Karol Sidon: Traum von meinem Vater


Karol Sidon: Traum von meinem Vater. Aus dem Tschechischen von Elmar Tannert, ars vivendi verlag Cadolzburg 2019, 224 Seiten, ISBN 978-3-7472-0010-0, € 19,00.

Als der Vater im KZ Theresienstadt ermordet wird, ist sein Sohn Karol zwei Jahre alt. Er hat keine Erinnerungen an den Vater und nur eine Fotographie. Der Vater fehlt ihm  sein ganzes Leben lang.

Sidon, Mit-Unterzeichner der Charta 77 und Landesoberrabiner in Tschechien, nähert sich dem Vater in den dreiteiligen Erinnerungen zuerst über kürzere Anekdoten mit Verwandten und Freunden, die ihn noch gekannt haben, aus der Sicht des etwa Zehnjährigen. Aus gleicher Perspektive folgt ein beinahe quälend-episches Kapitel, in dem sich Karol in kindliche Lügen eines Schülers verstrickt und dabei fast Existenzen bedroht von Menschen, die stets an ihn als schützenswerten Halbjuden und Halbwaisen und „guten Jungen“ glauben, wobei er unter dem Foto des Vaters seine Unschuld beschwört. Der letzte Teil ist wieder anekdotisch, diesmal aus erwachsener Sicht, sich an Erlebtes erinnernd und verpasste Gelegenheiten bedauernd.

Das Buch ist zwar etwas zu schmal, um durch diese Wechsel von Perspektive und Textlänge nicht heterogen zu wirken, aber es fesselt dennoch. Es war, wie weitere Schriften Sidons, als Samisdat-Vervielfältigung 1968 erschienen, blieb somit fast unbekannt und hatte erst 1992 auf Tschechisch die Verbreitung erfahren, die ihm gebührt. Und es regt zum Nachdenken an: da kenne ich doch jemanden, der könnte Ähnliches erfahren haben. Ein kleines, recht großes Buch liegt jetzt auch auf Deutsch vor.


Andreas Toscano del Banner