„Eine tragische Wandergeschichte unfreiwilliger Art“
Kultur-Zoom der Ackermann-Gemeinde zum Thema „Russlanddeutsche“ mit Ira Peter
Bereits zum zweiten Mal war Ira Peter Gast beim Ackermann-Zoom. Ihre Premiere hatte sie im Juli 2022, als sie über ihre Erfahrungen als Stadtschreiberin in Odessa berichtete. Nun stellte sie ihr im März vergangenen Jahres erschienenes Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ vor. An 54 Bildschirmen verfolgten weit mehr Frauen und Männer die Ausführungen der 43-Jährigen, die darin auch ihre eigene Biografie widerspiegelt.
Auf diesen zweiten Auftritt bei der Ackermann-Gemeinde und die damaligen Zeitumstände kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine wies auch Moderatorin Sandra Uhlich in ihrer Einführung hin.
„Es ist Zeit, nicht nur über, sondern mit den Russlanddeutschen zu sprechen“ konkretisierte die Referentin. Bis zum Ackermann-Zoom hatte sie 100 Lesungen absolviert, wo sie auch mit vielen Russlanddeutschen ins Gespräch kam. Ihr Buch charakterisierte sie als „ein politisches Sachbuch, aber sehr persönlich und bildhaft erzählt. Die Familiengeschichte steht stellvertretend für die Geschichte ganz vieler Russlanddeutscher“. Die als Jouralistin, Podcasterin, Moderatorin und Autorin tätige Peter ist 1983 in der damaligen Sowjetrepublik Kasachstan geboren und wuchs nach der Übersiedlung der Familie in Baden-Württemberg auf. Osteuropa, der Balkan und Zentralasien bildeten die Ziele der Reisen, über die sie berichtete. Ihr Podcast „Steppenkinder“ zur Aussiedler-Thematik (45 Folgen) erhielt einige Preise, ebenso ihre Podcast über die Stadtschreiber-Zeit in Odessa, und inzwischen auch ihr Buch „Deutsch genug?“
Detailliert schilderte Ira Peter in ihrem Vortrag, ergänzt von Aspekten aus der Geschichte ihrer eigenen Familie, die Historie der Russlanddeutschen: von der Einwanderung und Besiedlung des „großen russischen Zarenreiches“ durch Deutsche, die von der Zarin Katharina der Großen angeworben wurden. Von 1763 bis Mitte des 19. Jahrhunderts lässt sich die deutsche Auswanderung dorthin datieren, die Deutschen siedelten sich vor allem an der Wolga an, weshalb sie auch „Wolga-Deutsche“ genannt wurden. Später erfolgten auch Besiedlungen in anderen Regionen. Die Vorfahren von Ira Peter landeten etwa in Wolhynien, das heute zur Ukraine gehört. Große Einschnitte für die Deutschen gab es unter Stalin in der Sowjetunion: zum einen erste Deportationen nach Kasachstan bereits im Jahr 1936, zum anderen nach dem Angriff Hitler-Deutschlands gegen die Sowjetunion im Jahr 1941 die Zwangsumsiedlung aller Deutschen, die westlich des Ural lebten. Dazu kamen Erschießungen, Arbeitslager, Trudarmee (Zwangsarbeit). „Offiziell gab es in der Sowjetunion nach dem Krieg keine Deutschen mehr“, fasste Peter diese Phase zusammen. Erst im Dezember 1955 wurden die Kommandanturen aufgelöst, doch eine Rückkehr in die früheren Gebiete war bis 1972 nicht erlaubt. Für die meisten war es dann zu spät, um in ihre ehemalige Region zurückzukehren. Außerdem waren oft die Dörfer zerstört oder es wohnten andere Menschen in den Häusern. Die Referentin charakterisierte die Zeit bis dahin als „eine tragische Wandergeschichte unfreiwilliger Art“.
Gravierende Änderungen gab es ab Mitte der 1980er Jahre (Michail Gorbatschow, Helmut Kohl). Deutschland sah nicht nur die deutschen Vorfahren. Ein wesentlicher Grund für das nun verstärkte Engagement hinsichtlich der Russlanddeutschen lag vor allem darin, „weil die Bundesrepublik die Russlanddeutschen bis heute als Opfer des Nationalsozialismus erachtet“, so die Referentin. So stieg ab Beginn der 1990er Jahre die Zahl der Aussiedler aus Russland, die Familie Peter reiste im Sommer 1992 aus. Die oft hohen Erwartungen, ja die Euphorie relativierten sich oftmals schnell angesichts knappen Wohnungsraums und Notunterkünften. „Wir dachten, wir sind ‚Deitsche‘. Und hier haben wir erfahren, dass wir Russen sind“, zitierte Ira Peter eine vielfach ausgesprochene Aussage von Aussiedlern aus der früheren Sowjetunion. Vielfach mangelndes Wissen in der deutschen Bevölkerung über die Russlanddeutschen habe zu Vorurteilen und Negativschlagzeilen geführt. „Die Geschichte der Deutschen aus der ehemaligen UdSSR ist Teil der deutschen Geschichte. Wir sind die größte Einwanderungsgruppe und damit Teil der gesamtdeutschen Erzählung“, fasste Peter zusammen. Das Lernen der Sprache und die Anerkennung von Qualifikationen (oft sehr lange Dauer) waren bzw. sind für die Referentin die zentralen Aspekte für eine gelingende Integration.
Markus Bauer