Berg-Karabach - ein vergessener Konflikt?
- Dienstagszoom
Themenzoom der Ackermann-Gemeinde mit Dr. Harutyun Harutyunyan
Nach Asien, konkret nach Armenien, führte der jüngste Themenzoom der Ackermann-Gemeinde Anfang August. An 36 PCs verfolgten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Ausführungen des Theologen Dr. Harutyun Harutyunyan zum Thema „Berg-Karabach und die Folgen für Armenien“. Deutlich wurden dabei die historischen Hintergründe und die bis heute währenden Konfliktpotenziale in den verschiedenen Bereichen.
In deutschen Nachrichten taucht der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan kaum auf, doch in Berg-Karabach schwelt es schon lange. Das hat im Jahr 2023 konkret zur Vertreibung der Armenier aus ihren traditionellen Siedlungsgebieten dort geführt. Und in Armenien stellt sich derzeit ganz pragmatisch die Frage, wie man damit umgeht - und welchen Kurs die Regierung einschlägt. Dass die älteste christliche Staatskirche der Welt in diesem Konflikt nicht mit der Position der Regierung übereinstimmt, macht die Situation nicht leichter.
Überaus schwierige Fragen und Verflechtungen, die Dr. Harutyun Harutyunyan erläuterte. Der frühere Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde Matthias Dörr hatte diesen im Kontext seiner jetzigen Arbeit bei Renovabis kennengelernt und für eine Zoom-Sitzung empfohlen, wie Moderator Rainer Karlitschek einleitend erklärte. Harutyunyan ist am Zentrum für Interkulturelle und Religiöse Studien an der Staatlichen Universität von Jerewan tätig. Neben theologischen Fragen widmet er sich der Friedensarbeit, Konfliktforschung, Geschichte und unterstützt NGOs (Community Development NGO, Renovabis). Seine internationalen Erfahrungen belegen Studiums- und Forschungsaufenthalte in Münster, Berlin, Kanada und Amerika. Mit der Nennung eines konkreten Spannungsfelder, der Wiederwahl des europafreundlichen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan versus der russlandfreundlichen Haltung eines Großteils der Kirchenvertreter, leitete der Moderator auf den Vortrag über.
Einleitend charakterisierte Harutyunyan sein Heimatland in Bezug auf Geschichte (3000 Jahre, Christentum seit 301 n. Chr.), Geografie (2,9 Mio. Einwohner, Nachbarländer Georgien, Türkei, Iran, Aserbaidschan, sehr gebirgig), Kultur (eigenständiges armenisches Alphabet, tief verwurzelte Traditionen, melancholische Musik, leckeres Essen, Schach) und politische Aspekten (parlamentarische Republik seit 1991, viele Armenier im Ausland). Das historische Armenien sei zehnmal größer gewesen als das heutige, merkte der Referent an. Bereits im Ersten Weltkrieg habe es einen Genozid gegeben, zur Zeit der Sowjetunion seien Teile an Aserbaidschan und Georgien gekommen. Die Hauptkonflikte betrafen vor allem Arzach (armenisch für Bergkarabach), historisch die zehnte Provinz des antiken Königreichs Armenien. Es handle sich um „die gleiche ethnische Gruppe mit einem anderen Dialekt, Mentalität, kulturellen Merkmalen, religiösen Traditionen und politischen Identitäten“, beschrieb Harutyunyan auf einer seiner Folien. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde 1991/92 die Republik Arzach proklamiert, die international aber nicht anerkannt wurde. Im September 2023 führte eine aserbaidschanische Militäroffensive zur Flucht der gesamten dortigen armenischen Bevölkerung, die Institutionen der Republik Arzach wurden zum 1. Januar 2024 aufgelöst. Als wesentliches Charakteristikum nannte der Referent das weit verbreitete „Leben und Glauben in Einklang mit der Natur“, was sich vor allem in der Verwendung vieler Kräuter und in der Gestaltung von Kirchen und Klöstern zeigt. Zudem seien vorchristliche Elemente, zum Beispiel die frühere Verehrung einer heute über 2000 Jahre alten Platane, sehr verbreitet gewesen.
Unter der Überschrift „Der aufgezwungene Exodus im September 2023“ schilderte der Referent – auch anhand zahlreicher Fotos sowie individueller Schicksale und Eindrücke (zum Beispiel Mary Asatryan) - die Flucht beziehungsweise Vertreibung der armenischen Bevölkerung aus Bergkarabach, die zwei bis drei Tage gedauert hat. Ebenso beleuchtete Harutyunyan Einrichtungen und Maßnahmen der Flüchtlingsbetreuung und der Integration durch NGOs und die Kirche. Er ging auf die Traumatisierung vor allem bei Kindern ein und stellte exemplarisch das Renovabis-Projekt vor, das eine langfristige und nachhaltige Selbstversorgung zur Unterstützung von Flüchtlingsfamilien in Wayotz Dzor bewirken soll. Musisch-kultuell-kreative Elemente bilden dabei einen Schwerpunkt, wo die Kinder und Jugendlichen ihre Erfahrungen verarbeiten. Besonders gelungen, ja professionell waren dabei die von der damals 14-jährigen Marianna Mirzabekyan erstellten Bilder, die inzwischen in Deutschland zwei Ausstellungen hatte. Der Großteil der Gefüchteten lebt heute in Jerewan oder benachbarten Regionen – nicht jedoch, aus Furcht vor einem neuen Konflikt, an der Grenze.
Abschließend ging der Referent auf die sozialen Herausforderungen ein. Als wesentliche Aspekte nannte er das Wirtschaftswachstum und die Marktbedingungen in Armenien, grundsätzlich seien aber für die 115.000 Flüchtlinge weit mehr als die derzeit verfügbaren Mittel nötig. Als problematisch skizzierte er zudem den andauernden Konflikt zwischen der Regierung und der Kirchenleitung seit Dezember 2020 und nannte dazu einige Punkte (z.B. Besuch des Patriarchen im Mai 2025 in Minsk statt der Amtseinführung von Papst Leo XIV. Von insgesamt 56 Bischöfen stünden nur neun für Reformen und auf Seiten des Ministerpräsidenten, im November 2025 wurde Erzbischof Ezras Nersisyan persönlich vom russischen Diktator Vladimir Putin ausgezeichnet. Eine innerkirchliche Reform mit nur neun Bischöfen und 30 Priestern sei nur schwer denkbar. Viele Fragen seien offen: wie wird das Thema der Arzach-Armenier in der aktuellen Konfrontation zwischen Kirche und Staat genutzt oder missbraucht? Wie wird diese Gruppe nach den Parlamentswahlen (Juni 2026) eingebunden, ausgenutzt oder manipuliert? Wie steht es um ihren zukünftigen Status (im Besonderen) und die regionale Friedensstiftung (im Allgemeinen)? Bleiben sie als Flüchtlinge oder kehren sie eines Tages in ihre Heimat zurück? Wie steht es mit den neuen politischen Ideen und Vorschlägen zum ideologischen Wandel – historische Vergangenheit versus aktueller Realismus? Der amerikanische Präsident Donald Trump habe zumindest zwischen Armenien und Aserbaidschan vermitteln können („Trump Route for International Peace and Prosperty“), insgesamt seien zur Lösung der Problematik aber noch viele Schritte nötig.
Markus Bauer