Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg.): Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder

Heinrich Böll: Der Panzer zielte auf Kafka.

 

Heinrich Böll: Der Panzer zielte auf Kafka. Heinrich Böll und der Prager Frühling. Hrsg. von René Böll. Kiepenheuer&Witsch Verlag Köln 2018, 224 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-462-05155-1, € 16,99.

Heinrich Böll und der Prager Frühling

So lautet der Untertitel der von René Böll zusammengestellten Publikation, die einen sehr authentischen Beitrag zum Gedenken an den 50. Jahrestag der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ leistet. Auf Einladung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes reisten das Ehepaar Böll und Sohn René 1968 nach Prag und wurden Zeugen der militärischen Besetzung des Landes. In stichpunktartigen, bisher nicht veröffentlichten Aufzeichnungen hat Heinrich Böll Tagesprotokolle geführt, die durch Anmerkungen verständlich gemacht wurden. Aber erst die Verarbeitung der Aufzeichnungen in ebenfalls beigefügten, später erschienenen Artikeln und Interviews verdeutlicht, wie emotional ergriffen Böll von dem Geschehen war und wie treffend er die Stimmung der Augusttage in Prag schildert und die zunehmende Bedeutung der Kirche in diesem Reformprozess bemerkt.

Plakate und Bilder des Buches hat der damals zwanzigjährige René fotografiert und ein Essay von Martin Schulze-Wessel gibt dem Leser das historische Hintergrundwissen zum  „Prager Frühling“.

Heinrich Böll wurde schon in den 50er Jahren durch Übersetzungen seiner Werke in der Tschechoslowakei bekannt und mit der böhmischen Herkunft seiner Frau Annemarie hatte die Familie eine besondere Beziehung zu diesem Land. Nebenbei erfährt der Leser, dass sich die Bölls bei einer früheren Reise nach Prag sogar als Fluchthelfer betätigten.

Ungeachtet der politischen Illusionen Bölls über den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ und  eine positive Haltung der Sowjetunion gegenüber der Tschechoslowakei, prägte Böll damals den Begriff der „unteilbaren Freiheit“ für alle Schriftsteller. Das machte ihn zum engagiertesten Anwalt und Unterstützer der bedrängten Schriftsteller und Bürgerrechtler in der „normalisierten“ Tschechoslowakei und den anderen Ländern Osteuropas.

Adriana Insel

Manfred Spata: Johannes von Nepomuk

Manfred Spata: Johannes von Nepomuk. Die Verehrung des böhmischen Heiligen in der Grafschaft Glatz, zu beziehen bei: Glatzer Büro, Ermlandweg 22, 48163 Münster, 151 S., € 10,00 plus Versand.

Nepomuk in der Grafschaft Glatz

Manfred Spata ist vielen Grafschaftern durch seine beeindruckenden Power-Point-Vorträge über den böhmischen Brückenheiligen bekannt. Nach zehn Jahre langer Forschungsarbeit und aus seiner fotografischen Sammlung hat er mit viel Herzblut zur Wallfahrt in Telgte ein Buch über Johannes Nepomuk veröffentlicht, das vom Heimatwerk Grafschaft Glatz e.V. herausgegeben ist.

Auf die Besonderheit dieses Buches eingehend schreibt Großdechant Jung im Vorwort u.a.: „Es ist dem Autor zu danken, dass er in der vorliegenden doppelsprachigen Schrift den ehemaligen deutschen Bewohnern und den heutigen polnischen Bewohnern des Glatzer Landes die lokale Kirchen- und Heiligengeschichte rund um den Märtyrer Johannes Nepomuk darlegt“.

In mehreren Kapiteln befasst sich Spata mit dem Leben des Johannes Nepomuk, seinem Martyrium, der frühen Verehrung in Prag und seine spätere Heiligsprechung. Ausgezeichnet bebildert beschreibt er die vielen Johannes-Bildstöcke in der Grafschaft Glatz, die Kapellenpatrozinien und Altäre des Heiligen. Im Anhang sind u. a. Andachten, geistliche Lieder und Gedichte über Johannes Nepomuk aufgeführt.

So ist Manfred Spata ein empfehlenswertes „Standardwerk“ über den bekannten Brückenheiligen unserer Heimat gelungen.

Reinhard Schindler

Manfred Flügge: Stadt ohne Seele, Robert Harris: München

Manfred Flügge: Stadt ohne Seele. Wien 1938, Aufbau Verlag Berlin 2018, 479 Seiten, ISBN 978-3-351-03699-7, € 25,00.

Robert Harris: München. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller, Heyne Verlag München 2017, 432 Seiten, ISBN 978-3-453-27143-2, € 22,00.

Feuerzeichen am Himmel 

1918, das Kriegsende des ersten Kriegsgemetzels im 20. Jahrhundert, wird im Jahr 2018 wieder ins allgemeine Bewusstsein gerückt. Wie sieht es aber mit 1938 aus? Wird hier erkannt, dass mit dem März und September 1938 die größte Weltkatastrophe begann, von der sich weder Einzelne, Völker noch Staaten bis heute wirklich „erholt“, geschweige denn diese „überwunden“ haben? Aus der Unzahl von Veröffentlichungen greife ich nur zwei Bücher heraus, die uns Heutigen den Ablauf der Ereignisse, die handelnden und die leidenden Menschen, ja die damals drohende Katastrophe wieder nahebringen können und zum Überdenken eigener Positionen und Urteile anregen, ja sogar aufregen!

Es begann in Wien, und daher hat der 1946 als ostpreußischer Flüchtlingsjunge in Dänemark geborene Manfred Flügge ein Kaleidoskop der Märzereignisse 1938 in Wien entwickelt. Danach sei die Donaumetropole eine „Stadt ohne Seele“ gewesen und bis in die Nachkriegszeit geblieben. In 20 Großkapiteln zeichnet Flügge zahlreiche Porträts der NS-Führung in Berlin, der handelnden Politiker in Wien. Er skizziert den nationalistisch aufgeheizten Mob der Vorstädte, das nichtsahnende Bürgertum, das pseudonormale Leben der Intellektuellen und das jähe Erwachen  nach der militärischen Besetzung Österreichs. Es ist kein übliches „Geschichtsbuch“, sondern eine Darstellung des Gesellschafts- und Politikgeschehens in der ganzen Komplexität der seit 1918 weitgehend unaufgearbeiteten Geschichte des kleinen „Nachfolgestaates“ der Habsburger Monarchie; gleichzeitig aber auch ein gut lesbares Nachschlagewerk zu den „Liebedienern“ der NS-Herrschaft bis zu den Vollstreckern der Diktatur. Trotz aller Gründlichkeit sind dem Verfasser jedoch Bedeutung, Personen und Komplexität des österreichischen, aus böhmisch-mährischen „Wurzeln“ hervorgegangenen Widerstands gegen die NS-Herrschaft entgangen: in nur sieben Zeilen (S. 282) wird ungenau auf „den Priester Roman Karl Scholz“ verwiesen. Insgesamt ein wichtiges, gut lesbares Buch!

Ganz anders der vielbelesene Journalist, Romanautor und von „München 1938“ faszinierte Engländer Robert Harris in seinem in „Tag 1“ bis „Tag 4“ gegliederten Realfiktionsroman „München“, von dem er in einem Interview 2017 sagte: Es „beschäftigt mich seit mehr als 30 Jahren“. Das zeigt auch seine umfangreiche Literaturliste zum Thema. Der bedeutungsschwere Sommer 1938, als Hitler bereits auf einen Krieg zusteuerte und der englische Premier Chamberlain laufend verhandelte, sogar nach Berchtesgaden reiste. Harris konzentriert sich auf die drei Münchner Verhandlungstage, „den kürzest möglichen Zeitraum“ und entwickelt einen Spannungsbogen zwischen zwei Hintergrundakteuren im diplomatischen Dienst, dem deutschen heimlichen Hitler-Gegner von Hartmann und dessen Gegenpart, dem Downing-Street-Mitarbeiter Hugh Legat; die Studienfreunde wollen den drohenden Krieg vermeiden. Harris beschreibt einerseits die Chronologie des Ablaufs, andererseits in fiktiven persönlichen Gesprächen und Äußerungen der Personen deren Motive oder Funktionsaufträge, die persönlichen Motive, das Privatleben, den verdeckten Informationsaustausch, die charakterliche Zeichnung des kriegsversessenen „Führers“ und des um fast jeden Preis friedensbemühten Chamberlain. Für den politisch hochinteressierten Autor Harris reizte die Münchner Konferenz vor allem deshalb, „weil sie in Wahrheit das genaue Gegenteil dessen war, was die meisten Leute“ glaubten; seine Grundeinstellung bestimmt sein politisches Urteil, die Welt politischer Leitfiguren „voller gewalttätiger Psychopathen“ zu sehen und ihnen um „Frieden und Ordnung“ bemühte Männer wie den Römer Cicero, aber auch Chamberlain entgegenzuhalten nach Harris‘ Maxime: „Die einzige Regel, die ich mir gegeben habe, ist die, den Kern der Wahrheit nicht zu verfälschen ...“. Ein spannungsvolles Buch!

Dr. Otfrid Pustejovsky