Erklärung sudetendeutscher und tschechischer Christen zur Gestaltung der deutsch-tschechischen Nachbarschaft

Dez. 1991 - Januar 1992

Der Erfolg der "sanften Revolution" und die Öffnung der Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen und Slowakischen Förderativen Republik haben Deutsche und Tschechen vor die Aufgabe gestellt, ihr geographisches Nebeneinander zu einem gutnachbarschaftlichen Miteinander fortzuentwickeln. Dazu sind inzwischen auf hoher staatlicher und kirchlicher Ebene zukunftsweisende Erklärungen ausgetauscht worden. Jetzt gilt es, diese Initiativen weiterzuführen und im Denken der betroffenen Menschen beiderseits der Grenze zu verankern, damit nicht eine historische Chance vertan wird. Deshalb wenden wir uns mit dieser Erklärung unmittelbar an alle, die dieses Ziel berührt oder bewegt.

I.

Wir wenden uns gemeinsam an Deutsche und Tschechen mit der Einladung, folgende Leitgedanken anzunehmen:

- Die Zukunft kann nur im Bewußtsein der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte von Deutschen und Tschechen gestaltet werden. Diese gilt es daher vorurteilsfrei zu erkennen, auch mit ihren dunklen Abschnitten. Oberflächliche Kollektivurteile über "die Deutschen" bzw. "die Sudetendeutschen" oder "die Tschechen" verstellen den Weg in die Zukunft.

- Deutsche und Tschechen haben in unserem Jahrhundert in nationalistischer Verblendung ihr Verhältnis durch Unterdrückung, Grausamkeiten, Vertreibung und Mord belastet. Kriminelles Unrecht erfordert Sühne nach rechtsstaatlichen Grundsätzen. Das Geschehene muss auch zur steten Warnung dienen, damit sich Vergleichbares nie wiederholt. Aber es darf kein Hindernis für einen Neubeginn sein, zumal die meisten der heutigen Deutschen und Tschechen schon aus Altersgründen keiner persönlichen Schuld an jenen Tagen verdächtig sind.

- Das Gelingen der Zukunft ist für beide Völker lebenswichtig. Dem müssen alle Bemühungen um die Bewältigung der Vergangenheit untergeordnet werden. Die in den letzten Jahren entwickelte Freundschaft zwischen den einstigen "Erbfeinden" Frankreich und Deutschland zeigt, dass der Blick nach vorn das Gewicht traditioneller Probleme verändern kann.

In der CSFR leben noch Deutsche. Tschechen haben während der kommunistischen Herrschaft Aufnahme in der Bundesrepublik Deutschland gefunden.
Beide Bevölkerungsgruppen sollten in das aktuelle Bemühen um gute Nachbarschaft einbezogen werden.

II.

Die deutschen Unterzeichner wenden sich im besonderen an die Sudetendeutschen mit der Bitte, als Bindeglied zwischen Deutschen und Tschechen zu wirken und sich nicht in die Rolle des Störenfrieds drängen zu lassen. Die in den vergangenen Jahrzehnten abgegebene Erklärungen zur friedlichen Bewältigung des Vertreibungsgeschehens müssen jetzt zum Tragen kommen. Das erfordert auch eine besonnene Haltung zur Wiedergutmachung:

- Rückerstattung des widerrechtlich konfiszierten Eigentums wäre wohl allenfalls in Formen und Größenordnungen zu verwirklichen, welche die jetzt aufgekommenen Hoffnungen eher enttäuschen dürften. Vierzig Jahre sozialistischer Planwirtschaft haben das Land verwüstet. Eine Vertreibung der Menschen, welche die Eigentumsobjekte heute nutzen, kommt keinesfalls in Frage. Unter solchen Umständen liegt ein persönliches freiwilliges Opfer als Beitrag zu einem friedlichen Neubeginn nahe.

- Eine solche Haltung kann weder Verrat am Recht, noch Untreue gegenüber den Vorfahren sein, welche die alte Heimat aufgebaut haben. Ob jemand ein Recht durchsetzen will oder darf, ist keine rechtliche Frage, sondern nach moralischen Gesichtspunkten zu beurteilen. Wenn ein irdisches Gut gerecht zugeordnet werden soll, hat die friedenstiftende Tat höheren Wert als der Kampf um einen nicht (mehr) überlebensnotwendigen Gegenstand.

III.

Die tschechischen Unterzeichner wenden sich im besonderen an die Tschechen mit der Bitte, ihr Verhältnis zu den Deutschen und vor allem auch zu den Sudetendeutschen neu zu bestimmen.

- Die Bundesrepublik Deutschland hat sei 1949 ihren Ruf als freiheitlicher demokratischer Rechtsstaat gefestigt, der die Rechte anderer Völker und die Grenzen anderer Staaten als unantastbar achtet und aktiv am Aufbau eines vereinigten Europa mitarbeitet. Politisch extreme Stimmen sind Ausdruck der Meinungsfreiheit, erlauben aber keinen Rückschluß auf ihr tatsächliches Gewicht. Das sollte es möglich machen, die latente Angst unseres Volkes vor den Deutschen abzubauen. Es muß möglich sein, den deutschen Anteil an der Gestaltung von Kultur und Wirtschaft in unserem Land wieder in unser Geschichtsbild einzu- fügen. Ein solcher Akt ideeller Wiedergutmachung könnte den Willen zum Ausgleich beweisen.

- Wir müssen auch zu verstehen versuchen, daß Sudetendeutsche, die ihre alte Heimat besuchen, nicht als Revanchisten kommen, sondern der Geschichte ihres eigenen Lebens oder ihrer Familie nachgehen. Aus Begegnungen, die aus solchem Anlaß zustande kommen, können bei gegenseitigem Einfühlen in die Lage des anderen sogar dauerhafte Kontakte erwachsen.

IV.

Noch einmal wenden wir uns gemeinsam an Deutsche und Tschechen mit der Bitte, stets um eine gute Atmosphäre in den gegenseitigen Beziehungen bemüht zu sein.

- Es muß jede Gelegenheit genutzt werden, durch Begegnungen und Gespräche Vorurteile abzubauen und so durch "Diplomatie von Mensch zu Mensch" die gegenseitige Annäherung zu fördern.

- Es gilt, nach gemeinsamen kulturellen, wirtschaftlichen, ökologischen und religiösen Zielen Ausschau zu halten und zu ihrer Verwirklichung praktisch zusammenzuarbeiten.

- Es gilt, auf die Formen zu achten, in denen wir miteinander umgehen. Vieles hängt vom Ton ab, in dem politische Positionen vertreten werden, aber auch von der Art, wie Besucher im anderen Land auftreten.

Je mehr Gemeinsamkeiten auf diesem Wege entstehen, desto leichter wird es gelingen, das zu überwinden, was uns in der Vergangenheit getrennt hat. Unter Deutschen und Tschechen sind die Menschen guten Willens in der Überzahl.

Sie dürfen nur nicht schweigen.
Denn: Die deutsch-tschechische Nachbarschaft muss gelingen!

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München/Prag 1991 / 92

Die Unterzeichner der Erklärung:

Dr. Peter Becher, München
Geschäftsführer des Adalbert-Stifter-Vereins e.V.
 
Prof.Dr. Rudolf Grulich, Königstein
Leiter des Instituts für Kirchengeschichte
von Böhmen-Mähren- Schlesien e.V.
Richard Hackenberg, Frankfurt
MdL a.D.
Prof. Dr. Johannes Hampel, Augsburg
Vorsitzender der KEG
Hilde Hejl, Mühlhausen
Vorstandsmitglied des Sozialwerks der Ackermann-Gemeinde
Dr. Johanna von Herzogenberg, München
 
Prof.Dr. Wolfgang Klieber, Augsburg
Domkapitular, Vorsitzender des Sozialwerks
der Ackermann-Gemeinde
Prof.Dr. Ernst Nittner, Flintsbach
Vorsitzender des Institutum Bohemicum
 
Franz Olbert, München
Generalsekretär der Ackermann-Gemeinde
Anton Otte, Nürnberg
Dekan im Justizvollzugsdienst
Dr. Walter Rzepka, Vaterstetten
Generallandesanwalt
Dorothea Schroth, Taufkirchen
 
P. Dr. Paulus Sladek OSA, Zwiesel
 
Prof.Dr. h.c. Josef Stingl, Rheinbrohl
Präsident der Bundesanstalt für Arbeit a.D.

Maria Weiß, München
Vorstandsmitglied des Sozialwerks der Ackermann-Gemeinde