Kateřina Čapková, Hillel J. Kieval: Zwischen Prag und Nikolsburg


Kateřina
Čapková, Hillel J. Kieval (Hg.): Zwischen Prag und Nikolsburg. Jüdisches Leben in den böhmischen Ländern, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2020, 428 Seiten, zahlr. Abb., Tab. und Karten, ISBN 978-3-525-36427-7, € 70,00

Sechs Jahre Arbeit von der Projektplanung bis zur Publikation, neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf Ländern, sieben zeitlich gegliederte Einzelkapitel, 70 Illustrationen, 425 Seiten, vier Sprachen. Das ist, in nüchternen Zahlen, die Summe eines Opus Magnum, das die Geschichte der Juden in den böhmischen Kronländern vom Mittelalter bis heute erzählt. Es wendet sich an Laien wie Experten, für eine weltweite Verbreitung ist gesorgt: Die englische Originalfassung erscheint Ende dieses Jahres, dagegen liegt die deutsche Übersetzung jetzt bereits vor, dank des Engagements von Martina Niedhammer, Mitarbeiterin am Münchner Collegium Carolinum. Ausgaben in Tschechisch und Hebräisch werden folgen. Kateřina
Čapková vom Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften in Prag hat die Zusammenarbeit organisiert. Überschneidungen und Redundanzen halten sich in engen Grenzen, der erzählerische Duktus wird über alle Einzelbeiträge hinweg auf hohem homogenen Niveau gehalten – nicht das geringste Kunststück bei derartigen internationalen Unternehmen.

Das Besondere ist der Zugang zum Thema: Jüdisches Leben wird weniger als Objekt staatlicher „Judenpolitik“ analysiert, sondern eher als „Geschichte von unten“. Sie stützt sich vor allem auf jüdische Zeugnisse zu den Alltagserfahrungen in den Gemeinden und Familien und zeigt im Ergebnis, wie sich die Juden selber in ihrer religiösen, kulturellen und regionalen Vielfalt gesehen haben. Im Focus stehen dabei neben den urbanen Zentren, wie Prag und Nikolsburg/Mikulov, vor allem auch die „böhmischen Dörfer“, wo westliche Reformorientierung und östliche Orthodoxie aufeinandertrafen.

Mit der Habsburger Verfassung des Jahres 1867 wurden die Juden in Böhmen und Mähren zunächst zu gleichberechtigten Untertanen des Kaisers und ein halbes Jahrhundert später zu selbstbewussten Bürgern der Tschechoslowakischen Republik.  Zwei Namen mögen für diesen zunehmend gelingenden Integrationsprozess stehen: der Anwalt Ludwig  Bediener, führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde Prag, brachte es um 1900 zum Direktor des „Deutschen Clubs“ und Vizepräsidenten des (deutschen) Casinos. Bohumil Bondy, Spross jüdischer Eltern und Inhaber einer florierenden Metallfabrik, fungierte als tschechischer Repräsentant der Prager Handelskammer. Beide, deutsche wie tschechische Juden, waren anscheinend angekommen in der liberalen Hauptstadt-Gesellschaft.  In Wirklichkeit aber blieben damals und danach, selbst im „Goldenen Zeitalter“ mit Präsident Masaryk als „Sicherheitsgaranten“, antisemitische Stimmungen spürbar. Nach dem Münchner Abkommen kamen sie offen zum Ausbruch.

Der Holocaust aber war nur möglich unter deutscher Besatzung. Detailliert beschreibt der US-Amerikaner Benjamin Frommer die verschiedenen Phasen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im Protektorat sowie die Rolle Theresienstadts. Von den 68.000 Deportierten kehrten lediglich 3.371 zurück. Diese Tragödie markiert das Ende jüdischen Lebens in den böhmischen Ländern. Dank Zuwanderung aus der Karpatho-Ukraine und der Ostslowakei überstanden einige böhmische Gemeinden die kommunistische Zeit eher schlecht als recht. Heute zählt man dort 3.000  Juden, vielleicht ein paar mehr. Wer mag, kann an seinem Wohnort nachforschen. Dazu gibt das Buch eine gefällige Handreichung zu einem interessanten Betätigungsfeld.

 

Hans Jürgen Fink