Eva Vybíralová: Untergrundkirche und geheime Weihen


Eva Vybíralová: Untergrundkirche und geheime Weihen. Eine kirchenrechtliche Untersuchung der Situation in der Tschechoslowakei 1948-1989. 373
Seiten. Echter Verlag Würzburg 2019. ISBN 978-3-429-05363-5, € 24,00.

 

 

Mit der Machtübernahme durch die KPTsch unter Klement Gottwald in der Tschechoslowakei am 25. Februar 1948 unter kalkulierter Ausnützung der Schwächen demokratischer „Spielregeln“ begann die systematische Religions- und Kirchenverfolgung in mehreren Phasen bis zum November 1989.

Doch erst nach der Niederschlagung des tschechoslowakischen demokratischen Aufbruchs im August 1968 und der international vertretenen Meinung, dass die UdSSR in ihrem Herrschaftsbereich auf unabsehbare Zeit Regierungs- und gesamtgesellschaftliche Inhalts- und Lenkungsformen allein nach Moskauer Politik bilden werde, begann in der damaligen ČSSR die Entwicklungs- und Ausbauphase einer „Verborgenen Kirche“.

Um diese angemessen einordnen und beurteilen zu können, sollte die fundierte Meinung zweier Innensicht-Kenner – Petr Fiala und Jiří Hanuš, beide Brünn – von 1999 (und deutsch 2004) grundsätzlich gelten: „Es ist nicht möglich, die Verborgene Kirche aus der Perspektive der Gegenwart zu betrachten, sie am kanonischen Recht oder an gewöhnlich in Kirche und Gesellschaft geltenden Normen zu messen, sondern man muss sie im Kontext der Zeit begreifen.“

Doch gerade unter expliziter Zugrundelegung des Kanonischen Rechts hat die aus Ostrau stammende Prager  Wissenschaftlerin und Kirchenrechtlerin Eva Vybíralová nun ihre umfangreiche Dissertation zu „Untergrundkirche und geheime Weihen“ in deutscher Sprache vorgelegt. Nach 304 Seiten mit gründlichem Quellen- und Literaturstudium sowie mit zahlreichen oral-history-Recherchen und Interviews nach den Methoden des pastorale Empathie kaum berücksichtigenden katholischen Kirchenrechts auf der Grundlage des „Codex iuris canonici“ von 1917 zieht Frau Vybíralová schließlich doch einen kritischen und überraschenden Schluss: „Falls die katholische Kirche aus ihren alten falschen Schritten keine Lehre zieht, geht sie das Risiko ein, diese Schritte auch in der Zukunft und an anderen Orten zu wiederholen. Dies betrifft in letzter Zeit besonders die katholische Kirche in China.“ Damit gelangt sie zu einem Urteil fast im Widerspruch zu ihrer eigenen Untersuchung.

Vybíralová entwickelt ihre Darstellung ganz im Stil konservativer Geschichtsschreibung. In 4 Großkapiteln mit zahlreichen Unterkapiteln stellt sie ganz in der Tradition kirchenrechtlicher Arbeiten, weitgehend ohne Berücksichtigung historischer und pastoraler Aspekte, die Gültigkeit bzw. Ungültigkeit von Diakon-, Priester- und Bischofsweihen dar, um dann in einem 5., „Exkurs“ benannten Kapitel Geheimweihen tschechoslowakischer Kandidaten in Polen, der DDR und weiteren Ländern aufzulisten - eine aufschlussreiche Zusammenstellung!

Vybíralová hält sich eng an die Grenzen des erst seit 1917 gültigen Codex iuris canonici, zitiert hier und im Anhang nur im sperrigen Vatikan-Latein. In ihren 936 Anmerkungsbelegen mit tschechischen und slowakischen Nachweisen und ebensolchen Zeitzeugengesprächen (aus ihrem Privatarchiv!) verwendet sie durchgehend nur die Originalsprache. So wird aber die tatsächliche „Internationalität“ der Problematik auch für den wissenschaftlichen Bereich erheblich eingeschränkt.

Wichtig aber ist die umfangreiche personalisierte Dokumentation über zu Bischöfen, Priestern und Diakonen geweihte Personen – so z.B. von Tomáš Halík.

Insgesamt liegt hier aber ein Kompendium der kirchlichen Lage in der ČSR/ČSSR 1948-1989 und danach vor – auch hinsichtlich der stets eingeforderten vatikanischen Machtkompetenz, deren nachweisbare Fragwürdigkeit auch 2019/2020 nicht allein die tschechoslowakische Lage als „ungelöst“ erscheinen lässt, sondern auch derzeitige (China) und künftige Probleme („Amazonas“, ganz Südamerika) nicht löst.


Dr. Otfrid Pustejovsky