Wolfgang Sréter: Milenas Erben


Wolfgang Sréter: Milenas Erben, Verlag edition lichtung Viechtach 2018, 168 Seiten, ISBN 978-3-941306-74-5, € 14,90.

 

Der Osten tickt anders

 

Wie es kurz nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ in den Körpern, Köpfen und Seelen von nicht mehr kommunistisch regierten Tschechen, einstigen DDR-Bürgern und gelernten Westdeutschen zuging, erfährt man beim Lesen von Milenas Erben. Wolfgang Sréter beweist mit diesem Buch, dass er nicht nur ein genauer und sensibler Beobachter seiner Um- und Mitwelt ist, sondern auch ein souverän gestaltender, rhythmisch versierter und sprachlich überzeugender Schriftsteller.

Worum geht es? In der Hoffnung, nach dem Ableben der fast vergessenen Großtante Milena ein vornehmes Hotel zu erben, machen sich sechs ganz unterschiedliche Menschen auf den Weg nach Karlovy Vary. Da ist die ziemlich chaotische Jazz-Liebhaberin Alice. Dazu ihr Vater Thomas Freyenfeld, ein etwas phantasieloser Architekt, der gerne organisiert, dominiert und kontrolliert. Und ihre Mutter Ingrid: „Karlsbad – wenn es heute überhaupt noch so hieß – war ihr ferner als Rom, Marrakesch oder Shanghai, das für sie der Inbegriff aufregender Fremdheit war“. Aus Teneriffa Georg Fuchs, der sich mehr oder minder dem Suff ergeben hat, aus Dresden der kränkliche Trotz-alledem-Sozialist Joshua Horn mit seiner Frau Charlotte. Klar, dass bei einem solchen Treffen alte Familiengeschichten und schlecht vernarbte Konflikte hochkommen. Das Hotel?

Der Autor verzahnt sein wechselvolles Geschick klug mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Beerdigung endet abrupt im Starkregen, und eine „Restitution“, wie das „neue Zauberwort“ damals hieß, wird es nicht geben. Ist das die Quittung dafür, dass man sich jahrelang nicht dafür interessiert hatte, was hinter dem „Eisernen Vorhang“ wirklich passierte? Immerhin sehen alle Beteiligten ihre Familie am Ende in etwas anderem Licht als zuvor – und durchschauen vielleicht auch einige der mit der „Wende“ aufgekommenen Illusionen. Zu viel ist passiert im letzten Jahrhundert, und deshalb darf und kann man es sich mit „West“ und „Ost“ nicht zu einfach machen. Milenas Erben ist auch ein überzeugendes Plädoyer für historisch fundiertes, geduldiges und genaues Hinschauen und Zuhören.



Klaus Hübner