Heimat – philosophisch betrachtet!
- Dienstagszoom
Themenzoom mit Prof. Dr. Alfred Hirsch zum Thema / seinem Buch „Heimatweh“
An 34 PCs hatten sich wieder am Abend des ersten Dienstags im Monat die Interessenten des Themenzooms der Ackermann-Gemeinde versammelt. Diesmal – konkret am 5. Mai – stellte der Autor und Philosoph Prof. Dr. Alfred Hirsch sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Heimatweh – Eine philosophische Erzählung“ vor. Im Gespräch und auch in den Diskussionsbeiträgen ging es natürlich um die verschiedenen Facetten von „Heimat“.
Den an der Universität Witten-Herdecke (Nordrhein-Westfalen) lehrenden Dozenten stellte Moderator Rainer Karlitschek vor. Alfred Hirsch studierte Philosophie, Germanistik und Politikwissenschaft in Münster, Hamburg, Paris und Bochum und war Forschungsstipendiat an der New York State University. Er unterrichtete an der Université Paris Sorbonne/IV, der Universität Hildesheim und war Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. In seinen Veröffentlichungen beschäftigte er sich mit Gewaltrechtfertigung nach Hobbes, mit interkultureller Menschenrechtsethik sowie mit Jean-Jacques Rousseaus Traum vom ewigen Frieden. Im Podcast „Das philosophische Radio“ des Westdeutschen Rundfunks (WDR 5) hat er sein aktuelles Buch in einer der jüngsten Ausgaben präsentiert.
Zunächst ging Hirsch auf die Genese des Wortes „Heimat“ ein. Dabei handle es sich in der deutschen Sprache um ein altes Wort, das etwa bis zum 18. Jahrhundert den Hof, also die unmittelbare Wohn- und Lebensstätte, bezeichnet hat. Ende des 18. bzw. zu Beginn des 19. Jahrhunderts – in der Romantik - vollzog sich der Bedeutungswandel hin zum heutigen Gehalt im Kontext und in der Auseinandersetzung mit der Ferne, dem Fremden – als „Thematisierung des Fernwehs“ und Ausdruck der „Sehnsucht nach und Schwärmen von der Heimat“, so Hirsch. Die Frage „Woher komme ich überhaupt?“ habe sich in vielerlei Aspekten dann im 19. Jahrhundert verstetigt und eine große Rolle im deutschen Raum eingenommen: Es entstanden in nahezu allen Orten und Dörfern Heimatmuseen, eine erste Instrumentalisierung des Begriffs erfolgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine politische Vereinnahmung des Begriffs „Heimat“ geschah durch den Nationalsozialismus. Nach 1945 kam es zu einer Wiederbelebung des Begriffs in Filmen, Bildern, Literatur und Musik, aber auch im Kontext der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. „Die Sehnsucht nach Heimat nach der Ankunft in der Fremde, die Erinnerung an eine verlorene Heimat“, stand damals – von den 1950er bis in die 1970er Jahre – im Mittelpunkt, so der Referent.
Dem setzt Hirsch den Begriff „Heimatweh“ entgegen. Dieser drückt das Denken und Empfinden aus, dass man um die Heimat und Vertrautheit zwar weiß, einem aber auch bewusst ist, dass es kein Zurück gibt. „Heimat-Weh ist etymologisch eine interessante Zusammenfügung“, erläuterte er. Denn die Silbe „weh“ stammt, so Hirsch, aus dem Schwyzerdeutschen. „Heimatweh“ ist demnach nicht nur auf einen realen Ort bezogen, sondern betrifft auch eine Zeit bzw. einen Ort, der offensichtlich nie gesehen wurde. Hirsch wies in diesem Kontext darauf hin, dass beim Menschen konkrete Erinnerungen erst etwa ab dem vierten Lebensjahr lebendig sind.
Nach diesen einleitenden Ausführungen und Gedanken las Hirsch eine längere Passage aus seinem Buch, wo es auch um seine eigenen Heimat-Bezüge ging. Heimatverlust kann demnach auf unterschiedliche Weise geschehen – durch Vertreibung oder „Wegbaggern“ des Heimatortes oder -dorfes, verbunden dann mit Neuansiedlung andernorts. Was bleibt, ist oft die Bindung und Sehnsucht an den Ort bzw. Raum. Hirsch brachte hier den Begriff „Lebenswelt“ ins Spiel, möglich ist für ihn eine zweite Heimat oder neue Beheimatung, wobei eine gewisse Offenheit nötig sei. „Ob es eine neue Heimat wird, das zeigt sich oft erst später“, fasste er zusammen.
In den Diskussionsbeiträgen ging es unter anderem um das Recht auf Heimat, um vergleichbare Wörter in anderen Sprachen (nur in mittel- und osteuropäischen Ländern), um die Abgrenzung zu Nation und Staat, die Existenz des Wortes „Heimat“ im Singular und die Kirche als Heimat in Form des Gebäudes und der Institution. Zur Heimat trägt letztlich, so Hirsch, immer auch die Auseinandersetzung mit den Menschen, dem Ort und der Kultur bei.
Markus Bauer