Karol Moravčik/Jozef Žuffa: Die Freude des Evangeliums in der Slowakei II


Karol Morav
čik/Jozef Žuffa: Die Freude des Evangeliums in der Slowakei II. Fakten und Meinungen, aus dem Slowakischen von Marie-Theres Cermann, Petrus Publisher Bratislava 2019, 280 Seiten, ISBN 978-80-89913-37-4, € 10,00.

Wir machen uns derzeit viele Gedanken, wie die Situation in der Kirche zu bewerten ist. Welche Aufgaben sollen im Vordergrund stehen? Wie ist mit dem Versagen in der Vergangenheit umzugehen? Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Wie muss die Kirche strukturiert sein, damit sie mit den Fehlern überhaupt angemessen und glaubwürdig umgehen kann? Diese Fragen stellen sich der Kirche in Deutschland wie in der Slowakei. Auch sie ringt 30 Jahre nach dem Fall der totalitären Regime in Ostmittel-, Südost- und Osteuropa mit der Frage, wie Zeitgenossenschaft zu gestalten ist oder ob sie als (verteufelter) Zeitgeist abzulehnen sei. Nicht nur die Gesellschaft trägt schwer am Umgang mit dem Erbe aus der Vergangenheit und mit der Gestaltung der Gegenwart und ist quasi gespalten, welcher Weg einzuschlagen besser ist. Vielen erscheint dabei die Sirene des Nationalismus oder Populismus, des Autoritarismus und Hierarchismus und Traditionalismus als die verlockendere Variante. Identität soll aus Abgrenzung erwachsen, oft auch aus Nostalgie. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird verweigert oder verdrängt.

Das Buch ist ein zweiter Teil, eine Folge, ein Reflex auf die 2015 erschienene Sammlung von Texten zur Situation in der Kirche und der Stellung und Aufgabe der Kirche in der Gesellschaft. Das Buch wurde seiner Zeit von František Mikloško und Karol Moravcík unter dem an die päpstliche Enzyklika angelehnten Titel ‚Freude des Evangeliums‘ herausgegeben. Es wurde für viele Kirchenmitglieder zu einem Hoffnungszeichen, bei der kirchlichen Hierarchie in der Slowakei aber fand es kein Verständnis. Das dürfte mit dem Folgeband nicht sehr viel anders laufen, auch wenn er eine Konsequenz aus der Rezeption des ersten Bandes ist. Gesellschaftliche Veränderungen werden wahrgenommen und reflektiert, die daraus erwachsenden Aufgaben für Kirche und Seelsorge im Verständnis des II. Vatikanischen Konzils konsequent formuliert. Die Frage nach dem Dienst für die Menschen in der jeweiligen Zeit steht also im Vordergrund der Überlegungen.

Im ersten Abschnitt bietet Moravcik eine schonungslose Gegenwartsanalyse, der zweite Abschnitt skizziert die Diskussion, die auf „Die Freude des Evangeliums I“ folgte. Im abschließenden Kapitel träumen Moravcik, Julius Marian Prachar und Pavol Zatko von einer Kirche, „in der niemand über oder unter dem Anderen steht, sondern in deren Mitte Christus ist, der alle zur Mitwirkung, Heilung und Freude einlädt“.

Geschichte wiederholt sich nicht und dennoch schwingen bei der Lektüre des Buches an vielen Stellen Anklänge an die Aufbruchsbewegungen in der katholischen Kirche vor hundert Jahren mit. Sie wollten Bewegung reinbringen, den Aufbruch des Verkrusteten, der die Freude wieder freilegen soll, das Erleben der Gemeinschaft und die religiöse Mündigkeit des Einzelnen stärken wollte. Die Besinnung auf die eigentlichen Aufgaben, auf den Dienstcharakter des Amtes und der Institution ist nicht neu, müsste beinahe 60 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil Selbstverständlichkeit sein und ist doch so offensichtlich immer wieder neu die wichtigste Aufgabe – nicht nur in der Slowakei. Wie können Christinnen und Christen, die dieser Auftrag, dieses Anliegen antreibt, über Grenzen hinweg ins Gespräch gebracht werden?

 

Prof. Dr. Rainer Bendel