"Brünn macht es vor"

Das Festival "Meeting Brno" in Brünn

Als beim Brünner Symposium im Jahr 2015 der damals frisch gewählte Oberbürgermeister Petr Vokřál die Pläne für ein „Jahr der Versöhnung“ verkündete, dabei positive Worte zur multiethnischen Geschichte seiner Stadt fand und das geschehene Unrecht klar benannte, war ihm eine echte Überraschung gelungen. Kurz darauf wurde mit großer Mehrheit vom Stadtrat eine „Deklaration zur Versöhnung und einer gemeinsamen Zukunft“ verabschiedet. Es folgten in Brünn/Brno, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, Monate mit einem reichen Veranstaltungsprogramm. Es beinhaltete Gedenkfeiern, bei denen an die Bevölkerungsgruppen erinnert wurde, die Brünn durch Krieg, die NS-Verfolgung, den Holocaust, durch die Vertreibung, insbesondere beim „Brünner Todesmarsch“, und letztlich durch das kommunistische Regime verloren hatte. Das „Jahr der Versöhnung“ hat so in der Brünner Stadtgesellschaft viel in Bewegung gebracht und weit darüber hinaus in Tschechien und im Ausland seine verdiente Aufmerksamkeit erhalten. Doch schon bald stand die Frage im Raum, wie geht es weiter. Geboren war die Idee des Festivals „Meeting Brno“.

Das Festival versteht sich als eine Plattform für Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Meinungen, Kulturen und Religionen. Es knüpft an die Idee von „Meeting Rimini“ an. Der erste Jahrgang fand 2016 statt und vertiefte das Thema der deutschen und jüdischen Vergangenheit der Stadt Brünn. Das Programm besteht seither aus Diskussionsforen und künstlerischen Veranstaltungen, die sich auf das jeweilige Hauptthema des Festivals beziehen. Das Motto im Jahr 2017 war „Einigkeit in Vielfalt“. Den Höhepunkt stellte dabei die Einladung von 120 Nachkommen der bedeutendsten jüdischen Familien aus Brünn dar. 2018 bilanzierte das Festival mit dem Titel „Zeit zur Re/vision“ die hundertjährige Geschichte des tschecho/slowakischen Staates.

Und im Jahr 2019 beschäftigte es sich vom 29. Mai bis 9. Juni mit dem Thema „Freiheit“ unter der Überschrift „jetzt, da wir haben, was wir wollten“. Auch die neue Brünner Oberbürgermeisterin Dr. Markéta Vaňková steht hinter der Idee des Festivals, so dass es weiterhin auf die Unterstützung der Stadt bauen kann.

Ein bedeutender alljährlicher Bestandteil von „Meeting Brno“ ist der Versöhnungsmarsch, der an den „Brünner Todesmarsch“ erinnert und vom Massengrab in Pohrlitz/Pohořelice nach Brünn führt. An diesem nehmen seither jährlich mehrere hundert Menschen teil, zu einem Großteil junge Tschechen, aber auch sudetendeutsche Zeitzeugen und ihre Nachkommen. Dies ist gelebte Versöhnung.

Die Ackermann-Gemeinde zählt zu den Partnern von „Meeting Brno“. Sie gestaltet deutsch-tschechische Gottesdienste, bringt sich bei der Gestaltung von Gedenkakten ein, präsentiert sich an Ständen und bot auch schon Lesungen an.

„Das Festival zeigt, wie man sich ohne Scheuklappen der eigenen, auch schmerzhaften Geschichte stellen und wie daraus ein neues Miteinander entstehen kann“, würdigt der AG-Bundesvorsitzende Martin Kastler „Meeting Brno“. Und tatsächlich schafft es unzählige Begegnungen zwischen Tschechen, Deutschen und Österreichern. Dabei bindet Brünn auch seine Partnerstädte Stuttgart und Leipzig sowie die Patenstadt der Brünner Schwäbisch Gmünd ein.

„Brünn macht es vor, wie eine selbstbewusste, zukunftsgerichtete und kreative Vergangenheitsbewältigung aussehen kann,“ so Kastler. Dies sei vorbildhaft und verdient unsere Anerkennung. Daher hat der Bundesvorstand beschlossen dem Festival „Meeting Brno“ in Landshut die „Versöhnungsmedaille der Ackermann-Gemeinde“ zu verleihen.  

ag

 

Dieser Beitrag erschien im Heft 2-2019 der Zeitschrift "Der Ackermann".