Sudetendeutsche Christen an Christen in der Tschechischen Republik

Ein Jahrtausend endet, ein neues Jahrtausend bricht an. An diesem Einschnitt der Menschheitsgeschichte senden wir Euch Grüße und Segenswünsche. Wir tun es, weil wir Euere Nachbarn und Euere ehemaligen Mitbürger sind. Mit diesem Brief wollen wir Euch ein Zeichen unserer Hoffnung geben, dass es uns in der kommenden Zeit gemeinsam gelingen wird, einander immer besser zu verstehen und eine solide Nachbarschaft in der Mitte Europas aufzubauen.

In diesen Tagen hörten wir die Botschaft des Weihnachtsevangeliums: Fürchtet Euch nicht! Diese Botschaft will uns allen Mut machen, aufeinander zuzugehen. Wir möchten sie aufgreifen und Euch sagen: Fürchtet Euch nicht vor uns! Wir sind nicht vollkommen, aber auch nicht so schlecht wie es Euch kommunistische und nationalistische Propaganda jahrzehntelang indoktriniert hat. Es ist nicht wahr, dass Euere ehemaligen Mitbürger die Geschichte rückgängig machen möchten. Ihre verantwortlichen Repräsentanten sind sich darin einig, dass es niemals zu einer neuen Vertreibung oder zu einer Enteignung der heutigen privaten Eigentümer kommen darf. Ihr und unser Drängen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschehene Vertreibung als solche zu verurteilen, zielt vielmehr darauf ab, eine Wertegemeinschaft von Tschechen und Deutschen zu festigen, die Vertreibungen für alle Zukunft ächtet und so zugleich das verletzte Gerechtigkeitsempfinden der Opfer heilt. Uns liegt daran, dass Unrecht - wer immer es verübt hat - auch so genannt wird. Aber wir werben zugleich dafür, dass sich immer mehr Menschen auch persönlich die Haltung zu eigen machen, zu der unsere kirchlichen und staatlichen Repräsentanten schon wiederholt öffentlich aufgerufen haben: aufrichtige Bereitschaft zur Versöhnung.

Wir möchten Euch aber vor allem einladen, mit uns darüber nachzudenken, was wir künftig besser machen müssen. Uns bedrängt vor allem die Frage: Wie können wir verhindern, dass die Zugehörigkeit zur eigenen Nation wichtiger genommen wird als alles andere, was Menschen im Übrigen gemeinsam haben? Wir wollen und werden selbstverständlich Tschechen und Deutsche bleiben. Aber wir müssen gemeinsam darauf achten, dass die nationale Verschiedenheit nie wieder mit der Unterscheidung von gut und böse, Freund und Feind gleichgesetzt wird. Der Gedanke, dass wir alle Europäer sind, wird uns dabei helfen können.

Aber wir sind nicht nur Europäer. Wir sind auch Christen. Darin steckt eine große Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Ihr und wir haben ein gemeinsames Fundament. Das bietet uns die Chance, über alle Grenzen hinweg ein Gemeinschaftsbewußtsein zu entwickeln. Und diese Chance dürfen wir nicht ungenutzt lassen. Denn wir müssen uns gemeinsam darum kümmern, dass in Europa christliche Werte zur Geltung kommen.

Wir grüßen alle, die sich schon mit uns auf den Weg gemacht haben, insbesondere unserer Freunde aus der Sdruzeni Ackermann-Gemeinde und aus der Tschechischen Christlichen Akademie. Wir grüßen alle, die unseren Brief so verstehen wie er gemeint ist: als Einladung zum Engagement für ein gutes Miteinander von Tschechen und Deutschen im dritten Jahrtausend.

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München im Dezember 1999
Dr. Walter Rzepka
Bundesvorsitzender
Dr. Gerburg Thunig-Nittner
stellv. Bundesvorsitzende
Adolf Ullmann
stellv. Bundesvorsitzender
Rudolf Meinl
stellv. Bundesvorsitzender
Dekan Anton Otte
Geistl. Beirat
Raimund Paleczek
Generalsekretär
Franz Olbert
Generalsekretär a.D.
 
Pfr. Dr. Alfred Eckert
Geschäftsführer der Gemeinschaft
evangelischer Sudetendeutscher