„Zur Realpräsenz Christi braucht man die Realpräsenz der Gläubigen!“

Monsignore Prof. Dr. Tomáš Halík beim Themenzoom der Ackermann-Gemeinde

Eine Rekordbeteiligung hatte der zehnte, also der Jubiläums-Themenzoom der Ackermann-Gemeinde: zum Vortrag des bekannten und geschätzten Priesters, Soziologen und Psychologen Msgr. Prof. Dr. Tomáš Halík zum Thema „Christentum in Zeiten der Krankheit“ waren 88 Computer – und erstmals auch Telefone – zugeschaltet. Das bedeutete weit über 100 Interessenten in mehreren Ländern aus unterschiedlichen Altersgruppen. Das wird so schnell nicht zu toppen sein.

 

Msgr. Prof. Dr. Tomáš Halík bei seinem Vortrag.

Ein Teil der über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Vortrag von Msgr. Prof. Dr. Tomáš Halík.

Moderator Rainer Karlitschek bei der Vorstellung des Referenten.

Obwohl bestens in Ackermann-Kreisen bekannt, stellte Moderator Rainer Karlitschek den Referenten des Abends kurz vor. Halík studierte in den 1970er Jahren im Untergrund Theologie und wurde 1978 in Erfurt durch Bischof Hugo Aufderbeck geheim zum Priester geweiht. Er war in der Vor- und Nachwendezeit einer der engsten Mitarbeiter des Prager Erzbischofs František Kardinal Tomášek. Halík unterrichtet als Professor für Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag und ist Autor zahlreicher theologischer Werke, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Er wirkt als Rektor der Universitätskirche St. Salvator in der Prager Altstadt und ist Präsident der Tschechischen Christlichen Akademie/Česká křesťanská akademie, einem der wichtigsten Partner der Ackermann-Gemeinde in Tschechien. Im Jahr 2014 wurde er als erster Tscheche mit dem Templeton-Preis, der als „Nobelpreis der Theologie“ gilt, für sein Wirken im interreligiösen Dialog sowie für den Austausch mit den Suchenden geehrt. Ausgezeichnet wurde er auch mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Große Beachtung fand Anfang April sein Beitrag „Christentum in Zeiten der Krankheit“, der auch auf der Homepage der Ackermann-Gemeinde abrufbar ist. Karlitschek erinnerte an seine erste Begegnung mit Halík und besonders an dessen Aussage „Spiritualität ist eine persönliche Gotteserfahrung“. „Die Leute wollen wieder Ihr Gesicht sehen und Ihre Stimme hören“, gab der Moderator das Wort an den Geistlichen.

Das Thema seines Vortrages beziehe sich auch auf die Corona-Pandemie, von der die Kirche ebenso betroffen sei, verdeutlichte Halík gleich zu Beginn. Auch werde damit eine Schattenseite der Globalisierung offenkundig. Als Aufgabe der Kirche sieht er, dieser Entwicklung mit Spiritualität und Ökumene zu begegnen – Ökumene nicht nur im Blick auf die anderen christlichen Kirchen und Religionen, sondern auch auf die säkularen Gruppen. „Die Epidemie betrifft Gläubige und Ungläubige, eine scharfe Grenze ist nicht mehr so klar. Wir alle leben in einer Zeit der Erschütterung von Sicherheiten“, erklärte der Soziologe. Viele traditionelle religiöse Gefühle und Vorstellungen sowie Bräuche im säkularen Raum seien verschüttet. Kein Verständnis hat er für Meinungen (auch bei Christen), die in der Corona-Pandemie eine Strafe Gottes sehen. „Das ist pervers. Welches Gottesbild steckt hier dahinter“, fragte der Theologe und rief Jesu Umgang mit Blinden, Kranken usw. in Erinnerung. Als positiv bewertete er die oft gezeigte Solidarität – etwa von Studenten, die freiwillig in Krankenhäusern arbeiten. Solche Aktivitäten seien ein „Zeichen, dass Gott da ist“, so Halík. In diesem Kontext wies er auch auf das von Papst Franziskus geprägte Bild von der Kirche als Feldlazarett hin und damit auf Aspekte wie Prognostik, Diagnostik, Rehabilitation usw.

Nicht wirklich anfreunden konnte er sich mit den geschlossenen Kirchen. „Diese Zeit war für mich eine Warnung vor einer möglichen Zukunft“, merkte er angesichts häufiger Schließungen bzw. Verkäufen von Kirchen und leerstehender Priesterseminare und Klöster an. Daher plädierte er für Reformen bzw. Therapien in der Kirche, auch vor dem Hintergrund der Missbrauchsskandale, die oft zu Spannungen zwischen Klerus und Laien geführt hätten – auch zum Thema „Macht in der Kirche“. Die Infektion sei zudem nicht nur medizinisch zu sehen, sondern auch – Stichworte „Populismus“, „Fake News“, „Ideologien“ – gesellschaftlich-politisch. Diesen Entwicklungen müsse man mit geistlich-spirituellen Impulsen begegnen, „die nicht an der Oberfläche bleiben, sondern den tieferen Fragen nachgehen“, so der Professor. Christen müssten eine „Gegenkultur zu dieser Atmosphäre“ bieten, zur Genesung der nach Katastrophen verwundeten Gesellschaft beitragen. „Die Kirche soll da sein, wo offene Wunden sind, die Leute brauchen Nähe.

Differenziert sieht Halík die Gottesdienstübertragungen im Fernsehen oder Internet. Seiner Ansicht nach können zwar informative Elemente (Katechese, Predigt, Gedanken) per Medien vermittelt werden. Aber mit der Feier der Eucharistie verhält es sich für ihn anders. „Zur Realpräsenz Christi braucht man die Realpräsenz der Gläubigen. Man kann nicht in Distanz feiern. Dazu braucht es wirkliche Nähe“, vertritt er eine klare Position.

In den Antworten auf die Fragen der Teilnehmer konkretisierte Halík, dass Messfeiern – auch angesichts der Erfahrungen in der kommunistischen Tschechoslowakei – ebenso in Privatwohnungen stattfinden können oder auch im Wald oder in der Natur. Weiter plädierte er für Kreativität in der Liturgie. Eucharistiefeiern ohne Priester kann er sich nur in schweren Notsituationen vorstellen. Zu hinterfragen sei vielmehr, was heute christliche Identität ausmacht: Allein der regelmäßige Gottesdienstbesuch und der Glaube, ein guter Mensch zu sein? Der erste Aspekt sei, so der Theologe, mit der Pandemie vorübergehend weggefallen. „Dieser Frage müssen wir uns immer wieder neu stellen. Wir sollen wieder entdecken, was die wichtigsten Identitätspunkte für unser Christsein sind. Es geht um ein dynamisches Christwerden und nicht ein statisches Christsein“, fasste Halík zusammen und wies nochmals auf die vielfach in der Corona-Pandemie zutage getretene Solidarität hin, die seit jeher Bestandteil des christlichen Glaubens ist. „Wir sind nicht nur für die christlichen Gläubigen da, sondern für alle. Wir sollten allen etwas aus unserem Schatz des Glaubens anbieten. Aber auch den Dialog pflegen – nicht nur lehren, sondern auch vom Anderen lernen!“

Markus Bauer