Können Traumata vererbt werden?
- Dienstagszoom
Caro Matzko beim Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde
Einen nicht alltäglichen Gast hatte der jüngste Kulturzoom der Ackermann-Gemeinde zu bieten: die Autorin, Journalistin, Key-Note-Speakerin und Moderatorin Caro Matzko. Vor allem als Co-Moderatorin der BR-Kultfernsehsendung „Ringlstetter“ war sie in den letzten Jahren aktiv. Doch sie hat sich auch mit dem Flüchtlingsschicksal ihres 92-jährigen Vaters, der aus Ostpreußen stammt, auseinandergesetzt. Daraus ist ihr Buch „Alte Wut. Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste“ entstanden. Daraus las sie einige Passagen und erzählte über ihren Umgang mit dieser Thematik.
An 60 zugeschalteten PCs waren weit mehr Interessenten dabei. Moderatorin Sandra Uhlich stellte die im Jahr 1979 in Ulm geborene Carolin „Caro“ Matzko nur kurz vor: Sie hat Kommunikationswissenschaft, Politik und Soziologie studiert. Bei Podiumsdiskussionen wirkt sie mit, darüber hinaus arbeitet sie im Radio und TV für Bayern2, ARD und ARTE. Weitere Informationen zu ihrer Person gab es in einem Comic von Elias Hauck, der auch bei „Ringstetter“ die Comic-Porträts der prominenten Gäste erstellte.
Die über Jahre, ja Jahrzehnte fast täglichen Erzählungen ihres Vaters über die Ereignisse und Erlebnisse bei seiner Flucht als Zehnjähriger aus Ostpreußen „haben mich geprägt“, so Caro Matzko. Eines Tages, 80 Jahre später, entschied sie sich zur Reise entlang der Fluchtroute ihres Vaters.
Bis dahin prägten aber Essstörungen, Magersucht, Kämpfe gegen Depression und Burn-out ihr Leben – sowie verschiedene Psycho- bzw. Trauertherapien (unter anderem EMDR: Eye Movement Desensitization and Reprocessing - Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen). „Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich es verstanden habe. Lange Zeit habe ich alles im Kontext ‚Heimatvertriebene‘ abgelehnt, damit wollte ich nichts zu tun haben. Ich wollte diese Schwere im Leben nicht haben“, blickte die Autorin zurück.
Die Wende und damit der Beginn der Auseinandersetzung mit ihrem und zugleich dem Trauma ihres Vaters kam im Kontext des Porträts über sie in der BR-Reihe „Lebenslinien“. Unter dem Titel „Caro Matzko – Trauriges Mädchen, witzige Frau“ erfolgte am 1. Mai 2023 die Erstausstrahlung – auch mit O-Tönen ihres Vaters. Es gab viele Rückmeldungen, auch aus dem Vertriebenenbereich, so dass sie bereit war, hier aktiv zu werden. Letztlich war dann die Einladung vom Haus des Deutschen Ostens München zu einem öffentlichen Gespräch der Durchbruch. Denn die Moderatoren Prof. Dr. Andreas Otto Weber und Dr. Wolfgang Schwarz hatten ein Bild vom Hotel ihres Großvaters dabei. „Da war ich plötzlich wahnsinnig gerührt, dieses Foto hat alles geändert“, bekannte Matzko und sprach von einem „neuen Bild von Heimatvertriebenen“.
Danach wurde sie vom Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung nach Berlin eingeladen. Bei diesen Aspekten ist für sie besonders auch das Leid der Menschen, das mitunter bis heute spürbar ist, und die Verantwortung der Deutschen für den Zweiten Weltkrieg wichtig. „Ich habe immer mehr verstanden, wie die Familienmitglieder aus ihrem Leben gerissen wurden, was es angerichtet hat“, erklärte sie. Zudem vergaß sie nicht zu erwähnen, dass ihr Vater AfD-Mitglied ist.
Allmählich hat sie auch verstanden, dass sich die seelischen Verletzungen ihres Vaters in ihrem eigenen Leben fortgepflanzt hatten. „Der Vater erzählte jedem seine Geschichte und konnte richtig zornig werden“, schilderte sie. Eine „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ sei dies, und daher wollte sie sich auf die Suche nach dem Kernpunkt des Traumas machen – zu dem Ort, „wo mein Vater bei der Flucht seinen Vater verloren hat“. Er verlor seine Heimat, seine Kindheit und erlebte Dinge, die kein Mensch je vergisst.
Also machte sich Caro Matzko im Sommer 2024 auf nach Ostpreußen, um die Fluchtroute ihres Vaters nachzuvollziehen, ja „um ein Gefühl für Ostpreußen zu bekommen“. Wichtig war ihr aber auch, ihre Eindrücke und Erfahrungen an die junge Generation weiterzugeben, ja zu verstehen, was passiert ist und dass so etwas nie wieder passiert. Viele Dörfer und Städte wurden für sie „Orte der Begegnung“, sie hat ein „Gefühl dafür (bekommen), woher der Vater kommt“.
Auf die Frage von Rainer Karlitschek, warum ihr Vater keinen Frieden gefunden habe und destruktiv geblieben sei, antwortete Matzko, dass dieser wohl kein Bewusstsein für das Trauma aufgebaut und keine Notwendigkeit für eine psychologische Behandlung gesehen habe. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sei bei männlicher Depression die Reaktion bzw. ein Symptom oft Wut. „Mein Vater ist seit Jahrzehnten depressiv“, folgerte die Autorin. Diese Tatsache wiederum sei erleichternd für sie gewesen, da damit klar geworden sei, dass es nicht an ihr lag und liegt. Neben der historischen und psychologischen Ebene könnten Traumata auch auf die politische Ebene überschwenken, vertiefte Karlitschek. Die Phase der Etablierung der DDR, wo Vater Matzko einige Zeit nach der Flucht lebte, könnte – so Caro Matzko – Spuren hinterlassen haben. Jedenfalls hatte sie bei ihrem Aufenthalt in Ostpreußen dann ein weiteres Déjà-vu - im Hotel in Osterode neben dem Bismarckturm. Denn dort war auf der großen Tapete im Treppenhaus das Hotel ihrer Großeltern abgebildet.
Markus Bauer