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XXXIV. Brünner Symposium 2026 "Dialog in der Mitte Europas"

zum Thema "Menschenrechte in einer unmenschlichen Welt. Gemeinsame Grundlagen in einer Ära ohne Konsens?"

Über 150 Teilnehmer trafen sich vom 27. bis 29. März 2026, traditionell eine Woche vor Ostern, zum mittlerweile 34. Brünner Symposium, das von der Ackermann-Gemeinde und der Bernard-Bolzano-Gesellschaft veranstaltet wurde und das sich diesmal den Menschenrechten in einer unmenschlichen Welt widmete und die Frage stellte, ob die Menschenrechte noch eine gemeinsame Grundlage sind in einer Ära ohne Konsens. 

Dazu hatten die Organisatoren Albert-Peter Rethmann und Matěj Spurný Professorin Celia Donert, eine britische Historikerin der neueren europäischen Geschichte von der Universität von Cambridge eingeladen, die Deutsch und Tschechisch versteht, ihre Ausführungen aber auf Deutsch vortrug. In ihrem Vortrag zur „Geschichte und Gegenwart des Konzepts der Menschenrechte“ entfaltete sie vor allem auf angelsächsischen Diskussionen fußend die Geschichte der Menschenrechte der letzten über 200 Jahre und zeigte auf, dass Menschenrechte „niemals bloß universelle, abstrakte Ideale waren“. Sie seien zutiefst historisch geprägt, seien eingebettet in vergangene Konflikte und seien oft erst als Ergebnis erheblicher Gewalt entstanden. Insofern sei das moralistische Ideal, in dem Menschenrechte nur dazu dienten für eine neoliberale Welt endlose Kriege zu rechtfertigen, also eine Heuchelei, wie es von links und rechts bei ihren Angriffen auf die liberale internationale Ordnung behauptet wird, nicht die einzige Form der Menschenrechte in der Geschichte. Sie nahm dabei Bezug auf die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carneys in Davos zu Václav Havels Idee des „Lebens in der Wahrheit“ und fragte am Schluss ihres Vortrags: Wie kommen wir über die Vorwürfe der Heuchelei hinweg, wenn wir die Idee der Menschenrechte in der „postfaktischen Welt der Internationalen Ordnung des 21. Jahrhunderts“ nicht aufgeben und sie verteidigen wollen?

Dieser Auftakt des diesjährigen Symposiums hatte wieder viele Begleiter. Zuerst die beiden Schirmherren, die Oberbürgermeisterin der Stadt Brünn Markéta Vaňková und der Hauptmann von Südmähren Jan Grolich. Für Markéta Vaňková sprach das Mitglied des Stadtrates Anna Putnová ein Grußwort. Jan Grolich sandte eine Videobotschaft, die in den Historischen Sitzungssaal des Neuen Rathauses der Stadt Brünn projiziert wurde. Der tschechische Botschafter in Deutschland Jan Čistecký erinnerte an den langen Atem, den das Symposium bewiesen habe und hob dabei die wichtige Rolle von Monsignore Anton Otte hervor, der den „Dialog in der Mitte Europas“ neben anderen zu einer echten Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen weiterentwickelte. Wenn er das diesjährige Treffen noch erleben könnte, wäre er sicher sehr froh. Auch die Gesandte der Deutschen Botschaft in Prag Petra Dachtler und der Vertreter der österreichischen Botschaft in Prag Andreas Wiedemann, der die Worte der kurzfristig verhinderten Botschafterin Bettina Kirnbauer vortrug, rekurrierten auf das Besondere des Dialogs in Brünn, aber auch auf die besondere Stellung der Menschenrechte für die völkerrechtliche Ordnung in der Welt, für die man sich weiterhin einsetzen wolle. 

Das erste Podium des Samstagvormittags, das im Tagungshotel International stattfand, wurde moderiert durch Zuzana Lizcová, Leiterin des Lehrstuhls für deutsche und österreichische Studien an der Karls-Universität in Prag, und suchte nach der Präsenz der Menschenrechte in der Außenpolitik. Dazu äußerte sich zuerst Professor Thomas Schwartz aus Augsburg. Der römisch-katholische Priester ist seit 2021 Hauptgeschäftsführer des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis und gelegentlich im ZDF seit 2022 mit Harald Lesch zur Thematik Naturwissenschaft und Glauben in der Reihe „Lesch sieht Schwartz“ zu sehen. Er berichtete von der Realität bei der Verfolgung von Völkerrecht und Menschenrechten in der deutschen Außen- und Entwicklungspolitik. Im West-Balkan, in Georgien, in Partnerländern wie den USA und Israel, aber auch in Deutschland selbst, wo auf Kosten von Osteuropäern (Pflege, Fleischindustrie oder der Prostitution) profitiert wird, werde die Verletzung von Menschenrechten nicht immer klar benannt. Der ungarische Historiker und Politologe András Hettyey von der deutschsprachigen Andrássy Universität in Budapest sprach über die Selektivität der Menschenrechte in seinem Land. Manche, wie die Rechte der nationalen Minderheiten ständen seit 1990 hoch im Kurs, manche, wie den Rechten der Christen in aller Welt würden mit Hilfsprogrammen 560 Projekte in 60 Ländern unterstützt. Manche allerdings seien Tabu, wie die Rechte von Migranten oder sexueller Minderheiten. Manche allerdings seien Tabu, wie die Rechte von Migranten oder sexueller Minderheiten. Professor Pavel Barša, der in Prag und Olmütz lehrt, machte an der Person Václav Havels die Spannung deutlich die Menschenrechte spielen können. Die bedingungslosen Menschenrechte, die Havel zeitlebens vertrat, konnte er in seiner Rolle als Präsident in einer interessengeleiteten Außenpolitik dann häufig nur noch eingeschränkt aufgreifen. Professorin Irena Lipowicz von der Kardinal- Stefan-Wyszynski-Universität in Warschau und zwischen 2010 bis 2015 Bürgerbeauftragte Polens, schließlich erinnerte an die maximale Ablehnung der Menschenrechte durch Russland, die so seit den 1930/1940er Jahren noch nie in Europa ausgesprochen wurde und deshalb auch eine maximale Bedrohung unserer Zukunft sei. Sie setzte dem die Tradition der Menschenrechte aus polnischer Erfahrung entgegen. Die Menschenrechte waren es, die die polnische Solidarność schon 1980 leiteten, durchaus christlichen Motive nacheifernd. 10 Millionen Polen, auch Kommunisten machten damals mit. Sie forderten eine Umkehr: Komm mit uns, trage des anderen Last und überwinde das Böse mit dem Guten. 

Der seit 15 Jahren stattfindende Europäische Essaywettbewerb hatte heuer einen provokanten Titel wie der Moderator Oliver Herbst, Journalist aus Ansbach und Teil der Jury, in seiner Vorstellung der Preisträger anmerkte: „Universelle Menschenrechte – ein herrlicher Mythos aus einer Welt von gestern?“ 16 Essays wurden in diesem Jahr eingereicht und die drei Preisträger der 25-jährige Václav Pavlů (Passau/Prag) als dritter, die 22-jährige Lina Bouhrass (Bremen) als zweite und der 24-jährige Pablo Dufour (Berlin/Paris) als Erstplatzierter ließen sich provozieren, steuerten vielfach persönliche und familiäre Erfahrungen mit Vertreibung, Einwanderung und Problemen von Minderheitspositionen bei und ordneten diese in allgemeine Darlegungen zur Aktualität von Menschenrechten ein. Einer der Ausrufer des Wettbewerbs, nämlich der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde Albert-Peter Rethmann, schlug am Ende der Preisverleihung spontan die Gründung eines Alumni Formats im Rahmen des Brünner Symposiums vor und fragte daher die Preisträger, ob sie im nächsten Jahr wiederkommen wollten. Sie stimmten interessiert zu.

Dies sind die Siegerbeiträge:

1. Platz: Pablo Dufour - Deutsch | Tschechische Übersetzung
2. Platz: Lina Bouhrass - Deutsch | Tschechische Übersetzung
3. Platz: Václav Pavlů - Tschechisch | Deutsche Übersetzung

In einer Runde zu Menschenrechtsfragen in einzelnen Ländern begrüßte am Samstagnachmittag Matthias Dörr, ehemals Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, heute bei Renovabis, die russische Journalistin Angelina Davydova (heute Berlin) und die belarussische Menschenrechtsaktivistin und Theologin Natallia Vasilevich (heute Bonn). Sie gaben einen Überblick zur Situation in Russland und Belarus. Interessant dabei die Zahlen, die Davydova bzgl. der politisch Verfolgten und Inhaftierten nannte. 4481 politisch Verfolgte gäbe es derzeit und 2053 säßen im Gefängnis. Eine recht überschaubare Zahl, die trotzdem Angst verbreitet und zur Einschätzung führt, dass die Verfolgung, die seit 2022 natürlich schlimmer geworden ist und viele Menschen ins Ausland flüchten ließ, immer noch gezielt, aber nicht generell stattfindet. Man arbeitet mit Angst und Ungewissheit. Der Krieg betrifft relativ wenig Menschen in Russland. Auf 140 Millionen Russen kommen etwa 100.000 bis 200.000 Tote, insgesamt sind nur etwa 600.000 in den Krieg involviert. 90 Prozent sind freiwillig dabei, machen es für Geld und auch die Familien bekommen Geld, wenn der Angehörige stirbt. 

Für Interessierte konnte eine Ausstellung im Mährischen Landesmuseum besucht werden, durch die die Kuratorin Petra Pichlová führte. „Paprsky svobody“/“Funken der Freiheit“ versammelt noch bis zum 19. April Zeugnisse der Brünner Dissidentenszene in den 1980er Jahren, die äußerst konspirativ agierte und deshalb faktisch unentdeckt blieb, und deren Unterstützung durch das Ausland, vor allem aus Großbritannien.

Der traditionelle deutsch-tschechische Gottesdienst fand in der neu renovierten St. Jakob Kirche statt. Die Predigt hielt Professor Thomas Schwartz auf Deutsch.

Am Palmsonntag schloss der Dialog in der Mitte Europas mit einer Podiumsdiskussion ab, die unter dem Titel „Menschenrechte in der Kontroverse“ stand. Moderiert wurde sie durch den Korrespondenten für Tschechien und die Slowakei Kilian Kirchgeßner in Prag.

Kontrovers waren dabei aber nicht die Menschenrechte an sich, sondern die unterschiedlichen Zugänge. Vor allem die beiden politischen Praktiker: die langjährige Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland und später langjähriges Mitglied des Europäischen Parlaments für Bündnis 90/Grüne Barbara Lochbihler und der Geschäftsführer Justitia et Pax, der Theologe, Historiker und Politikwissenschaftler Jörg Lüer, beide in Berlin ansässig, fassten die Menschenrechte als praktische Reaktionen auf konkrete Verletzungen von Menschen ganz im Sinne der historischen Perspektive, die am Anfang des Symposiums durch die Cambridger Historikerin Celia Donert vorgeschlagen wurde. Der Philosoph Václav Němec von der Karls-Universität Prag und der Historiker und Theologe aus Königgrätz Tomáš Petráček blieben bei einer feststehenden Interpretation der Menschenrechte bei ihren Beispielen der Verletzungen in unseren westlichen Gesellschaften.

Ulrich Miksch/ag

Medienecho

Radio Prag International: 

Interview Rethmann

Radio Prag International:

Interview Essayisten

Partner

Das XXXIV. Brünner Symposium findet statt unter der Schirmherrschaft von Dr. Markéta Vaňková, Primatorin der Stadt Brünn, und Jan Grolich, Hauptmann des Südmährischen Kreises.

Organisatoren:

Wir danken herzlich unseren Partnern und Förderern: