Ein Wallfahrtsort von europäischer Dimension

Nähert man sich dem Hauptportal der Mariazeller Basilika, dem heiligen Tor, so sieht man im Tympanon ein rechteckiges Relief. Überraschen dürfte die lateinische Inschrift oberhalb des Reliefs, die mit den Worten „Sanctus Wenzeslaus“, „Heiliger Wenzel“ beginnt. Hier stellt sich bereits ein erster Bezug zu den böhmischen Ländern dar. Der Überlieferung nach war der hl. Wenzel dem mährischen Markgrafen Heinrich erschienen und prophezeite ihm und seiner Frau Heilung von ihrer Krankheit, wenn sie an diesem Ort der Jungfrau Maria eine Kirche bauen. Eine zweite Szene im Relief zeigt Ludwig I. von Ungarn mit einem Marienbild, das er der Gottesmutter als Dank für den Sieg über die Türken stiftet. Markgraf Heinrich und Ludwig I. finden sich auch als lebensgroße Bleifiguren seitlich des Hauptportales, geschaffen von Balthasar Moll anlässlich der 600-Jahr-Feier 1757.

Nach der Überlieferung wurde 1157 ein Mönch namens Magnus zur Seelsorge in die Mariazeller Gegend entsandt. Er nahm eine etwa 50 cm große, aus Lindenholz geschnitzte Marienstatue mit, die ihm den von einem Fels versperrten Weg öffnete. Er baute sich eine Zelle, die ihm auch als Kapelle für die Marienstatue diente, woraus der Name „Maria in der Zelle“ – Mariazell – entstand. Um diese romanische Gnadenstatue ist alles entstanden, was Mariazell heute ist: einer der bedeutendsten marianischen Wallfahrtorte Mitteleuropas. Hier wird die Gottesmutter verehrt als Magna Mater Austriae, Magna Domina Hungariae und Mater Gentium Slavorum.

Am barocken Umbau des Heiligtums waren viele Mäzene aus der damaligen Donaumonarchie beteiligt, die in den Seitenkapellen Zeugnisse der Verbundenheit der verschiedenen Völker mit diesem Heiligtum hinterlassen haben. Mehrere Seitenkapellen sind ungarischen Heiligen geweiht, in der Ladislauskapelle war der ungarische Kardinal Mindszenty bis zu seiner Überführung nach Esztergom begraben, eine südliche Kapelle ist neben der hl. Familie auch dem hl. Wenzel geweiht. Dort steht auch eine Kopie des Prager Jesuleins, die der damalige Prager Weihbischof František Lobkowicz, heute Bischof von Ostrau-Troppau, geweiht hat. Und es gibt weitere Berührungspunkte gerade mit Tschechien: Eine Gedenktafel an Clemens Maria Hofbauer, ein Bild des hl. Johannes Nepomuk oder auch zwei alte Bilder der Stadt Brünn, gewidmet zum Dank für zwei überstandene Belagerungen.

Ein Ort wird jedoch nicht nur wegen der Geschichte seines Heiligtums zum Wallfahrtsort, sondern gerade durch die Pilger, die zu ihm kommen, nach Mariazell vornehmlich aus Ländern der ehemaligen Donaumonarchie. Nach den deutschsprachigen Pilgern bilden die Ungarn die stärkste Pilgergruppe, gefolgt in etwa gleicher Zahl von Slowaken, Tschechen und Polen.

In jüngster Zeit pilgert immer am 8. Mai die Pfarrgemeinde Brünn-Lesná nach Mariazell, zweimal im Jahr kommen Pilger aus Třebíč/Trebitsch in Südmähren. Ebenfalls aus Trebitsch reisen jedes Jahr vor Weihnachten Krippenbauer an, um in der Basilika eine Krippe nach Trebitscher Art aufzustellen. Auch das Prager Pilgerbüro Palombino organisiert mindestens zweimal jährlich eine Pilgerreise nach Mariazell. Nach den Schicksalsschlägen des 20. Jahrhundert lebt – Gott sei Dank – die Verbundenheit zwischen Böhmen, Mähren und Mariazell wieder.

P. Václav Steiner OSB
Tschechischer Seelsorge in Mariazell

 

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der Zeitschrift  "Der Ackermann", Heft 01-2019