„Besuch der Gedenkstätte Bautzen II: Maßlose Unmenschlichkeit hinter graubraunen Mauern“

Bedrückend war der Besuch des ehemaligen Stasi-Gefängnisses.

Der ehemalige Stasi-Knast bei der "Stadt der lebendigen Bücher"
Eindrücke von Dr. Gertraud Heinzmann

Weniger um lebendige Bücher als um tote Steine handelte es sich bei der letzten Station der Rundgänge durch die Stadt Bautzen. „Bautzen II“, allgemein bekannt als ehemaliger „Stasi-Knast“, ist seit 1994 Gedenkstätte, die unter anderem an die politischen Gefangenen der DDR bis 1989 erinnert und für Demokratie und gegen rechten Missbrauch eintritt. Unter der sehr kompetenten Führung von Frau Catherina Rößler besichtigte eine Gruppe des Nachmittagsprogramms das gespenstisch anmutende, leere Gebäude des ehemaligen Gefängnisses. Die graubraune Fassade ist nur vom Einfahrtstor aus teilweise sichtbar, von außen ist das Gefängnis vom Gerichtsgebäude umgeben, um nicht enttarnt werden zu können.

Von historisch höchst interessant bis emotional extrem bestürzend reicht die Palette der Eindrücke auf dem Rundgang. Die historischen Fakten als solche sind bitter und unbegreiflich; doch um wie viel schlimmer mutet es an, an diesem authentischen Ort maßlosen Unrechts zu stehen, einem Bau aus kaltem Gestein und eisernen Gitterstäben. Die Bausubstanz entspricht dem Zustand der Jahre 1989/90, wirkt verstaubt und etwas marode. Mit den Informationen über Gebäude und Geschichte wächst das Entsetzen über das, was hier geschah, was dieses konkrete, anschauliche Beispiel aus dem 20. Jahrhundert an menschenverachtendem Verhalten, an Unerbittlichkeit und Unmenschlichkeit dokumentiert.

Die Führung durch das Gebäude Bautzen II befasste sich mit einer der insgesamt drei Epochen der beiden Gefängnisanlagen Bautzen I und II (1904-1989), und zwar mit der Zeitspanne von 1956-1989, daher wird sie auch „Stasi-Führung“ genannt.

Bautzen I im Norden der Stadt, bekannt als „Das gelbe Elend“, war von 1904-1933 Sächsische Landesstrafanstalt, von 1933-1945 benutzten es die Nazis zur Internierung politischer Gefangener und gesellschaftlicher Minderheiten, besonders aus den okkupierten Gebieten (Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten etc.). Im Unterschied zu den NS-Konzentrationslagern wurde hier nicht mit Vorsatz gemordet. 1945-1956 war es Speziallager der sowjetischen Besatzungszone zur Internierung von NS- und Kriegsverbrechern, aber auch von Oppositionellen. Mehr als 20.000 Häftlinge waren in Bautzen I über einen Zeitraum von elf Jahren festgehalten, mehr als 3.000 kamen ums Leben wegen der äußerst schlechten Versorgungslage, der miserablen hygienischen Bedingungen, den strengen Wintern. 1956 wurden die Gefängnisanlagen der Volkspolizei übergeben, die meisten politisch verfolgten Häftlinge wurden entlassen.

Eröffnet im Jahre 1906, wurde Bautzen II 1956 Sonderhaftanstalt des DDR-Regimes und unterstand - inoffiziell - dem MfS (Ministerium für Staatssicherheit). Vor allem waren hier politische Gefangene interniert. In den 1970er Jahren wurden Haftalltag und Strafmodalitäten minimal gelockert.
Die Besonderheit von Bautzen II gegenüber allen anderen DDR-Gefängnissen zwischen 1956-1989 liegt in der 100%igen Stasi-Kontrolle. Es ist erschütternd, mit welch unglaublich krimineller Energie das DDR-Regime seine Kritiker und Gegner psychisch mürbe und sich seiner gefügig machen wollte. Im Zweifelsfalle schreckte es vor keinem Mittel zurück. Ziel waren Einschüchterung und Konformität der Bevölkerung.

Unter den Exponaten stechen zwei Gefangenentransporter hervor; sie waren getarnt als normale Transportmittel, hatten winzige lichtlose und luftleere Zellen für die Gefangenen, von Toiletten ganz zu schweigen. Niemand sollte die Transporte bemerken, da es offiziell ja keine politischen Häftlinge in der DDR gab.

Durch eine Hintertür („Schlupftür“) konnten die Mitarbeiter des MfS ungesehen von ihrer Kreisdienststelle ins Gefängnis eintreten. Von den Diensträumen der Stasi mit gedämmten Wänden und Türen aus wurden die Aufnahmegespräche zwischen Stasi-Offizieren und Häftlingen nach deren Ankunft über ein Kabelsystem live in die Zentrale geleitet. Informationen über die Häftlinge und deren Einstellung sowie über ganz banale Dinge sollten abgehört werden, um die Gefangenen in der Haft gezielt demütigen zu können. Es gab auch Anwerbungsgespräche zur Kooperation mit der Stasi. Fast jede Form der Spitzelei zwischen Häftlingen und Wärtern und untereinander war denkbar – es hatte sich ein dichtes Spitzelnetz im Gefängnis etabliert. Um Macht und Kontrolle auszuüben, wurden Angst einflößende Methoden angewandt. Geschah die Mitarbeit mit der Stasi außerhalb der Gefängnismauern zu 95% aus Eigennutz, gingen die Häftlinge im Inneren besonders auf Lockangebote ein - denn der Griff nach dem Strohhalm war letzte Option. Die Häftlinge waren von der Außenwelt abgeschnitten und befanden sich in einem seelischen Ausnahmezustand. Bei Widerstand wurde der Druck auf sie erhöht und sie von unten und oben her isoliert.

Es war strengstens untersagt, die Modalitäten im Gefängnis nach außen hin preiszugeben. So gab es einige mysteriöse Unfälle von Entlassenen, auf die die Stasi angesetzt war, um zu testen, ob sie über die Haftbedingungen schwiegen oder nicht; sie wurden bis ins Ausland verfolgt.
Eine einzige Flucht ist dokumentiert: Dieter Hötger wurde im Herbst 1961 festgenommen, nachdem er von West nach Ost einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch gegraben hatte. Bei dieser Aktion war er von einem IM (Informellen Mitarbeiter) verraten worden. Es ist sehr beklemmend, in der Arbeitszelle Nr. 19 zu stehen und das nunmehr zugemauerte Loch zu betrachten, das Hötger 1964 mit einem Schraubenzieher durch die 60 cm dicke Mauer gebohrt hatte, als er dort in Isolationshaft saß. Unvorstellbar, dass ihm durch dieses Loch die Flucht aus dem Gefängnistrakt gelang. Erstaunlicherweise hatten die Alarm- und Schließanlagen versagt. Mittels der größten Suchaktion in der Geschichte der DDR wurde er nach acht Tagen aufgegriffen und neuerlich in Haft genommen. 1972 kaufte ihn die Bundesrepublik Deutschland frei.

Besonders betrüblich war am Ende der Führung der Anblick der Arrestzellen, in denen einzusitzen extreme psychische Belastung bedeutete und den völligen Verlust der menschlichen Würde. Für viele dieser Häftlinge hätte allein der Suizid die ersehnte Befreiung bringen können. Doch selbst dieser letzte Ausweg wurde ihnen durch die massiven Kontrollen nahezu unmöglich gemacht. Als die subtilste Form, einen Menschen in seiner Substanz zu zerstören, bezeichnete Werner König, ehemals Häftling in einer dieser Arrestzellen, diese Form der Internierung. Man könnte es auch anders bezeichnen: Es handelte sich um nichts weniger als um psychischen Mord.