Michal Hvorecky: Troll

Michal Hvorecký: Troll, aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch, Tropen bei Klett-Cotta Verlag Stuttgart 2018, 215 Seiten, ISBN 978-3-608-50411-8, € 18,00.

 


Auch die Sonne hat Flecken

 


Michal Hvorecký, der mittlerweile ein bekanntes Gesicht bei der Ackermann-Gemeinde ist und zuletzt bei der Silvesterbegegnung 2018/19 der Jungen Aktion in Budapest gesprochen hat, hat ein neues Buch veröffentlicht. Troll erschien im Herbst 2018 auf Deutsch und hat seitdem viel positive Kritik in den Feuilletons der großen deutschen Zeitungen erhalten.

Die Handlung des Romans spielt im Osteuropa der nicht allzu fernen Zukunft. Wissenschaft und Wirklichkeit haben Science-Fiction und Kunst überholt. Der namenlose Ich-Erzähler zeichnet ein düsteres Bild seines Landes, das politisch abhängig vom „Reich“, dem übermächtigen Nachbarn im Osten scheint. Das Gesundheitssystem ist marode, die Regierung autoritär und die Medien staatlich kontrolliert. Politische Gegner und Minderheiten werden in Lager verschleppt und müssen statt Armbinden QR-Codes tragen.

Parallelen zu realen Ländern und Gegebenheiten lassen sich leicht herstellen. Dann wäre Russland das „Reich“ und die Stadt, in der sich der größte Teil der Handlung abspielt, Kúkav, Bratislava. Nach einem hybrid geführten Krieg (im Internet und auf tatsächlichen Schlachtfeldern) hat das „Reich“ die Vorherrschaft über einige Teile Osteuropas erlangt und kontrolliert diese Länder politisch und medial. Diese dystopische Zukunftsvision stimmt nicht (mit der Realität überein), könnte aber stimmen, womit Hvorecký geschickt die Technik von Fake-News verbreitenden Trollen literarisch imitiert und sie so entlarvt. Denn Fake-News und Trolling sind die bestimmenden und auch namengebenden Themen des Romans.

Nach dem Motto „Wer sich nicht zu Wort meldet, lädt durch Schweigen Schuld auf sich“ beschließt der namenlose Protagonist zusammen mit seiner Freundin Johanna gegen die von Trollen beherrschte staatliche Medien-Maschinerie anzukämpfen. Beide müssen sich zur Umsetzung dieses Vorhabens zunächst selbst als Trolle verdingen, um deren Arbeitsweise kennenzulernen. So verwischen bald die Grenzen, denn beide Antihelden schmeißen selbst mit den übelsten Beschimpfungen in den sozialen Netzwerken um sich und diskreditieren Politiker, Menschenrechtsaktivisten und Minderheiten. Der Leiter der Trolling-Zentrale Valys fasst die Strategie der Trolle so zusammen: „Früher hat der Sieger Geschichte geschrieben. Heute schreibt die Geschichte derjenige, der siegen will.“ Mit einigen Handlungsumschwüngen nimmt der Roman gegen Ende richtig Fahrt auf und bietet dem Leser zum Schluss auch einige Denkanstöße.

Michal Hvorecký gelingt es mit „Troll“, den Nerv der Zeit zu treffen. Wenngleich der Roman zu Beginn etwas verwirrend erscheint und auch anachronistische Züge hat – zum Beispiel werden zukünftige Szenarien mit aktuellen Referenzen auf Personen des öffentlichen Lebens vermischt. Er fußt stark auf den persönlichen Erfahrungen des Autors mit Trolling und Fake-News, was dem informierten Leser allzu deutlich ins Auge sticht. Nichtsdestoweniger bleibt Hvoreckýs Buch ein sehr lesenswerter Text. Denn wie bereits ein russisches literarisches Sprichwort feststellt, gibt es auch auf der Sonne Flecken.

 

Matthias Melcher

 

Annelies Schwarz: April Regen

Annelies Schwarz: Aprilregen, Obelisk Verlag Innsbruck 2019, 180 Seiten, ab 10 Jahren, ISBN 978-3-85197-904-6, € 13,00.

 

Gegen Hoffnungslosigkeit

 

Im Zentrum des neuen Jugendbuches „Aprilregen“ der bekannten Autorin Annelies Schwarz steht das Schicksal des elfjährigen Romajungen Jakub, der bei seiner alten Großmutter in einer trostlosen Romasiedlung in der Slowakei wohnt. Als seine Oma krank wird, ist er auf sich alleine angewiesen. Um Geld zu verdienen, lässt er sich auf ein Angebot des zwie-lichtigen Gatscho Gabo ein und muss sehr schnell feststellen, dass Gabo ihn und zwei andere Jungen nach Prag bringt, sie mit Drohungen und brutaler Gewalt zum Stehlen zwingt und die Beute von ihnen kassiert.

Irgendwo im Keller eines alten Hauses eingesperrt und zu Diebstählen in der Altstadt gezwungen, sinnt Jakub verzweifelt nach einem Ausweg. Schließlich gelingt es ihm zu flüchten. Er findet Hilfe bei dem arbeitslosen Puppenspieler Pavel, der mit seiner Tochter Milena auf der Karlsbrücke einen Stand hat und Jakubs Faszination für die Marionetten bemerkt. Sie helfen Jakub nicht nur, sich vor Gabo zu verstecken, sondern nehmen ihn auch auf, als er krank wird. Schließlich erzählt Jakub im Gespräch mit Pavel und dem Arzt Filip Wanka seine wahre Geschichte und ist zu einer Aussage über Gabo bei der Polizei bereit. Dieser Arzt hat auch Kontakte zu einer Organisation, die sich um Straßenkinder in Prag kümmert und sich für eine bessere Bildung der Romakinder einsetzt. Er erzählt Jakub, dass es viele Roma gibt, aus denen etwas geworden sei und dass auch seine Mutter eine Romni sei. Damit gewinnt er sein Vertrauen und bringt ihn zurück in sein Dorf. In der Zeitung ist später zu lesen, dass der Prager Polizei ein Schlag gegen das kriminelle Treiben von Taschendieben gelang.

Annelies Schwarz verleiht in diesem berührenden Buch dem Romajungen Jakub eine eindringliche Stimme, die zu den Lesern für viele von den Erwachsenen missbrauchten Kindern spricht. „Aprilregen“ ist zugleich realitätsnah und spannend geschrieben, kein Buch gegen die Roma, aber gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Dabei lenkt die Autorin den Blick auch auf strukturelle gesellschaftliche Defizite.

 

Eckhard Scheld

 

 

Annelies Brökel: Das hungrige Krokodil

Sandra Brökel: Das hungrige Krokodil, Pendragon Verlag Bielefeld, 2. Auflage 2018, 320 Seiten, ISBN 978-3-86532-608-9, € 17,00.

 

Wie viele Diktaturen hält ein Menschenleben aus?

 

Ein glücklicher Zufall spielte die biografischen Aufzeichnungen des tschechischen Kinderpsychiaters Dr. Pavel Vodák in die Hände der Schreib- und Trauertherapeutin Sandra Brökel und sie verarbeitete das Material zu dem Familienroman „Das hungrige Krokodil“. Vodák, Sohn einer deutschen Mutter und eines tschechischen Vaters, schildert die historischen Ereignisse von ca. 1930 in der Tschechoslowakei bis ins Exil in Deutschland. Das „hungrige Krokodil“ wird bei ihm zum Synonym für die Mechanismen einer diktatorischen Macht, die das Leben des Individuums immer mehr verschlingt. Mehrfach in seinem Leben muss er den Hunger des „Krokodils“ erfahren und als der „Prager Frühling“ positive Veränderungen verheißt, engagiert er sich auch politisch. Die sog. Normalisierung danach droht ihn und seine Familie existenziell zu zerstören, es bleibt nur noch die abenteuerliche Flucht in die Freiheit nach Deutschland, vor dem seine Frau noch Unbehagen empfindet.


Adriana Insel

 

 

 

Konrad H. Jarausch: Zerrissene Leben

Konrad H. Jarausch: Zerrissene Leben. Das Jahrhundert unserer Mütter und Väter, aus dem Englischen von Thomas Bertram, Verlag wbg-Theiss Darmstadt 2018, 455 Seiten, 32 Illustrationen, ISBN 978-3-8062-3787-0, € 29,95.

 

Geschichte der Deutschen von „unten“ betrachtet

 

Beinahe 150 Jahre lang wurde Geschichte „von oben“ geschrieben: Regierungsprotokolle, Botschaftsberichte, Lebenserinnerungen politischer „Gestalter“ und so weiter.

Diese Betrachtungsweise hat in den vergangenen rund 20 Jahren eine grundlegende Veränderung erfahren: der deutsche „Historikerstreit“ von 1986/87 hat gezeigt, dass selbst Fachleute mit oft geradezu überschäumenden Gefühlsausbrüchen übereinander herfielen – Wissenschaft hin oder her!

Und so hat die Lesewelt mit großem Erstaunen 2018 die umfangreiche Darstellung des Amerika-Deutschen Konrad H. Jarausch „Zerrissene Leben“ aufgenommen und bemerkt, dass „große Geschichte“ auch an den Lebensbeispielen und dem Handeln einfacher „Zeitgenossen“ entwickelt werden kann. Jarausch hat auf 455 Seiten  mit 17 „Hauptfiguren“, 21 „Nebenfiguren“ und 44 „Randfiguren“ das „Jahrhundert unserer Mütter und Väter“ von der Zeit der „Kaiserlichen Vorfahren“ bis über das Ende der DDR hinaus in 9 plus 1 Kapiteln dargestellt und alle Daten, Fakten, Ereignisse mit 802 kleingedruckten Anmerkungen auch belegt. Er hat somit über die „offizielle“ Geschichtsdarstellung hinaus ein buntschillerndes Porträt unserer Welt gezeichnet.

Der Wissenschaftsjournalist Harald Jähner setzt mit seinen 475 Seiten und 383 Anmerkungen beim Kriegsende 1945 ein und schließt in der Gegenwart mit seiner genau angelegten, weitgehend anonymisierten, immer wieder auch personalisierten und aufgelockert-feuilletonistisch geschriebenen Arbeit den großen Überblicksbogen in 10 plus 1 Kapitel ab.

Sieht Jarausch beobachtend ein Jahrhundert weitgehender „zerrissener Leben unserer Mütter und Väter“ über mehrere Generationen hinweg, so bewertet Jähner aus der Retrospektive heraus das Nachkriegsjahrzehnt als eine „Wolfszeit“ – im Gegensatz zu der Dramatik der Tausenden verlorener, verlassener „Wolfskinder“ dieser Zeit, wie sie vor kurzem erst Christopher Spatz in seiner Gesamtdarstellung „Nur der Himmel blieb derselbe“ erfasst hat – trotz der ausführlichen Zeichnung des „großen Wanderns“, also der Vertreibungen (Jähner, 3. Kapitel, S. 61-199), die als „gigantisches Enteignungsprogramm“ bezeichnet werden (S. 106).

Beide Autoren führen somit auch in eine Zeit neuen Geschichtsverständnisses und damit die Notwendigkeit veränderter Sicht und Darstellung, die Jarausch so begründet:

„Meine Analyse der Ego-Dokumente von Durchschnittsdeutschen baut auf der Tradition der Alltagsgeschichte auf. (…) Statt von der Warte der großen Politik herabzublicken, versucht diese umgekehrte Perspektive, die Beziehungen der einfachen Leute von unten zu rekonstruieren. (…) Statt lediglich die Unterschiede zwischen den aufeinanderfolgenden Systemen des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des „Dritten Reichs“ sowie Ost- und Westdeutschlands aufzuzählen, zeigen sie, wie sehr individuelle Lebensentscheidungen mit Diktatur und Demokratie verquickt waren“.

Ohne hier zahlreiche Detailprobleme zu nennen, empfehle ich: Beide Bücher sollten gelesen werden!


Dr. Otfrid Pustejovsky

 

 

 

Harald Jähner: Wolfszeit

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen, Rowohlt Verlag Berlin 2019, 475 Seiten, ISBN 978-3-7371-0013-7, € 26,00.

 

Geschichte der Deutschen von „unten“ betrachtet

 

Beinahe 150 Jahre lang wurde Geschichte „von oben“ geschrieben: Regierungsprotokolle, Botschaftsberichte, Lebenserinnerungen politischer „Gestalter“ und so weiter.

Diese Betrachtungsweise hat in den vergangenen rund 20 Jahren eine grundlegende Veränderung erfahren: der deutsche „Historikerstreit“ von 1986/87 hat gezeigt, dass selbst Fachleute mit oft geradezu überschäumenden Gefühlsausbrüchen übereinander herfielen – Wissenschaft hin oder her!

Und so hat die Lesewelt mit großem Erstaunen 2018 die umfangreiche Darstellung des Amerika-Deutschen Konrad H. Jarausch „Zerrissene Leben“ aufgenommen und bemerkt, dass „große Geschichte“ auch an den Lebensbeispielen und dem Handeln einfacher „Zeitgenossen“ entwickelt werden kann. Jarausch hat auf 455 Seiten  mit 17 „Hauptfiguren“, 21 „Nebenfiguren“ und 44 „Randfiguren“ das „Jahrhundert unserer Mütter und Väter“ von der Zeit der „Kaiserlichen Vorfahren“ bis über das Ende der DDR hinaus in 9 plus 1 Kapiteln dargestellt und alle Daten, Fakten, Ereignisse mit 802 kleingedruckten Anmerkungen auch belegt. Er hat somit über die „offizielle“ Geschichtsdarstellung hinaus ein buntschillerndes Porträt unserer Welt gezeichnet.

Der Wissenschaftsjournalist Harald Jähner setzt mit seinen 475 Seiten und 383 Anmerkungen beim Kriegsende 1945 ein und schließt in der Gegenwart mit seiner genau angelegten, weitgehend anonymisierten, immer wieder auch personalisierten und aufgelockert-feuilletonistisch geschriebenen Arbeit den großen Überblicksbogen in 10 plus 1 Kapitel ab.

Sieht Jarausch beobachtend ein Jahrhundert weitgehender „zerrissener Leben unserer Mütter und Väter“ über mehrere Generationen hinweg, so bewertet Jähner aus der Retrospektive heraus das Nachkriegsjahrzehnt als eine „Wolfszeit“ – im Gegensatz zu der Dramatik der Tausenden verlorener, verlassener „Wolfskinder“ dieser Zeit, wie sie vor kurzem erst Christopher Spatz in seiner Gesamtdarstellung „Nur der Himmel blieb derselbe“ erfasst hat – trotz der ausführlichen Zeichnung des „großen Wanderns“, also der Vertreibungen (Jähner, 3. Kapitel, S. 61-199), die als „gigantisches Enteignungsprogramm“ bezeichnet werden (S. 106).

Beide Autoren führen somit auch in eine Zeit neuen Geschichtsverständnisses und damit die Notwendigkeit veränderter Sicht und Darstellung, die Jarausch so begründet:

„Meine Analyse der Ego-Dokumente von Durchschnittsdeutschen baut auf der Tradition der Alltagsgeschichte auf. (…) Statt von der Warte der großen Politik herabzublicken, versucht diese umgekehrte Perspektive, die Beziehungen der einfachen Leute von unten zu rekonstruieren. (…) Statt lediglich die Unterschiede zwischen den aufeinanderfolgenden Systemen des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des „Dritten Reichs“ sowie Ost- und Westdeutschlands aufzuzählen, zeigen sie, wie sehr individuelle Lebensentscheidungen mit Diktatur und Demokratie verquickt waren“.

Ohne hier zahlreiche Detailprobleme zu nennen, empfehle ich: Beide Bücher sollten gelesen werden!

 

Dr. Otfrid Pustejovsky