Niklas Perzi, Ota Konrád, Hildegard Schmoller, Václav Šmidrkal: Nachbarn


Niklas Perzi, Ota Konrád, Hildegard Schmoller, Václav
Šmidrkal (Hg,): Nachbarn. Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch, Verlag Bibliothek der Provinz Weitra 2019, 416 Seiten, zahlr. Abb. ISBN 978-3-99028-817-7, € 34,00.

Österreichische und tschechische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in mehr als zehnjähriger Arbeit eine Gesamtdarstellung der Geschichte ihrer beiden Länder vom Ende des (West-)Römischen Reiches bis in die unmittelbare Gegenwart vorgelegt (von 1918 bis 1992 unter Einbeziehung der Slowakei).

In 14 Groß- und 86 Unterkapiteln mit ausführlichen Anhängen, Fotos und Karten wird ein riesiges Mosaik gesamtmitteleuropäischer Geschichte und Geisteswelt erfasst. Die 27 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich darauf verständigt, „die wechselvolle Geschichte der beiden Staaten und Gesellschaften darzustellen“. Ortsbezeichnungen, relevante politische Geschehen, Parteien, Verwaltungsbezeichnungen usw. sind durchgehend zweisprachig erfasst.

Die Detaildarstellung setzt erst im 13. Jahrhundert ein und breitet sodann ab dem 16. Jahrhundert das Geschehen immer weiter aus, wobei die komplexe Zeit um den Verbrennungstod von Jan Hus (1415) und der Prager Fenstersturz (1618) zwar mit zwei eindrucksvollen Abbildungen, jedoch nicht wirklich ausreichend erläuterndem Text erscheint, ebenso das bis heute nachwirkende geradezu kollektive Trauma des „Temno“, der „Unterdrückungszeit“ des Tschechischen im Habsburger Reich, um im 20./21. Jahrhundert ganz ausführlich zu werden. Wichtig vor allem für das Verständnis der Zeit seit dem 19. Jahrhundert ist die kurze Feststellung: „Die starke laizistische Orientierung der Tschechen und Deutschen des Landes Böhmen ist vermutlich eine Folge der mit harter Hand durchgesetzten Gegenreformation“ (S. 28).

Die Zeit von 1938 bis 2004 nimmt dann weit mehr als 50% der Gesamtdarstellung ein – diese historisch bis in die unmittelbare Gegenwart wirksame, politisch wie geistig belastende Umbruchsepoche. Die Situation in Wien 1938 und die verbale Verharmlosung der SS als „Schergen in Wien“ sind zu oberflächlich dargestellt. Dagegen zeigen die Karten „Ostmark“ und „Verwaltungsbezirke im Protektorat Böhmen und Mähren“ sowie eine Biographie der zum Tode verurteilten und hingerichteten Ordensschwester Restituta (Helene) Kafka klarer den Umfang und Inhalt der Brutalpolitik Hitler-Deutschlands. Die NS-Politik wird mit den wesentlichen Fakten knapp, nüchtern und sachlich dargestellt, z.B. die deutsche Ideologie der „Volksgemeinschaft“, die Repressionsmaßnahmen, schließlich das weiterwirkende „Trauma des Münchner Abkommens“. Der österreichische, vor allem aber auch der sudetendeutsche Widerstand wird zu kurz, ungenau oder überhaupt nicht dargestellt. Die Judenverfolgung wird mit zahlreichen Zahlenangaben nachvollziehbar benannt, so auch der mentale Umschwung der Sudetendeutschen gegenüber der Begeisterung von 1938, der „Prager Aufstand“ und die „Befreiung“ Österreichs. Das Großkapitel „Am Scheideweg zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘“ bedürfte bei einer weiteren Buchauflage etlicher Ergänzungen, inhaltlicher Präzisierungen und zusätzlicher Literaturangaben. Allerdings wird der Stellung der kleinen deutschen Minderheit in der ČSR/ČSSR nach 1947 relativ viel Raum gegeben. Österreichs Weg vom Neutralisierungs-„Staatsvertrag“ bis zum EU-Beitritt wird klar dargestellt.

Interessant ist das Kapitel, das die wichtigsten beiderseitigen Stereotypen und „Narrative“ behandelt, so zum Beispiel tschechische Minderheitsgefühle, „Entfremdungen“ seit dem 19. Jahrhundert, Tschechen als hussitische „Häretiker“, Österreich als „Völkerkerker“, das sudetendeutsche „Selbstbestimmungsrecht“, Vertreibung als Unrecht, schließlich das „Annus mirabilis“ 1989.

Ein empfehlenswertes Nachschlagewerk für historisch-politisch Interessierte und neuen Erkenntnissen gegenüber Aufgeschlossene.

 

Dr. Otfrid Pustejovsky