Alena Mornštajnová: Hana


Alena Morn
štajnová: Hana. Aus dem Tschechischen übersetzt von Raija Hauck, Wieser Verlag Klagenfurt 2020, 380 Seiten, ISBN 978-3-99029-438-3, € 21,00.

Ein mährisches Städtchen 1954 – die zehnjährige Mira widersetzt sich ihren Eltern und geht heimlich zum Fluss, um auf den Eisschollen zu balancieren. Sie fällt ins eiskalte Wasser, alles kommt ans Licht und zur Strafe be
kommt sie beim Sonntagsnachmittagskaffee kein Törtchen. Das rettet ihr das Leben und ist der Beginn einer Tragödie, die ihr Leben für immer dramatisch verändern wird. Ihre Eltern sterben an Typhus und nun muss sie lernen, mit ihrer schweigsamen Tante Hana zu leben, die die Leute in der Stadt für verrückt halten. Allmählich wird die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren aufgedeckt und Mira lernt zu verstehen, warum sich die Tante so schwer im Leben zurechtfindet.

Drei Generationen Familiengeschichte werden geschickt verwoben erzählt. Während des Lesens entblättern und fügen sich nach und nach die Zusammenhänge. Zwei Frauen haben sich neben dem durchlebten Leid auch mit der Frage von Schuld auseinanderzusetzen, wenn durch eigenes Handeln – oder Nichthandeln – anderen Böses zugefügt wird, bewusst oder unbewusst. Und wie erträgt man es, als einzige überlebt zu haben?

Dieser Roman berührt mich nicht nur, weil er zugleich aufwühlend und warmherzig geschrieben ist, sondern weil aus tschechischer Perspektive erzählt wird, wie die Menschen in dem mährischen Städtchen in der Zeit nach Hitlers Machtergreifung bis in die 1960er Jahre mit ihren jüdischen Nachbarn und der eigenen Verstrickung in politische Ideologien umgehen. Das ist für uns deutsche Leserinnen und Leser interessant, manchmal überraschend und vor allem sehr spannend und lesenswert.

Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und ist von Raija Hauck ausgezeichnet ins Deutsche übersetzt worden.

Alena Mornštajnová, geb. 1963, arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie hat an der Universität Ostrava Englisch und Tschechisch studiert und lebt in Valašské Meziříčí. Von ihr sind vier weitere Romane und ein Kinderbuch erschienen, die bisher leider nicht auf Deutsch übersetzt wurden. „Hana“ wurde 2018 unter anderem mit dem Tschechischen Buchpreis ausgezeichnet.

 
Sabine Dittrich