Blick der Generationen auf Europa – und seine gegenwärtige Krise

Hillmann, Stamm, Karlitschek, Sokol, Belling.

„Europa zwischen Erfolg und Scheitern – generationenspezifische Sichtweisen auf die aktuelle Situation“ war die erste thematische Arbeitseinheit am Freitagvormittag überschrieben. Bei dieser nahmen – nach einem Impulsreferat des tschechischen Philosophen, Politikers und Hochschullehrers Prof. Dr. Jan Sokol – nicht nur die am Podium sitzenden Dr. Vojtěch Belling (Staatssekretär für EU-Angelegenheiten beim tschechischen Ministerpräsident), Lutz Hillmann (Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen) und die Bündnis 90/Die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Stamm teil. Auch die früheren Vorsitzenden der deutschen und der tschechischen Ackermann-Gemeinde, Dr. Walter Rzepka und Helena Faberová, sowie die Bundessprecherin der Jungen Aktion Anežka Rázková und JA-Bundesvorstandsmitglied Martha Hartmann kamen zu Wort.

Den Wert von Erfahrungen hob Jan Sokol gleich zu Beginn seines Impulsvortrages hervor und relativierte die aktuelle Finanzkrise. „Es hat schon viel Schlimmeres gegeben, wir sind nicht die ersten, die in eine Krise geraten sind“, stellte er fest und wies darauf hin, dass die Vorfahren immer Wege aus den jeweiligen Krisen gefunden haben. Auch dieses Erbe sei für heute von Bedeutung, bedeute aber auch eine Verantwortung. Zum Erbe gehören für Sokol aber nicht nur Erfindungen, sondern besonders auch der Umgang der Menschen miteinander im täglichen Leben, wie zum Beispiel Höflichkeit, aber auch europäische Erziehung, Verwaltung, Recht, Finanz- und Steuerwesen, Gleichgewicht zwischen zentralen und dezentralen Einheiten sowie Freiheit und Gleichheit. Der Grund für das im Gegensatz zu den meisten Tieren längere Leben des Menschen liege auch darin, die soziologische und kulturelle Erbschaft an die Nachfahren weiterzugeben, um „nichts Wertvolles aus dem Vererbten zu verlieren“. Die aktuelle Krise machte Sokol auch an dem Aspekt fest, „dass wir nicht genau wissen, wohin es geht. Uns ist die Endlichkeit der Erde bewusst, wir sind in die Falle der Prosperität gefallen“.

Beim Rückblick auf die Wende 1989/90 meinte Lutz Hillmann, dass Europa damals „Sehnsucht und Fernweh“ gewesen sei, fast niemand habe mit der Wende gerechnet. Seit der Wende funktioniere das Zusammenleben zwischen Deutschen und Sorben im Theater sehr gut, es sei wie ein Labor, das jedoch sehr argwöhnisch beobachtet werde. Angesichts der Finanzkrise plädiert Hillmann für eine Trennung zwischen Finanzpolitik und kulturellen Aspekten. „In Vielfalt geeint, jeder muss individuell bleiben, um geeint stark zu sein. Man muss auch das Verbindende wissen“, ist Hillmanns Ansatz.

Für Claudia Stamm war Europa immer schon eine Selbstverständlichkeit – viele Reisen sowie Städtepartnerschaften hat sie unternommen bzw. kennen gelernt – dazu ein geschichtsbewusstes Elternhaus. „Als Landespolitiker betrifft uns auch Europa, jeder Politiker soll sich mit Europa auseinandersetzen“, lautete ihr Rat. Im Kontext der aktuellen Krise bemängelt sie, dass die Politik nicht mehr agiert, sondern nur noch reagiert. „Wir können nicht fünf Jahre lang Feuer löschen, eine Re-Regulierung der Finanzmärkte ist nötig – und ein Nachdenken, wohin wir mit Europa überhaupt wollen. Doch hier passiert nichts“, drückte sie ihre Beobachtungen aus. Für sie ist das höchste Gut die Demokratie. „Im Moment ist das Primat nicht bei der Politik, sondern beim Geldmarkt. Bei der Demokratie darf es keine Güterabwägung geben“, lautet Claudia Stamms Credo, ihre positive Vision für Europa heißt (sozialer) Frieden.

„Europa und die europäische Einigung sind eine Selbstverständlichkeit“, meinte der mit 31 Jahren jüngste Podiumsteilnehmer Vojtěch Belling, auch wenn er von Diskussionen in der tschechischen Gesellschaft sprach, wo gefragt wurde, ob Tschechien zu Europa und zur westlichen Zivilisation gehöre oder nicht. „Konkrete Diskussionen über weitere Zukunftsvisionen für Europa fehlen. In der Situation der Krise sind diese Fragen und Antworten mit am wichtigsten. Es muss entschieden werden, wohin sich unser Europa weiterentwickelt, d.h. längerfristige Zukunftsvisionen mit nachhaltigen Aspekten sind nötig“, brachte es Belling auf den Punkt. Für sein Land Tschechien jedenfalls sah er keine längerfristigen Visionen, geschweige denn klare Entscheidungen. Belling verlieh der Hoffnung Ausdruck, „dass wir uns nicht nur auf das rein Ökonomische beschränken, Europa nicht mit der gemeinsamen Währung verwechseln. Ein Potenzial der Integration ist auch in Kultur und in einer Wertegemeinschaft zu sehen.“ Als Vision für Europa sieht er eine generationenübergreifende Synthese.

Die Selbstverständlichkeit Europas für die Jugend und auch die Kritik sah Jan Sokol als positive Parameter, zumal wenn die Freiheit und damit Europa gefährdet ist. Die Förderung des Jugendaustausches, der Mehrsprachigkeit und des Fremdsprachenunterrichts sind für Sokol Möglichkeiten, um Europa fester zu verankern.

Als weitere verbandsinterne „Sachverständige“ holte Moderator Rainer Karlitschek die früheren Vorsitzenden der deutschen und der tschechischen Ackermann-Gemeinde, Dr. Walter Rzepka und Helena Faberová, aufs Podium und befragte sie nach ihrer Meinung. „Europa liegt zwischen Begeisterung und Frustration“, meinte AG-Ehrenvorsitzender Rzepka und nannte als bis in die 70er Jahre wichtige Aspekte den Frieden, die Freiheit, die Rechtsstaatlichkeit und die Mobilität. Ab den 70er Jahren seien die ökonomischen Aspekte immer stärker in den Vordergrund gerückt. Entwicklungen wie in Ungarn oder Rumänien zeigten, so der frühere AG-Bundesvorsitzende, dass „wir ein Stück tiefer in der Frage ansetzen müssen, was uns in Europa verbindet, warum uns ein Europäer näher steht“. Und Rzepka gab selbst die Antwort: „Europäer sind die, die die alte Geschichte satt haben und keine Kriege mehr wollen!“ Rzepka geht es um das Beenden des nationalen Denkens, ein Wir-Gefühl, ein „Wir Europäer!“

Vor 1989 sei für die Tschechen Europa ein „Symbol der Freiheit, Demokratie und des Wohlstandes“ gewesen, „heute sind wir nicht mehr so naiv“, stellte Helena Faberová fest. Denn das Leben gestaltete sich nach 1989 nicht so leicht wie zunächst gedacht. „Es blieben schwere seelische Wunden des Kommunismus, die wichtigsten christlichen Werte sind an den Rande der Gesellschaft gedrängt“, analysierte die frühere Vorsitzende der Sdružení Ackermann-Gemeinde die Situation, in der immer häufiger eine sozialistische Nostalgie oder auch Euroskeptizismus zutage treten. „Es ist wichtig und nützlich, dass wir in einem vereinigten Europa leben. Ich hoffe, dass Europa nicht heidnisch sein wird, sondern sich auf seine christlichen Wurzeln besinnt“, blickte Faberova in die Zukunft.

Für die Vertreterinnen der Jungen Aktion bedeutet Europa freies Reisen und freies Studieren – ohne Hindernisse. Aber auch die Vermittlung der jüngsten Geschichte durch die Großeltern bzw. die Beschäftigung mit der Historie bei JA-Veranstaltungen bestätigen die zwei jungen Frauen.

M. Bauer