Erklärung tschechischer und deutscher Katholiken zum 40-Jahres-Gedenken von 1945

Die katholischen Verbände:

- die von vertriebenen Sudetendeutschen gegründete Ackermann-Gemeinde und


- das von tschechischen Exulanten getragene Opus Bonum halten sich für verpflichtet, im Zusammenhang mit den Ereignissen vor 40 Jahren

- aus der Kraft des Glaubens

- in Verpflichtung für Recht und Wahrheit und

- in Verantwortung für ihre Völker gemeinsam ein Wort an die Öffentlichkeit zu richten.

I.

Die Ereignisse des Jahres 1945 - mit ihren Ursachen und Folgen - stellen für beide Völker eine tiefe Zäsur in einer über tausendjährigen gemeinsamen Geschichte dar.

Die beiden Gemeinschaften erkennen in diesen Ereignissen, die Millionen Menschen Unrecht und Not, Heimatlosigkeit und Verzweiflung gebracht haben,

- die Folge eines von Feindseligkeit und Hass geprägten Geschichtsbildes sowie einer gottfernen und daher menschenfeindlichen Ideologie;

- den Sieg eines nationalen Fanatismus und Egoismus über Mitmenschlichkeit und Gemeinwohl

- und den Triumph kollektiver Schuldzuweisung und Gewaltanwendung mit der Anmaßung, über Leben und Glück von Mitmenschen verfügen und über christliche Wertvorstellungen und das Recht hinweggehen zu können.

II.

Die beiden Repräsentanten des katholischen Teiles ihrer Völker halten sich für verpflichtet, kritische und auch selbstkritische Überlegungen über ihre Vergangenheit anzustellen. Der Blick auf die tausendjährige Nachbarschaft von Tschechen und Deutschen läßt zwar einerseits soziale, politische und nationale Verirrungen und Fehlentwicklungen, Gewalt, Unrecht und Schuld - also menschliches Versagen - erkennen, andererseits jedoch sind in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft immer wieder für den Menschen segensbringende hohe Zeiten des Glaubens, der kirchlichen Erneuerung, des sozialen Fortschritts und kultureller Leistungen von europäischer Bedeutung gerade aus der Wechselseitigkeit des Gebens und Empfangens erwachsen. Es ist notwendig, das Bewußtsein jahrhundertelangen gemeinsamen Kulturschaffens lebendig zu erhalten!

III.

Schuld und Leid, die vor vier Jahrzehnten den Weg der beiden Völker gekennzeichnet haben, werden auch dieses Mal nicht das letzte Wort der Geschichte sein! Deutsche und Tschechen waren, sind und bleiben Nachbarn in Europa. Wirklicher Friede in diesem Europa wird entscheidend von der christlichen Substanz und von einer Bereinigung der zwischen Deutschen und ihren slawischen Nachbarn bestehenden Konflikte und Kontroversen abhängig sein. Aus dem Glauben muss die Kraft zur Überwindung nationaler Enge und zur Verzeihung wachsen. Die Erinnerung an die Patrone Europas - Benedikt, Cyrill und Method - sollte für Tschechen und Deutsche hilfreich sein. Künftige Generationen junger Menschen in den Völkern müssen sich im Willen zu Gerechtigkeit und Wahrheit und im Verlangen nach Partnerschaft und Frieden verständigen und aussöhnen.

IV.

Die sudetendeutsche Ackermann-Gemeinde und das tschechische Opus Bonum bekennen sich ohne Verdrängung und Beschönigung zur ganzen geschichtlichen Wahrheit, sie wenden sich gegen Lüge und Desinformation. Sie sehen in der Freiheit und Selbstbestimmung der Völker und Volksgruppen eine entscheidende Grundlage für die Zukunft Mitteleuropas und der böhmischen Länder. Sie warnen vor Illusionen, vor Vereinfachungen, aber auch vor ängstlicher Opportunität. Sie erwarten von den Verantwortlichen Besonnenheit, Realitätsbezug, Gesprächsbereitschaft und sachliche Arbeit auf lange Sicht. Sie sind der Überzeugung, dass Begegnungen und ein immer intensiveres deutsch-tschechisches Gespräch, d.h. Informationen, Gedankenaustausch - auch im Bereich der historischen Forschung - vor allem auch die Gemeinschaft im Glauben - den Boden bereiten werden, auf dem Überlegungen für die Gestaltung der Zukunft und die Sicherung des Friedens in Mitteleuropa angestellt werden können.

zurück

Passau, den 3. August 1985