Vratislav Maňák: Heute scheint es, als wäre nichts geschehen


Vratislav Ma
ňák: Heute scheint es, als wäre nichts geschehen. Aus dem Tschechischen von Lena Dorn, Karl Rauch Verlag Düsseldorf 2019, 432 Seiten, ISBN 978-3-7920-0257-5, € 24,00.

Ein kräftiges Rot auf blauem Grund stilisiert Rubiks Würfel auf dem Hardcover. So heißt folgerichtig der Titel im tschechischen Original. Und als solchen Zauberwürfel hat Maňák die Geschichte denn auch komponiert. Sie spielt in Pilsen/Plzeň. Dort kennt er sich aus. 25 km westlich, in Mies/Stříbro, ist er 1988 geboren. Sein etwa gleichaltriger „Held“, Ondřej Šmíd, Geschichtslehrer in Prag, kommt zum Familienbesuch in seine Heimatstadt Pilsen. Anlass ist der achtzigste Geburtstag seines Großvaters. Die Tage bis dahin sind für Ondřej vollgepackt mit zumeist verstörenden Erinnerungen und Begegnungen.

Opa und Enkel sind im Geiste Klios eng miteinander verbunden. Das Auf und Ab der familiären Beziehungen lässt sich so mit den historischen Wechselfällen bestens verknüpfen: 1945 die amerikanischen Panzer in Pilsen, die Vertreibung der Deutschen, die kommunistische Machtübernahme, der Prager Frühling und die Samtene Revolution. All dies erzählt Maňák, meisterhaft übersetzt von Lena Dorn, nicht an einem ungebrochenen Strang, sondern in vielen einzelnen, oft kleinteiligen, stets aber höchst plastischen Szenen. Persönliches und Politisches wechseln einander ab. Mal spricht Ondřej oder ein Erzähler, dann treten die Protagonisten selber auf. Dies betrifft auch und gerade den historischen Kern des Romans: die hier im Westen eher selten erinnerte Revolte der Škoda-Arbeiter nach der Währungs-Abwertung am 1. Juni 1953, also gut zwei Wochen vor den Aufständen in der DDR. Die Beteiligten und Betroffenen kommen selber zu Wort. Was sie an und nach diesem Tage erlebten und erlitten, gehört zu den eindrücklichsten Texten dieses Buches. Nun wäre es aber kein wirklich tschechisches, gäbe es nicht auch eine absurde Pointe. Der Großvater, damals junger Student, geriet in den Strudel der Demonstrationen. Danach zwangen die Kommunisten ihn „als einen mit Zweifeln behafteten Deutschen“, die Kains-Medaille des „Roten Pilsen“ anzunehmen. Wie es dazu kam, ist allein schon die Lektüre dieses nicht einfachen, aber mit großem Gewinn zu lesenden Buches wert.

 

Hans Jürgen Fink