Jozo Džambo: Böhmische Spuren in München


Jozo D
žambo (Hrsg.): Böhmische Spuren in München. Geschichte, Kunst und Kultur. Eine Publikation des Adalbert Stifter Vereins e.V. München, Volk Verlag München 2020, 280 Seiten, zahl-reiche Abb., ISBN 978-3-86222-327-5, € 19,90.

Wer sich für die deutsch-tschechische Nachbarschaft interessiert, dem fällt dabei schnell die Bedeutung der Stadt München auf. Überraschenderweise gab es in diesem Zusammenhang jedoch noch keine größere Publikation. Das vom Historiker Jozo Džambo herausgegebene Buch „Böhmischen Spuren in München“ schließt nun diese Lücke.

Der Band enthält Beiträge von elf Autoren, von denen einige aus dem Umfeld des Adalbert Stifter Vereins stammen. Der Leser wird zunächst in das München des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts mitgenommen: Die Kunsthistoriker Thomas Raff und Dieter Klein stellen böhmische Künstler in München vor; der Literaturwissenschaftler Peter Becher spannt einen Bogen von deutschböhmischen Autoren in München (z.B. Adalbert Stifter oder Gustav Meyrink) bis hin zu heutigen Lesungen im Tschechischen Zentrum oder im Sudetendeutschen Haus.

Ansonsten sind die Beiträge aber vor allem von drei Ereignissen und deren Folgen bestimmt: Der Vertreibung der Sudetendeutschen 1945/46, der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei 1948 sowie der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Die von den Vertriebenen aufgebauten Institutionen werden von Otfried Kotzian thematisiert; Ingrid Sauer behandelt das Sudetendeutsche Archiv. Der Historiker Wolfgang Schwarz bringt dem Leser näher, mit welchen Schwierigkeiten Emigranten aus der kommunistischen ČSSR konfrontiert waren. Zuzana Jürgens, Bohemistin und Geschäftsführerin des Adalbert Stifter Vereins, stellt Filmemacher und Schriftsteller im Exil vor. Letztere konnten bei Radio Free Europe in ihrer Muttersprache tätig sein; der hier im Band von Anna Bischof beschriebene Radiosender sendete fast 24 Stunden am Tag unzensierte Nachrichten hinter den nahegelegenen Eisernen Vorhang. Tschechische Exilanten gründeten auch Restaurants mit Namen wie „Goldene Stadt“, „Zur Stadt Prag“, „Praha“ oder „St. Wenzel“, mit denen sich der Beitrag der Volkskundlerin Ulrike Zischka beschäftigt.

Am eindrucksvollsten wird das böhmische München von Franz Adam dargestellt, der die Dirigenten Fritz Rieger und Rafael Kubelík charakterisiert. Der Sudetendeutsche Rieger war von 1949 bis 1966 Leiter der Münchner Philharmoniker, der Tscheche Kubelík von 1961 bis 1979 Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks – und trotz ihrer beruflichen Konkurrenzsituation verband sie eine alte Freundschaft aus gemeinsamen Prager Tagen.

Abgerundet wird die Publikation von einem Kapitel über deutsch-tschechische Institutionen (darunter die Ackermann-Gemeinde) sowie von Siebzig Biografien, worin auch auf den in Troppau/Opava geborenen Walter Rzepka eingegangen wird, der als Generallandesanwalt tätig war und sich als Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde engagierte.

Insgesamt ist dem vielseitigen und inspirierenden Buch eine breite Leserschaft zu wünschen und darüber hinaus auch eine Übersetzung ins Tschechische – damit Mnichov innerhalb der deutsch-tschechischen Beziehungen nicht nur für das Münchner Abkommen 1938 steht, sondern auch für reichen kulturellen Austausch, wie ihn diese Publikation eindrucksvoll beschreibt.

 

Christoph Mauerer