Christoph Amthor: 111 Gründe, Tschechien zu lieben

Christoph Amthor: 111 Gründe, Tschechien zu lieben. Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Berlin 2019, 280 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-86265-781-0, € 14,99.

Warum es gerade 111 Gründe sein müssen, ein Land zu lieben, bleibt wohl das Geheimnis des Verlages, der unter diesem Titel eine Reihe von Liebeserklärungen an verschiedene Länder herausgegeben hat. Mit Christoph Amthor ist ein ausgezeichneter Kenner mit der Aufgabe betraut worden, Tschechien vorzustellen. Der studierte Bohemist, Journalist und Blogger hat das Land zu seiner Wahlheimat gemacht, bereist und mit Empathie beobachtet. Mit einer Portion böhmischen Humors schildert er dem Leser in kurzen Geschichten das, was Böhmen liebenswert macht. Auch wenn man den einen oder anderen Grund weglassen könnte, ist das Buch voller interessanter Informationen über Mentalität, Sprache, Kultur, Geschichte, Politik und Kurioses unseres Nachbarlandes. In seinen Geschichten zieht sich wie ein roter Faden die wechselseitige Beziehung der tschechischen und deutschen Kultur und Historie in diesem europäischen Land. Amthor hat keinen Reiseführer geschrieben und er spricht mit seinen Geschichten nicht den Reisenden an, der Tschechien besucht, damit dieses Land auf der To-
do-Liste abgehakt werden kann. Sein Leser muss schon irgendwie einen Draht zu diesem Land haben, mehr erfahren wollen und vor allem sein Herz öffnen. Und wenn der Leser auf Begebenheiten stößt, die er so oder ähnlich erlebt hat und die Beschreibungen von Landschaften ihm vertraut erscheinen, überlegt er, welchem Deutsch sprechenden tschechischen Freund er das Buch zur Bereicherung schenken könnte.

Adriana Insel

 

Matthias Donath, Lars-Arne Dannenberg, Alfons Adam, Tomáš Okurka: Böhmen ist mein Heimatland!


Matthias Donath, Lars-Arne Dannenberg, Alfons Adam, Tomáš Okurka: Böhmen ist mein Heimatland! Deutsche und Tschechen in Nordböhmen 1918-1945, Via Regia Verlag Königsbrück 2018, 104 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-944104-26-3, € 10,00.

 

Das vorliegende Buch geht auf die gleichnamige Ausstellung auf Schloss Weesenstein zurück. Im Gegensatz zur Ankündigung im Titel beschreibt das Buch in Schlaglichtern das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in den böhmischen Ländern bzw. im tschechischen Teil der ČSR vom 19. Jahrhundert bis 1945. Es ist in einer verständlichen Sprache verfasst und bietet vor allem einen sehr guten Überblick über das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen zwischen der Gründung der Tschechoslowakei und dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Einzeldarstellungen befassen sich mit der Rüstungsindustrie im Sudetengau, deutschen Gegnern des Nationalsozialismus, sowie auf besonders gelungene Weise mit dem sogenannten „Führer der Sudetendeutschen“, Konrad Henlein.

Der Titel ist der deutschen Fassung der tschechoslowakischen beziehungsweise tschechischen Hymne entnommen. Zahlreiche Abbildungen illustrieren den Text, wobei viele davon einen guten Einblick in die Alltagsgeschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern geben. Anders als beim Text liegt bei den Abbildungen der Schwerpunkt, dem Buchtitel entsprechend, auf dem nordböhmischen Raum. Weiterhin sind mehrere Landkarten enthalten, wodurch der Leser die Sprachgrenzen nachvollziehen kann. So wertvoll diese Abbildungen sind, nehmen sie doch innerhalb des Buches etwas zu viel Platz ein, was zu Lasten des Textes geht.

Dieses komplett tschechisch und deutsch verfasste Werk verfügt über ein ausführliches Literaturverzeichnis. Vor allem aber räumt es mit zahlreichen sudetendeutschen Mythen auf, die leider bis heute gepflegt werden.

 

Kaplan Markus Ruhs

 


 

Heike Birke, Gabriela Hunger: Erste Hilfe Tschechisch kurz und schmerzlos


Heike Birke, Gabriela Hunger: Erste Hilfe Tschechisch kurz und schmerzlos, Balaena Verlag Landsberg am Lech 2017 (2. aktualisierte Auflage), 64
Seiten, 30 Audiosequenzen zum Downloaden, ISBN 978-3-9812661-8-4, € 14,90.

 

Nach zahlreichen Reisen in die Heimat meiner Vorfahren habe ich inzwischen meine „Wurzel-Heimat“ im Kuhländchen gefunden. Der Zugang zur tschechischen Sprache fällt mir jedoch noch immer schwer. Da kommt mir diese Erste-Hilfe-Broschüre für meine interkulturellen Begegnungen sehr gelegen. Die Autorinnen versprechen: „ihre Bemühungen werden belohnt und es öffnen sich Türen, die vorher vielleicht verschlossen waren.“

Bereits in einer zweiten aktualisierten Auflage hilft die handliche Broschüre bei der deutsch-tschechischen Alltagskonversation. Enthalten sind alle Sätze, die man privat oder geschäftlich zum Einstieg braucht – zum Lesen, Anhören und Mitsprechen.

Es macht mir Mut, dass ich mir mittels kostenlosen Audiodownloads das tschechische Alphabet und das Schreiben am Computer (Tastatur des Rechners auf tschechisch umstellen) erschließen kann. Die ausführliche Erläuterung der Aussprache ist nicht nur für Anfänger hilfreich.

Auch in der gegenseitigen Verständigung gibt es Hilfen. Aus Erfahrung weiß ich, wie angenehm es in einer Gesprächssituation für beide Seiten ist, wenn man beim ersten persönlichen Treffen weiß, wie der Name des Gesprächspartners auszusprechen ist. Hier gibt es Erste Hilfe, für die man sich etwas Zeit nehmen sollte.

Ein Fundament interkultureller Begegnungen kann sich entwickeln. Über Land und Brauchtum wird grundlegendes Wissen vermittelt. So erfahren Reisende, auch die Nachgeborenen, die auf Spurensuche in den ehemals sudetendeutschen Gebieten sind, zahlreiche interkulturelle Hinweise zu typisch tschechischen Gesprächsgepflogenheiten. Unterstützung wird auch im Schriftverkehr mit tschechischen Kontaktpartnern geboten, wie beispielsweise Hilfe für Glückwünsche und Beileidsbekundungen. Und auch der Geschäftsreisende erhält ein wesentliches Vokabular.

Fazit: Zuvorderst steht das Interesse an Land und Leuten und mit dieser handlichen Erste-Hilfe-Broschüre gedeihen die Früchte interkultureller Begegnungen: So öffnen sich nicht nur Türen, sondern auch die Herzen.

 

Martina E. Büchel

 

 

 

Petr Balajka: Ottla Kafka

Petr Balajka: Ottla Kafka. Das tragische Schicksal der Lieblingsschwester Franz Kafkas. Aus dem Tschechischen von Werner Imhof, Tredition Verlag Hamburg 2019, 244 Seiten, 27 Abb., ISBN 978-3-7497-7177-6, € 21,99.

 

Dieses Buch setzt einer ungewöhnlichen Persönlichkeit, Franz Kafkas Lieblingsschwester Ottla, ein würdiges Denkmal und trägt dabei einiges zum Verständnis des Schriftstellers bei. Der Prager Journalist und Bohemist Petr Balajka hat 2018 die erste Monographie über Ottla geschrieben, die jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt.

Balajka versucht, Ottlas Lebensweg, der mit ihrer Ermordung in Auschwitz jäh beendet wurde, zu rekonstruieren. Immer wieder eingestreute Zitate aus Kafkas Schriften vermitteln einen nachhaltigen Eindruck von der geistigen Nähe und der großen Verbundenheit zwischen den Geschwistern.

Wer der Wahrheit auf die Spur kommen will, muss bisweilen seine Phantasie spielen lassen. Während dies unter Historikern verpönt ist und schnell den Verdacht mangelnder Seriosität hervorruft, ist es unter Kriminalisten selbstverständlich. Sie stellen Hypothesen auf und prüfen ihre Haltbarkeit im Lichte der vorliegenden Indizien und Beweise. Genau das tut Balajka, um Ottla Kafkas Schicksal zu beschreiben. Er ist unter anderem Autor mehrerer Kriminalromane, die im Prager jüdischen Milieu spielen. So ist diese Monografie zwar aufwändig recherchiert, aber für Zeitabschnitte, zu denen die Quellen schweigen, auch fiktiv: So könnte es sich abgespielt haben.

ag

 

Niklas Perzi, Ota Konrád, Hildegard Schmoller, Václav Šmidrkal: Nachbarn


Niklas Perzi, Ota Konrád, Hildegard Schmoller, Václav
Šmidrkal (Hg,): Nachbarn. Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch, Verlag Bibliothek der Provinz Weitra 2019, 416 Seiten, zahlr. Abb. ISBN 978-3-99028-817-7, € 34,00.

 

Österreichische und tschechische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in mehr als zehnjähriger Arbeit eine Gesamtdarstellung der Geschichte ihrer beiden Länder vom Ende des (West-)Römischen Reiches bis in die unmittelbare Gegenwart vorgelegt (von 1918 bis 1992 unter Einbeziehung der Slowakei).

In 14 Groß- und 86 Unterkapiteln mit ausführlichen Anhängen, Fotos und Karten wird ein riesiges Mosaik gesamtmitteleuropäischer Geschichte und Geisteswelt erfasst. Die 27 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich darauf verständigt, „die wechselvolle Geschichte der beiden Staaten und Gesellschaften darzustellen“. Ortsbezeichnungen, relevante politische Geschehen, Parteien, Verwaltungsbezeichnungen usw. sind durchgehend zweisprachig erfasst.

Die Detaildarstellung setzt erst im 13. Jahrhundert ein und breitet sodann ab dem 16. Jahrhundert das Geschehen immer weiter aus, wobei die komplexe Zeit um den Verbrennungstod von Jan Hus (1415) und der Prager Fenstersturz (1618) zwar mit zwei eindrucksvollen Abbildungen, jedoch nicht wirklich ausreichend erläuterndem Text erscheint, ebenso das bis heute nachwirkende geradezu kollektive Trauma des „Temno“, der „Unterdrückungszeit“ des Tschechischen im Habsburger Reich, um im 20./21. Jahrhundert ganz ausführlich zu werden. Wichtig vor allem für das Verständnis der Zeit seit dem 19. Jahrhundert ist die kurze Feststellung: „Die starke laizistische Orientierung der Tschechen und Deutschen des Landes Böhmen ist vermutlich eine Folge der mit harter Hand durchgesetzten Gegenreformation“ (S. 28).

Die Zeit von 1938 bis 2004 nimmt dann weit mehr als 50% der Gesamtdarstellung ein – diese historisch bis in die unmittelbare Gegenwart wirksame, politisch wie geistig belastende Umbruchsepoche. Die Situation in Wien 1938 und die verbale Verharmlosung der SS als „Schergen in Wien“ sind zu oberflächlich dargestellt. Dagegen zeigen die Karten „Ostmark“ und „Verwaltungsbezirke im Protektorat Böhmen und Mähren“ sowie eine Biographie der zum Tode verurteilten und hingerichteten Ordensschwester Restituta (Helene) Kafka klarer den Umfang und Inhalt der Brutalpolitik Hitler-Deutschlands. Die NS-Politik wird mit den wesentlichen Fakten knapp, nüchtern und sachlich dargestellt, z.B. die deutsche Ideologie der „Volksgemeinschaft“, die Repressionsmaßnahmen, schließlich das weiterwirkende „Trauma des Münchner Abkommens“. Der österreichische, vor allem aber auch der sudetendeutsche Widerstand wird zu kurz, ungenau oder überhaupt nicht dargestellt. Die Judenverfolgung wird mit zahlreichen Zahlenangaben nachvollziehbar benannt, so auch der mentale Umschwung der Sudetendeutschen gegenüber der Begeisterung von 1938, der „Prager Aufstand“ und die „Befreiung“ Österreichs. Das Großkapitel „Am Scheideweg zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘“ bedürfte bei einer weiteren Buchauflage etlicher Ergänzungen, inhaltlicher Präzisierungen und zusätzlicher Literaturangaben. Allerdings wird der Stellung der kleinen deutschen Minderheit in der ČSR/ČSSR nach 1947 relativ viel Raum gegeben. Österreichs Weg vom Neutralisierungs-„Staatsvertrag“ bis zum EU-Beitritt wird klar dargestellt.

Interessant ist das Kapitel, das die wichtigsten beiderseitigen Stereotypen und „Narrative“ behandelt, so zum Beispiel tschechische Minderheitsgefühle, „Entfremdungen“ seit dem 19. Jahrhundert, Tschechen als hussitische „Häretiker“, Österreich als „Völkerkerker“, das sudetendeutsche „Selbstbestimmungsrecht“, Vertreibung als Unrecht, schließlich das „Annus mirabilis“ 1989.

Ein empfehlenswertes Nachschlagewerk für historisch-politisch Interessierte und neuen Erkenntnissen gegenüber Aufgeschlossene.

 

Dr. Otfrid Pustejovsky