Wo Begegnung zuhause ist

Chor und Orchester des „Rohrer Sommers“ beim traditionellen Konzert in der Klosterkirche(Foto: M. Bauer)

Seit 2001 trägt das Kloster Rohr den Titel „Deutsch-Tschechisches Begegnungs- und Kulturzentrum St. Adalbert“. Demnach ist es schon vom Namen her ein passender Ort für die Ackermann-Gemeinde.

Fast 700 Jahre lang war das Kloster als Augustiner-Chorherrenstift geistliches Zentrum von Rohr und Umgebung. 1803 wurde das Stift Rohr säkularisiert. Im Mai 1946 übernahmen die vertriebenen Benediktinermönche aus Braunau in Böhmen das Kloster. Sie belebten es, übernahmen die Seelsorge und gründeten ein Gymnasium. 1948 erhielt Abt Prokop alle Vollmachten als Abt der Abtei Braunau in Rohr.

Das Kloster Braunau wurde vor der Vertreibung an den dortigen Prior Anastáz Opasek übergeben, um der drohenden Enteignung zu entgehen. Abt Opasek, der das Kloster in Braunau noch zwei Jahre leitete, bevor er für elf Jahre inhaftiert wurde, kam nach der Niederschlagung des Prager Frühlings nach Rohr ins Exil. Hier sammelte er viele Jahre Mitarbeiter des tschechischen katholischen Exils, die im Verein „Opus Bonum“ zusammengeschlossen waren, um sich und bot Zuflucht und Begegnungsmöglichkeit. So bietet die Benediktinerabtei Rohr durch ihre Geschichte ideale Bedingungen für deutsch-tschechische Begegnungen. Dies ist seit den 1950er Jahren unter wechselnden Bedingungen auch der Fall.

Die Junge Aktion (JA) traf sich dort seit 1954 zu den Kultur- und Einkehrtagen. Damals war der Klosterhof noch Baustelle. Kloster, Schule und Internat befanden sich im Aufbau. Der Prager Saal existierte noch nicht. Hans Schütz und Hilde Hejl referierten in einer Baracke im Hof. Zu Beginn trafen sich in der JA Jugendliche, die die Vertreibung als Kinder miterlebt hatten. Später kamen Freunde hinzu, die sich von der aufgeschlossenen Gemeinschaft angezogen fühlten und an der böhmischen und mährischen Geschichte, sowie an Themen wie Subsidiarität und katholischer Soziallehre interessiert waren. Seit 1989 bis zum Umzug ins Kloster Niederaltaich 2012 fanden die Osterbegegnungen gemeinsam mit deutschen, tschechischen und slowakischen Jugendlichen in Rohr statt.

Viele weitere Veranstaltungen sind in Rohr fest etabliert: Begegnungen durch wechselnde Ausstellungen über bayerische und böhmische Geschichte, durch den Schüleraustausch mit Braunau seit der Wende und zwischenzeitlich durch die Sudetendeutschen Musiktage. Aus dem Kreis der Ackermann-Gemeinde waren und sind es zudem die deutsch-tschechischen Symposien „Patrone Europas“, bei denen neben den Heiligen auch bedeutende völkerverbindende Persönlichkeiten wie Robert Schumann, De Gasperi und Adenauer sowie Glaubenszeugen vorgestellt wurden, und der „Rohrer Sommer“, die stets ausgebuchte deutsch-tschechische Kulturwoche für Teilnehmer im Alter von 0-90. Chor und Orchester bereichern seit Jahren alle Bundestreffen und feierlichen Gottesdienste der Ackermann-Gemeinde. Und nicht zuletzt das Rohrer Forum, das gesellschaftspolitische Wochenende für junge Erwachsene und Familien, durch das viele den Sprung von der JA in die Ackermann-Gemeinde geschafft haben und sich dort aktiv einbringen.

Im Kloster Rohr hat Begegnung Tradition und ein Zuhause.

Bärbel Heinz

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der Zeitschrift  "Der Ackermann", Heft 4-2018