Kateřina Tučková: Gerta. Das deutsche Mädchen

Wolfgang Sréter: Milenas Erben

Wolfgang Sréter: Milenas Erben, Verlag edition lichtung Viechtach 2018, 168 Seiten, ISBN 978-3-941306-74-5, € 14,90.

 

Der Osten tickt anders

 

Wie es kurz nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ in den Körpern, Köpfen und Seelen von nicht mehr kommunistisch regierten Tschechen, einstigen DDR-Bürgern und gelernten Westdeutschen zuging, erfährt man beim Lesen von Milenas Erben. Wolfgang Sréter beweist mit diesem Buch, dass er nicht nur ein genauer und sensibler Beobachter seiner Um- und Mitwelt ist, sondern auch ein souverän gestaltender, rhythmisch versierter und sprachlich überzeugender Schriftsteller.

Worum geht es? In der Hoffnung, nach dem Ableben der fast vergessenen Großtante Milena ein vornehmes Hotel zu erben, machen sich sechs ganz unterschiedliche Menschen auf den Weg nach Karlovy Vary. Da ist die ziemlich chaotische Jazz-Liebhaberin Alice. Dazu ihr Vater Thomas Freyenfeld, ein etwas phantasieloser Architekt, der gerne organisiert, dominiert und kontrolliert. Und ihre Mutter Ingrid: „Karlsbad – wenn es heute überhaupt noch so hieß – war ihr ferner als Rom, Marrakesch oder Shanghai, das für sie der Inbegriff aufregender Fremdheit war“. Aus Teneriffa Georg Fuchs, der sich mehr oder minder dem Suff ergeben hat, aus Dresden der kränkliche Trotz-alledem-Sozialist Joshua Horn mit seiner Frau Charlotte. Klar, dass bei einem solchen Treffen alte Familiengeschichten und schlecht vernarbte Konflikte hochkommen. Das Hotel?

Der Autor verzahnt sein wechselvolles Geschick klug mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Beerdigung endet abrupt im Starkregen, und eine „Restitution“, wie das „neue Zauberwort“ damals hieß, wird es nicht geben. Ist das die Quittung dafür, dass man sich jahrelang nicht dafür interessiert hatte, was hinter dem „Eisernen Vorhang“ wirklich passierte? Immerhin sehen alle Beteiligten ihre Familie am Ende in etwas anderem Licht als zuvor – und durchschauen vielleicht auch einige der mit der „Wende“ aufgekommenen Illusionen. Zu viel ist passiert im letzten Jahrhundert, und deshalb darf und kann man es sich mit „West“ und „Ost“ nicht zu einfach machen. Milenas Erben ist auch ein überzeugendes Plädoyer für historisch fundiertes, geduldiges und genaues Hinschauen und Zuhören.


Klaus Hübner

 

 

Jiří Gruša: Werkausgabe

Jiří Gruša Werkausgabe, 10 Bände, hg. von Hans-Dieter Zimmermann und Dalibor Dobiaš, Wieser Verlag Klagenfurt 2014-2018, pro Band € 21,00.

Werkausgabe Jiří Gruša

Zum 80. Geburtstag von Jiři Gruša im November 2018 wurde die zehnbändige deutschsprachige Ausgabe der Werke des Schriftstellers und Diplomaten fertig gestellt. Sie wurde vom Berliner Literaturwissenschaftler Prof. Hans Dieter Zimmermann herausgegeben.

Gruša, 1938 in Pardubice in einer katholischen Familie geboren, starb 2011. Er war Dissident und Freund Václav Havels, als er 1981 ausgebürgert wurde. Er lebte dann in Westdeutschland und schrieb auch deutsche Gedichte, in der Werkausgabe ergeben sie einen dicken Band. Auf Drängen seines Freundes Havel wurde er Botschafter seines Landes in Bonn und Wien. Danach war er Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien und Präsident des internationalen PEN. Vielmals war Gruša bei der Ackermann-Gemeinde mit Lesungen oder als Referent zu Gast. Einige dieser Reden haben auch Eingang in den Band „Reden und Gespräche“ gefunden.

Die deutschsprachige Ausgabe seiner Werke umfasst ferner seine drei großen Romane „Mimner“, „Der 16. Fragebogen“ und „Dr. Kokeš“, je einen Band Erzählungen, tschechische Gedichte und deutsche Gedichte sowie zwei Bände „Essays und Studien“. Die meisten der Essays und Reden hat er in deutscher Sprache geschrieben. Ein Band dokumentiert seine Auseinandersetzung mit Edvard Beneš, die viel diskutiert wurde. So wird das literarische Werk dieses sympathischen Menschen überliefert.


ag

 

 

Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude

Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude, aus dem Tschechischen von Eva Profousová, Verlag Hoffmann und Campe Hamburg 2019, 336 Seiten, ISBN 978-3-455-00511-0, € 24,00.

 

In die tiefen Abgründe

 

Wäre der Roman nicht bereits vor fünf Jahren in Tschechien erschienen, müsste man meinen, Dr. Radka Denemarková hätte ihn eigens zur aktuellen „Me Too“-Debatte verfasst. Für den deutschen Leser kommt die Übersetzung so gerade zur rechten Zeit. Macht er doch auf mitunter brutale Weise deutlich, was die Aufregung um einen Hollywood-Großmogul eher verbirgt: Sexuelle Gewalt gegen Frauen hat eine jahrhundertealte globale Dimension. Dafür stehen drei Frauen, die sich dem Kampf auf diesem „Schlachtfeld, das keine Friedenszeiten kennt“, verschrieben haben. In einer verwunschenen Villa am Fuße des Petřin-Hügels in Prag haben sie ein multimediales „Archiv des Schmerzes“ angelegt. Es dokumentiert die Massen-Misshandlungen der Frauen im 2. Weltkrieg ebenso wie die jüngsten Gruppen-Vergewaltigungen in Indien oder den Ehrenmord in Berlin. Mehr noch: wo sie nur können, suchen sie junge Frauen vor Missbrauch und Prostitution zu retten. Als todesbringende Racheengel kommen sie über die Peiniger. So beginnt der Roman mit einem Mann, der am Balken baumelt, und endet auf ähnliche Weise. Mord oder Selbstjustiz im Sinne der Gerechtigkeit?

Ein „Beitrag zur Geschichte der Freude“ ist das jedenfalls nicht, was Radka Denemarková über Männer-Macht und Frauen-Leid in den Geschlechterbeziehungen erzählt. Freude aber bereitet ihre von Eva Profousová kongenial übertragene Sprache: elegant, mitunter verrätselt, mit poetischen Ausflügen in die Welt der Ornithologie. Immer wieder werden Wörter „mit der Peitsche maltraitiert, damit sie präzise und schlagkräftig werden“. Wie Denemarková Fakten und Fiktion mischt, Bilder und Perspektiven wechselt, Aktion und Reflexion miteinander verbindet, unterstreicht eindrucksvoll ihren herausragenden Rang in der tschechischen Gegenwartsliteratur.

Mit sprachschöpferischer Brillianz hat Eva Profousová auch Jáchym Topols neuestes Werk ins Deutsche übertragen. Als „Ein empfindsamer Mensch“, so der Titel, registriert der prominente Prager Autor, wie die „kleinen Leute“ die drei Dekaden Freiheit seit dem Fall des Eisernen Vorhangs verwertet haben: Eine vierköpfige Schauspielerfamilie aus Böhmen tourt im Flüchtlingsjahr 2015 durch Westeuropa. Doch wo man sie zuvor mit offenen Armen willkommen hieß, werden sie jetzt als „polnisches Pack“ und „Zigeuner“ beschimpft, gejagt und vertrieben. Auf abenteuerlichen Wegen gelangen sie erst zwischen die Fronten in der Ostukraine, schließlich in ihre Heimat südöstlich von Prag. Dort suchen sie Geborgenheit, geraten aber in lebensgefährliche Strudel menschlicher Abgründe und gesellschaftlichen Verfalls. Die Geschichten dazu erfuhr Topol von den Dorfbewohnern, als er sich zum Schreiben nach Poříči nad Sázavou zurückzog. Sie erzählen von Suff und Sex, Mafia-Business, kaputten Biographien, historischen Traumata, Fremdenhass und Elogen für Zeman und Putin Befunde eines normalen Lebens in der böhmischen Provinz, „das aus lauter Freiheitsscheiß besteht und von Unsicherheit und Antidepressiva nur so trieft.“

All dies wäre schwer zu ertragen, hätten in Topols Panorama nicht auch menschlicher Zusammenhalt, Fürsorge und Hilfe in der Not ihren Platz. Gebannt von seinem Sprachwitz und Humor, seiner Erzählkunst und Empathie mag der Leser auch weiterhin gerne an das anarchische Überlebenstalent seiner böhmischen Landsleute glauben.

 

Hans Jürgen Fink

 

 

 

Jáchym Topol: Ein empfindsamer Mensch

Jáchym Topol: Ein empfindsamer Mensch, aus dem Tschechischen von Eva Profousová, Suhrkamp Verlag Berlin 2019, 494 Seiten, ISBN 978-3-518-42864-1, € 25,00.

 

In die tiefen Abgründe

 

Wäre der Roman nicht bereits vor fünf Jahren in Tschechien erschienen, müsste man meinen, Dr. Radka Denemarková hätte ihn eigens zur aktuellen „Me Too“-Debatte verfasst. Für den deutschen Leser kommt die Übersetzung so gerade zur rechten Zeit. Macht er doch auf mitunter brutale Weise deutlich, was die Aufregung um einen Hollywood-Großmogul eher verbirgt: Sexuelle Gewalt gegen Frauen hat eine jahrhundertealte globale Dimension. Dafür stehen drei Frauen, die sich dem Kampf auf diesem „Schlachtfeld, das keine Friedenszeiten kennt“, verschrieben haben. In einer verwunschenen Villa am Fuße des Petřin-Hügels in Prag haben sie ein multimediales „Archiv des Schmerzes“ angelegt. Es dokumentiert die Massen-Misshandlungen der Frauen im 2. Weltkrieg ebenso wie die jüngsten Gruppen-Vergewaltigungen in Indien oder den Ehrenmord in Berlin. Mehr noch: wo sie nur können, suchen sie junge Frauen vor Missbrauch und Prostitution zu retten. Als todesbringende Racheengel kommen sie über die Peiniger. So beginnt der Roman mit einem Mann, der am Balken baumelt, und endet auf ähnliche Weise. Mord oder Selbstjustiz im Sinne der Gerechtigkeit?

Ein „Beitrag zur Geschichte der Freude“ ist das jedenfalls nicht, was Radka Denemarková über Männer-Macht und Frauen-Leid in den Geschlechterbeziehungen erzählt. Freude aber bereitet ihre von Eva Profousová kongenial übertragene Sprache: elegant, mitunter verrätselt, mit poetischen Ausflügen in die Welt der Ornithologie. Immer wieder werden Wörter „mit der Peitsche maltraitiert, damit sie präzise und schlagkräftig werden“. Wie Denemarková Fakten und Fiktion mischt, Bilder und Perspektiven wechselt, Aktion und Reflexion miteinander verbindet, unterstreicht eindrucksvoll ihren herausragenden Rang in der tschechischen Gegenwartsliteratur.

Mit sprachschöpferischer Brillianz hat Eva Profousová auch Jáchym Topols neuestes Werk ins Deutsche übertragen. Als „Ein empfindsamer Mensch“, so der Titel, registriert der prominente Prager Autor, wie die „kleinen Leute“ die drei Dekaden Freiheit seit dem Fall des Eisernen Vorhangs verwertet haben: Eine vierköpfige Schauspielerfamilie aus Böhmen tourt im Flüchtlingsjahr 2015 durch Westeuropa. Doch wo man sie zuvor mit offenen Armen willkommen hieß, werden sie jetzt als „polnisches Pack“ und „Zigeuner“ beschimpft, gejagt und vertrieben. Auf abenteuerlichen Wegen gelangen sie erst zwischen die Fronten in der Ostukraine, schließlich in ihre Heimat südöstlich von Prag. Dort suchen sie Geborgenheit, geraten aber in lebensgefährliche Strudel menschlicher Abgründe und gesellschaftlichen Verfalls. Die Geschichten dazu erfuhr Topol von den Dorfbewohnern, als er sich zum Schreiben nach Poříči nad Sázavou zurückzog. Sie erzählen von Suff und Sex, Mafia-Business, kaputten Biographien, historischen Traumata, Fremdenhass und Elogen für Zeman und Putin Befunde eines normalen Lebens in der böhmischen Provinz, „das aus lauter Freiheitsscheiß besteht und von Unsicherheit und Antidepressiva nur so trieft.“

All dies wäre schwer zu ertragen, hätten in Topols Panorama nicht auch menschlicher Zusammenhalt, Fürsorge und Hilfe in der Not ihren Platz. Gebannt von seinem Sprachwitz und Humor, seiner Erzählkunst und Empathie mag der Leser auch weiterhin gerne an das anarchische Überlebenstalent seiner böhmischen Landsleute glauben.



Hans Jürgen Fink