Daniel Defoe: Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge.

Michael Gehler/Maximilian Graf: Europa und die deutsche Einheit.

Michael Gehler/Maximilian Graf: Europa und die deutsche Einheit. Beobachtungen, Entscheidungen und Folgen, Vandenhoek & Ruprecht Verlag Göttingen 2017, 850 S., ISBN 978-3-525-30186-9, € 60,00.

Deutsche Einheit europäisch gesehen

Urplötzlich stand im Herbst ´89 auf der Tagesordnung der Realpolitik, was bis dahin kaum jemand für möglich gehalten hatte: die Einheit Deutschlands und Europas. Doch nicht überall löste diese Perspektive helle Freude aus. Im Gegenteil: Die in diesem Sammelband vereinten Länderstudien aus der Feder von 36 renommierten Zeithistorikern aus ganz Europa lassen den Mitherausgeber Michael Gehler zu dem – historisch freilich gewagten – Schluss kommen, die deutsche Einheit hätte „wie die Einigung des Deutschen Reiches 1871 gegen die europäischen Nachbarstaaten durchgesetzt werden“ müssen.

Auch in der Tschechoslowakei, so der Prager Historiker Miroslav Kunštát, war die Öffentlichkeit zunächst tief gespalten. Mit der Samtenen Revolution jedoch kamen Männer wie Václav Havel, Jiří Hájek und Jiří Dienstbier an die Macht, die bereits 1985 mit ihrem Aufruf der Charta 77 unmissverständlich erklärt hatten, dass die Einheit Europas nur über die deutsche Einheit erreichbar sei. Entsprechend positiv begleiteten sie nun den deutschen Einigungsprozess. Doch auch sie wurden rasch von den Schatten der Vergangenheit eingeholt: Münchner Abkommen und „Bevölkerungstransfer“, Entschädigungs- und Vermögensfragen standen auf der Prager Agenda. Dabei ging man, wie Kunštat kritisch erörtert, andere Wege als das mit ähnlichen Vergangenheitsproblemen belastete Warschau, das namentlich in der Grenzfrage über die punktuelle Teilnahme an den 2+4Verhandlungen der Siegermächte zum Ziele kam. Außenminister Dienstbier setzte hingegen – trotz heftiger innenpolitischer Kritik – auf bilaterale Lösungen mit dem vereinten Deutschland. Die Verhandlungen über den Nachbarschafts- und Zusammenarbeitsvertrag blieben jedoch immer wieder im Gestrüpp der Vergangenheitsbewältigung stecken und kamen erst 1992, kurz vor dem Ende der Tschechoslowakei, zum Abschluss – wiederum ohne die historischen Knoten zu lösen. Erst mit der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997 wurden die Türen zur gemeinsamen Zukunftsgestaltung weit geöffnet.

Hans Jürgen Fink

Deutsche und Tschechen. Landsleute und Nachbarn in Europa.

 

Deutsche und Tschechen. Landsleute und Nachbarn in Europa. Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hg.). München 2018. 338 S., € 12,00/€ 4,00 (beziehbar über die Landeszentrale www.blz.bayern.de)

Ausdruck engerer Beziehungen

Die „Neujustierung der bayerisch-tschechischen Beziehungen vor einigen Jahren“ war 2012 der Anlass für eine wissenschaftliche Tagung mit dem Titel „Deutschland und die böhmischen Länder in Vergangenheit und Gegenwart“. Die Beiträge der deutschen und tschechischen Historiker über gemeinsame, aber auch trennende Facetten der Geschichte wurden nun von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in einem umfangreichen Sammelband herausgegeben. Die Liste der Themen ist vielfältig, die Namen der Autoren stehen für eine fundierte Abhandlung der Themen. Ein paar Beispiele: Prof. Stefan Samerski stellt die böhmischen Landespatrone vor und Dr. Jaroslav Šebek behandelt die Rolle der katholischen Kirche 1918-1989. Dr. Matthias Beer zeichnet die Vertreibung aus der Tschechoslowakei nach, während Dr. K. Erik Franzen Überlegungen zum „vierten Stamm Bayerns“ anstellt. Zum Schluss stellen Anna Knechtel den kulturellen Austausch und Bernd Posselt „Böhmen als Heimat der europäischen Idee“ vor. Der Band liefert eine Sammlung zahlreicher lesenswerter Beiträge, die eine Übersicht über Geschichte und Gegenwart der Nachbarschaft bieten. Dass es das Wort „Landsleute“ in den Titel geschafft hat, zeigt, wie sehr es den Machern um einen konstruktiven Beitrag zum sudetendeutsch-tschechischen Verhältnis geht, auch wenn der Titel sich dadurch etwas holprig gestaltet.

Matthias Dörr

Philipp Ther: Die Außenseiter.

 

Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa, Suhrkamp Verlag Berlin 2017, 437 Seiten, ISBN 978-3-518-42776-7, € 26,00.

Stets die Außenseiter: Flüchtlinge und Vertriebene

Das musste bereits Franz Werfel auf seiner Flucht vor der Nazi-Verfolgung nach Amerika erkennen – aber mit aller wissenschaftlichen Deutlichkeit und gleichzeitig guter Lesbarkeit hat dies erst 2017 der in Wien lehrende deutsche Historiker Philipp Ther für eine breite Leserschaft formuliert.

Es gab bis 2017/18 kein zweites Buch, das mit solcher Genauigkeit und Nachweisen sowie Karten die Problematik von Vertreibungen, Flucht, Zwangsmigrationen im Allgemeinen und mit 17 biographischen Skizzen im Besonderen diese Thematik anschaulich darstellt.

Philipp Ther hat mit den „Außenseitern“ eine Flucht- und Vertreibungs-Gesamtgeschichte Europas, des Nahen und Mittleren Ostens seit dem 16. Jahrhundert vorgelegt, die mit ihrer Präzision und gleichzeitig Einfühlsamkeit (Empathie) die Tragödien von Flucht und Vertreibungen in lebendiger Sprache auch dem geschichtlich Unerfahrenen nahebringt.

In vier großen Teilen geht der Verfasser von den europabestimmenden „Religiösen Konflikten“ und ihren Folgen aus, schildert sodann die „Flucht vor dem Nationalismus“, stellt anschließend das „Zeitalter der Ideologien“ mit seinen politisch bedingten Massen-Fluchtbewegungen dar und widmet sich schließlich der vielfach befeuerten, geschürten Haltung der Zufluchtsländer und ihrer „Angst vor den Außenseitern“. Das gesamte Material und die schon nahezu uferlose Flut an Statistiken, Darstellungen, Aussagen, Untersuchungen packt Ther in Anmerkungen und fügt noch die wichtigste Literatur an. Auch ein gemischtes Personen-, Orts- und Sachregister ist angeführt. Aus dem „Dank“ des Verfassers geht die so umfangreich-komplexe Zusammenarbeit vieler Personen hervor, die zu dieser Veröffentlichung beigetragen haben.

Gerade aber die biographischen „Einschübe“ machen die Lektüre zu einer oft bedrückend-lebensnahen Erfahrung: so z.B. das „Bild“ des am griechischen Meeresstrand angeschwemmten toten 4-jährigen Alan Kurdi, die aus Spanien einst vertriebenen sephardischen Juden, das Schicksal der französischen Hugenotten, dokumentiert am Beispiel der Familie Robillard de Champagne, oder das so schillernd-komplexe Leben des „ewigen Flüchtlings“ Manès Sperber; ja auch die nach dem Krieg international hochgeschätzte Politologin Hannah Arendt. Ther bezieht die Person Erika Steinbach, langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), mit ein und sieht das Schicksal der jordanischen Königin Rania, die mit ihren Eltern aus dem Westjordanland nach Kuwait hatte flüchten müssen. Dann schlägt Ther den Bogen wieder in das revolutionäre Europa des 18./19. Jahrhunderts und führt als Beispiel den polnischen Freiheitshelden Tadeusz Kosciusko an, beleuchtet das sich bildende gesamtstaatliche Italien in der Person Giuseppe Mazzinis, behandelt auch Marie Korbelová aus Böhmen, die als US-Außenministerin Madeleine Albright weltbekannt wurde, oder den polnischen Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz; als prägendes Beispiel fügt Ther für die historische Tatsache vieltausendfacher Flucht aus der DDR den in voller Uniform der Volksarmee den Stacheldraht überspringenden Unteroffizier Conrad Schumann an – das Zufallsfoto ging seinerzeit um die Welt; 1998 beging Schumann in großer Depression Selbstmord.

Der Autor scheut nicht vor dem von zahlreichen Historiker-Kollegen nicht gewagten Schritt zurück, die nüchternen Fakten an wichtigen Stellen mit seiner eigenen, fundierten politischen Meinung wertend in den politisch-historischen Kontext einzuordnen und sich damit auch als überzeugter Demokrat deutlich zu legitimieren.

Ein auch für eine breite Leserschaft dringend empfehlenswertes Buch, das bald auch in anderen Sprachen erscheinen sollte.

Dr. Otfrid Pustejovsky