Věra Nosková: Wir nehmen es, wie’s kommt.

Rainer Bendel/Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880-1947).

Rainer Bendel/Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880-1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Unter Mitarbeit von Werner Christoph Brahtz. Aschendorff Verlag Münster 2017, 350 S., ISBN 978-3-402-13260-9, € 24,80.

Der vergessene „Flüchtlingsbischof“

70 Jahre nach seinem frühen Tod haben Rainer Bendel, Professor an der Katholischen Fakultät der Universität Tübingen und gleichzeitig Geschäftsführer der Ackermann-Gemeinde in Stuttgart sowie 1. Vorsitzender des wissenschaftlich hervorragenden Instituts für Religions- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa sowie Dr. Hans-Jürgen Karp, ehemaliger Mitarbeiter des Marburger Johann Gottfried-Herder-Instituts und ausgewiesener Kenner ostpreußischer, besonders ermländischer Geschichte eine umfangreiche Biographie des leider längst auch den einstigen Vertriebenen aus der Erinnerung entschwundenen Bischofs Maximilian Kaller vorgelegt. In drei großen Teilen mit insgesamt 10 Kapiteln und einem sorgfältig angelegten Anhang (Quellen, Literatur, Abbildungen) werden das Leben eines in Berlin, auch auf der Insel Rügen eingesetzten Kaplans und Pfarrers beschrieben, sodann die Tätigkeit des Bischofs in Schneidemühl und im Ermland und seine Auseinandersetzung mit dem NS-Staat bis in den Krieg und die Vertreibung, schließlich der päpstliche Sonderauftrag für die Heimatvertriebenen und seine besondere Aufgabe in Königstein.

Hier wird eine gründliche, nicht ganz leicht  vom vielleicht unvorbereiteten Leser (bzw. Leserin) zu bewältigende Lebensbeschreibung vorgelegt, die aber einen tiefen Einblick in die so komplexe gesellschaftliche, religiöse, materielle und gesamtpolitische Lage in Deutschland-„West“ und Deutschland-„Ost“ nach 1945 und die besondere Aufgabe von Königstein vermittelt.

So ist diesem Buch vor allem die Kenntnisnahme nicht nur in einer breiteren Öffentlichkeit, sondern auch in den wissenschaftlichen sowie publizistischen Einrichtungen der Katholischen Kirche in Deutschland und seinen Nachbarländern zu wünschen.

Dr. Otfrid Pustejovsky

Donauschwäbisches Martyrologium

Donauschwäbisches Martyrologium. Die Opfer von Gewalt und Verfolgung bei den Donauschwaben in Jugoslawien, Rumänien und Ungarn im 20. Jahrhundert. Märtyrer und Bekenner unter Geistlichen, Ordensleuten und Laien. St. Gerhardswerk e.V. (Hg.). Patrimonium-Verlag Heimbach 2016, 796 S., ISBN 978-3-86417-084-3, € 24,80.

Das Leiden der Donauschwaben

Es dauerte in der Tat Jahrzehnte, bis „man“ sich in Deutschland, aber vor allem auch in den Ländern Südosteuropas der geradezu unbeschreiblichen Leiden  der dort seit Jahrhunderten ansässigen deutschen Bevölkerung entsann, bestimmten doch die Berichte und politischen Entscheidungen in und nach den fünf Jugoslawi-en-Kriegen nach 1990/91 sowie das weltweite Entsetzen über „Mostar“, „Sarajewo“ und besonders „Srebrenica“ die breiten Wahrnehmungsebenen.

Daher war das endlich 2016 vorgelegte „Donauschwäbische Martyrologium“ eine längst überfällige Informationsquelle. Wegen der außerordentlichen Fülle von dokumentierten Ereignissen, Lagern, persönlichen Schicksalen, Berichten sowie literarischen Zeugnissen verliert der unkundige Leser etwas die notwendige Übersicht, obwohl nach Ländern und einzelnen Gruppen alles aufgeschlüsselt wurde.

Dem einführenden Satz des einstmals selbst von 1945 bis 1947 ein Todeslager überlebenden, in Baden-Württemberg beheimateten, inzwischen bereits emeritierten Freiburger Erzbischof Dr. Robert Zollitsch ist zuzustimmen: „Kaum eine andere deutsche Volksgruppe hatte unter dem Zweiten Weltkrieg und seinen furchtbaren Folgen so sehr zu leiden wie die Donauschwaben …“ (S. 23).

Dr. Otfrid Pustejovsky

 

Súď ma a skúšaj (Erforsche und prüfe mich).

Súď ma a skúšaj (Erforsche und prüfe mich). Slowakischer Dokumentarfilm mit deutschen, englischen, italienischen und französischen Untertiteln, ah production s.r.o., 2013, DVD, 72 Min. Erhältlich für 5,00 € (zzgl. Versand) über die Ackermann-Gemeinde.

Erinnern, heilen, versöhnen

In keinem Land Osteuropas hat das kommunistische Regime sich getraut, so konsequent die kirchlichen Strukturen zu zerstören wie 1950 in der Tschechoslowakei. In groß angelegten Nacht- und Nebelaktionen wurden zunächst in der „Aktion K“ (K wie kláštery = Klöster) alle männlichen Klöster und in der „Aktion R“ (R wie řeholnicky = Ordensschwestern) alle weiblichen Klöster beschlagnahmt und Patres und Schwestern gezwungen, in Staatsbetrieben zu arbeiten.

Die mehrfach ausgezeichnete Dokumentaristin und Filmemacherin Sr. Iva Kušiková hat im Auftrag der Slowakischen Ordensoberinnen einen bemerkenswerten Film über das dunkelste Kapitel der katholischen Kirche in der damaligen Tschechoslowakei geschaffen. Kušiková nutzte dabei die Gelegenheit, noch lebende hochbetagte Schwestern die Ereignisse erzählen zu lassen und bettet Schilderungen, Ortsbegehungen und Reflexionen in die Rahmengeschichte einer jungen Psychologin, die sich heute wieder frei und selbstbewusst für das Ordensleben entscheiden konnte.

Die Lebensgeschichten von einigen Ordensschwestern, vorher meist Lehrerinnen an kirchlichen Schulen oder Krankenschwestern, werden in dem Film genauer vorgestellt und der Betrachter schaut in Gesichter von teilweise immer noch gerührten Frauen, die trotz aller Repressionen den Orden nicht verlassen haben. Wir erfahren in den Schilderungen detailliert, wie das Leben der Schwestern unter Aufsicht in den neuen Unterkünften und an den Arbeitsplätzen aussah. Und mutig, gestärkt durch die Gemeinschaft, haben sie sogar Widerstand geleistet, indem sie an kirchlichen Feiertagen die Arbeit verweigerten, den regelmäßigen Messbesuch erzwangen oder sich bei den politischen Zwangswahlen verweigerten.

Eine der Zeitzeuginnen, Sr. Stella Danková, in diesem Jahr mit 96 Jahren verstorben, hat bereits schon früher ihre Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit getragen, weil die Ereignisse um die Auflösung der Klöster breiten Teilen der Bevölkerung immer noch unbekannt sind.

Der Film, untermalt von Psalmtexten, mit Einblendungen von Weinstöcken und meditativer Musik des zeitgenössischen Komponisten Vladimir Godar, ist wie ein Gebet. Für die Betroffenen sind besonders die Reflexionen und Begegnungen an Orten und mit Menschen aus der Vergangenheit heilend und versöhnend. Laut ihren Aussagen am Ende des Films haben sie vergeben, den bleibenden Schaden hat aber die Gesellschaft genommen, die der Religion und Gewissensbildung beraubt wurde. Für uns, die wir früher bei persönlichen Begegnungen mit Betroffenen ähnliche Lebensgeschichten erzählt bekamen, ist dieser Film auch ein Denkmal für alle, die nicht mehr Demokratie und Religionsfreiheit erleben durften.

Adriana Insel