Beten und Erinnern

Böhmisch Kamnitz / Česká Kamenice

Gedanken an die internierten und ermordeten Deutchen bei den Ruinen des ehemaligen Lages
Wiederbelebt und völkerverbindend: Wallfahrtsmesse in der Marienkapelle von Böhmisch Kamnitz (Fotos: Prof. H. Schmidt)

Der Ort Böhmisch Kamnitz/Česká Kamenice hatte mit der Marienwallfahrt eine lange Tradition, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter der kommunistischen Herrschaft jedoch abgebrochen ist. Erst durch die Kontakte, maßgeblich getragen von dem inzwischen verstorbenen deutschen Landsmann Günther Heinrich, zur alten Heimat und der katholischen Kirche steht Böhmisch Kamnitz seit 1994 wieder am ersten Septemberwochenende im Zeichen der Wallfahrt „Maria Pouť“. Der Gottesdienst in der berühmten Marienkapelle am Sonntag, dem 8. September, war gut besucht, Deutsche waren früher zahlreicher als heute, ein Tribut an die seit der Vertreibung vergangene Zeit. Berührend war die seit den 1990er Jahren übliche Geste der Besucher im Gottesdienst, sich die Hände zu reichen.

Böhmisch Kamnitz liegt in einer sehr schönen Gegend mit vielen attraktiven Ausflugszielen, aber auch das idyllische Rabsteintal gehört dazu. Dies ist für Tschechen und Deutsche ein besonderer Ort, um der gemeinsamen Geschichte zu gedenken. Im 19. Jahrhundert wurde dort durch den Unternehmer Franz Preidl die Industrialisierung der Stadt und der Umgebung sehr erfolgreich begonnen. Die von Franz Preidl gegründeten Fabrikanlagen wurden während des Zweiten Weltkrieges enteignet und der Rüstungsfirma „Weserflug“ in Bremen übertragen. Etwa 4.000 Zwangsarbeiter aus 18 Ländern haben dort unter unmenschlichen Bedingungen ein über 4 km langes Tunnelsystem in den Rabsteiner Felsen geschlagen und dort Teile von Kampfflugzeugen produziert. Nach dem Krieg wurde das Lager zu einem tschechischen Lager, in dem auch nach tschechischen Aussagen mit Gestapo-Methoden gegen Deutsche vorgegangen wurde, über 90 Menschen kamen dabei grausam zu Tode.

Vor drei Jahren wurde im English College Prag von Alena Švejdová ein Projekt begonnen, das jährlich zu Begegnungen zwischen Studierenden und deutschen Zeitzeugen geführt hat. In diesem Jahr hat Bürgermeister Jan Papajanoyský 40 Studierende mit ihren Lehrenden und 11 deutsche Zeitzeugen in der Woche zur Marienwallfahrt willkommen geheißen. Zu dem Projekt gehört auch ein gemeinsamer Besuch in Rabstein/Rabštejn und das gemeinsame Gedenken am Mahnmal gegen den Faschismus an die zur Zwangsarbeit deportierten Menschen, besonders die durch die unmenschlichen Bedingungen im Lager Gestorbenen. Die Studierenden haben Kerzen entzündet und Blumen niedergelegt. Gemeinsam sind dann alle auf die andere Seite des Waldweges zu den Ruinen der Lagerbaracken, die Tschechen nach Kriegsende als Folterkeller dienten, gegangen. Dort haben sie auf gleiche Weise der deutschen Gefangenen, Gefolterten und Toten gedacht.

 

 Prof. Dr. Helmut Schmidt



Dieser Beitrag ist erschienen in der Zeitschrift  "Der Ackermann", Heft 4-2019