Traditionsveranstaltung „Rohrer Sommer“ im Kleinen und mit Verleihung von zwei Goldenen Ehrennadeln

Ein rundes Jubiläum, nämlich die 30. Auflage, hätte heuer der „Rohrer Sommer“ der Ackermann-Gemeinde (AG) feiern können. Doch die beliebten deutsch-tschechischen Kultur- und Begegnungstage in der ersten Augustwoche, an denen zuletzt rund 100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Tschechien und Deutschland teilgenommen haben, fielen der Corona-Krise zum Opfer. Aber ganz abreißen sollte die Tradition nicht. So reiste ein kleines Kammermusikensemble am ersten Augustmontag ins Benediktinerkloster nach Niederbayern und gab vor einem erlauchten Publikum einige Kostproben. Zugleich umrahmten die Musiker damit die Ehrung von zwei langjährigen und engagierten Frauen des Verbandes.

Für den AG-Bundesvorstand übergab Christoph Lippert die Goldene Ehrennadel an Dr. Hildegunt Kirschner.

AG-Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr bei der Übergabe der Urkunde an Dr. Hildegunt Kirschner, rechts Christoph Lippert.

Auch Sologesang – hier die Sopranistin Anna Kocher (Mitte) – stand auf dem Programm. Von links Stephanie Kocher, Irina Ullmann, Simon Ullmann.

Musiziert wurde natürlich auch in der Rohrer Abteikirche. Hier (von links) Johanna Böhm, Anna Kocher, Dr. Hildegunt Kirschner, Irina und Simon Ullmann.

Verleihung der Goldenen Ehrennadel an Ilse Estermaier: Von links AG-Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr, Ilse Estermaier, Stephanie Kocher.

Stephanie Kocher (Viola), Simon Ullmann (Cello) und Irina Ullmann (elektronisches Cembalo) sind auch sonst die (kammer)musikalischen Aushängeschilder der Ackermann-Gemeinde. Sie umrahmen Feiern und festliche Veranstaltungen, bisweilen ergänzt von weiteren Musikerinnen und Musikern. Und natürlich sind sie auch – was die klassische Instrumental- und Chormusik betrifft, die Hauptprotagonisten beim Rohrer Sommer.

Diesmal waren Kocher und das Ehepaar Ullmann in doppelter Mission in Rohr. Zum einen um wenigstens in kleiner Form die seit den 1980er Jahren währende Tradition dieser Kulturveranstaltung zu bewahren, zum anderen um eine Festlichkeit mitzugestalten – die Verleihung der Goldenen Ehrennadel der Ackermann-Gemeinde an zwei aktive Frauen.

Quasi ein Urgestein, da seit Gründungszeiten beim Rohrer Sommer dabei, ist die in Erlangen wohnende Dr. Hildegunt Kirschner. Die wichtigsten Daten zu ihrer Person trug für den AG-Bundesvorstand Christoph Lippert vor. In Olmütz studierte Kirschner Medizin und arbeitete dort nach ihrer Promotion zur Dr. med. ab 1960, wobei sie sich daneben zur Chirurgin fortbildete. Unter sehr schwierigen Bedingungen erhielt sie die Ausreiseerlaubnis in die Bundesrepublik, wo sie im Waldkrankenhaus Erlangen eine Stelle fand und bis zu ihrem Ruhestand als Oberärztin in der Chirurgie tätig war. In Deutschland lernte sie auch ihren heuer im Januar verstorbenen Ehemann Alois kennen. In der Freizeit engagiert sie sich nun seit fast 50 Jahren in der Ackermann-Gemeinde – sei es in der Ortsgruppe Erlangen, bei den Winterakademien in Natz und Brixen (Südtirol) oder eben beim Rohrer Sommer im Bereich Musik und Gesang. Mit ihrer Schwester Irmgart Mayer sowie Familie Ullmann brachte sie sich schon früh bei den Gottesdiensten und an den Abenden mit ihrem gesanglichen Talent ein, während ihr Mann den Bastel-Arbeitskreis leitete. Die Sologesänge bei den Gottesdiensten und Konzerten prägen seit Jahren die Veranstaltung mit. Mit ihrem Mann leitete sie die Erlanger AG-Gruppe. „Dabei suchten Sie immer auch die gute Zusammenarbeit mit der dortigen Sudetendeutschen Landsmannschaft“, führte Lippert aus. Und was wäre der Rohrer Sommer ohne die Sopranistin Hildegunt Kirschner? Dazu Lippert in der Laudatio: „Sie sind seit den ersten Kultur- und Begegnungstagen in den 1980er Jahren eine treue Teilnehmerin dieser Veranstaltungen und damit ein ‚Urgestein‘ des Rohrer Sommers. In die Arbeitskreise mit musikalischen Angeboten bringen Sie sich dabei aktiv ein. Viele berichten davon, dass die Schwerelosigkeit Ihrer Gesangskunst besonders berührende Höhepunkte in den Gottesdiensten und Konzerten sind, die der Rohrer Sommer gestalten darf. Zugleich tragen Sie mit Ihrer unprätentiösen Art entscheidend zur Atmosphäre des Rohrer Sommers bei.“ Ob dieser Verdienste übergab Lippert der Geehrten die Ehrennadel, der AG-Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr überreichte die Urkunde.

Ebenfalls seit fast 60 Jahren aktiv in der Ackermann-Gemeinde ist Ilse Estermaier, deren biografische Daten für den AG-Bundesvorstand Stephanie Kocher vortrug. In Warnsdorf in Nordböhmen geboren, gelangte Estermaier nach der Vertreibung zunächst in ein Dorf bei Dillingen. Bereits in der Jugend kam sie mit der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde im Bistum Augsburg in Kontakt. Auch bei den beruflichen Stationen in Würzburg und München gehörte die Junge Aktion zu ihren Freizeitaktivitäten. Schließlich erfolgte mit der Heirat der Umzug nach Winhöring und damit ins Bistum Passau. Auch hier setzte Ilse Estermaier, trotz Familiengründung und Erziehung von drei Kindern, ihr Engagement in der Ackermann-Gemeinde fort, was schließlich 1991 in der Übernahme des Amtes der Diözesanvorsitzenden gipfelte. „Sie sind in Passau seit fast drei Jahrzehnten das Gesicht der Ackermann-Gemeinde“, so Kocher in der Laudatio. In Estermaiers Tätigkeit fällt auch die traditionelle Sudetendeutsche Wallfahrt nach Altötting, die heuer coronabedingt leider ausgefallen ist. „Unermüdlich engagieren Sie sich in der Ackermann-Gemeinde Passau und machen mit immer fröhlichem Humor auf die Bedeutung der Ackermann-Gemeinde aufmerksam. Sie sind die Seele unserer Gemeinschaft in Passau und verstehen es mit Ihrer freundlichen und zugewandten Präsenz, neues Engagement liebevoll einzubinden“, so die Laudatorin. Natürlich verwies Kocher auf die Musikalität der gesamten Familie, die beim Rohrer Sommer immer wieder deutlich wurde. „Auch über die Ackermann-Gemeinde hinaus engagierten Sie sich ehrenamtlich in Gesellschaft und Kirche. Genannt sei hier die Wahl in den Gemeinderat im Jahr 1990 und der Vorsitz des Katholischen Frauenbundes in Winhöring. Außergewöhnlich ist Ihre liebenswerte Art, Kirche mitzugestalten und versöhnt Ihre eigene Vergangenheit zu betrachten. Sie sind eine Zeugin dafür, dass in Versöhnung mit der Vergangenheit, mit dem eigenen Erlittenen eine versöhnte Zukunft möglich ist. Hierfür haben Sie gearbeitet und tun es noch heute. Diese Kraft und Überzeugung hat viele Menschen beeindruckt“, fasste Stephanie Kocher zusammen. Mit der Übergabe der Goldenen Ehrennadel und Urkunde an Ilse Estermaier durch Stephanie Kocher und Matthias Dörr endeten die beiden Ehrungen.

Mit Werken von Ludwig van Beethoven, Bedřich Smetana, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann umrahmten das Ehepaar Ullmann und Stephanie Kocher sowie Johanna Böhm und vokal Dr. Hildegunt Kirschner und Anna Kocher die Feierstunde, an der natürlich auch Angehörige der Geehrten teilnahmen.

Markus Bauer