.
Im anschließenden Diskussions- und Fragenteil wollte Prof. Dr. Bernhard Dick wissen, ob Papst Leo XIV. schon nach Tschechien eingeladen worden sei. Dies bejahte der Erzbischof, für das Johannes-Nepomuk-Jubiläum im Jahr 2029 (300 Jahre Heiligsprechung) liege eine Einladung vor. Nach dem Verhältnis zwischen Kirche und Staat fragte Dr. Christian Geltinger. „In der Gesellschaft werden wir nicht an den Rand gedrängt“, stellte der Oberhirte zunächst fest. Manchmal gebe es aber „politische Schritte gegen die Kirche“, zudem seien manche Gläubige ultrakonservativ, was wiederum die Kirche bisweilen an den Rand bringe. Christoph Lippert wies auf den hohen Stellenwert der Ackermann-Gemeinde bei den Leitmeritzer Versöhnungsaktivitäten hin. Hier nannte der Erzbischof den Zusammenhang der Wallfahrt nach Philippsdorf jährlich am 13. Januar und der Gründung der Ackermann-Gemeinde an eben diesem Tag im Jahr 1946 in München. Darüber hinaus beruhe die Idee zur Versöhnung auf dem christlichen Glauben und Gedenken. Der aus Böhmisch Kamnitz stammende Helmut Schmidt blickte auf seine Heimatstadt und wollte wissen, ob die Aktivitäten der Kirche in Tschechien ausreichend sind. „Es gibt immer einen großen Spielraum an Potenzialen. Manches verschwindet, aber es werden auch von Nichtgläubigen Traditionen erneuert. Doch es wird manchmal nicht so gut gepflegt wie früher. Wichtig ist, sich zu erinnern, wie das Leben früher war“, antwortete der Erzbischof.
„Versöhnung kann nicht enden, die Wunde muss geheilt werden. Ich freue mich, dass es Initiativen wie Meeting Brno gibt. Wir finden immer wieder neue Freunde und Beziehungen, die wie wir weiter wollen. Nicht die Vergangenheit abschließen, sondern den Weg weitergehen, über Versöhnung und Vergebung nachdenken. Bleiben Sie so wie Sie sind und geben Sie nicht auf!“ Mit dieser Botschaft der Hoffnung schloss der neue Erzbischof seine Ausführungen.
Dieser Themen-Zoom fand übrigens am Vorabend des Marsches von Postelberg nach Saaz zum Gedenken an das Massaker an Deutschen in Postelberg vor 81 Jahren statt. Auch Erzbischof Stanislav Přibyl nahm daran teil.
Markus Bauer