Studierende fragen nach dem Zustand der Freiheit in Europa

Im Vorfeld des Brünner Symposiums war auch heuer wieder der Europäische Essaywettbewerb ausgeschrieben, bei dem junge Erwachsene ihre Gedanken zum Thema „30 Jahre nach 1989. Wie steht es um die Freiheit in Europa?“ zu Papier bringen konnten. Martin Kastler, Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde und früherer Europaabgeordneter sowie Dozent Dr. Matěj Spurný, Vorsitzender der Bernard-Bolzano-Gesellschaft, zeichneten zusammen mit dem Journalisten Dr. Oliver Herbst, der auch der Jury angehörte, die ersten drei Preisträger aus.

Gruppenfoto mit den Preisträgern (v.l.): Martin Kastler (Ackermann-Gemeinde), Anna Gašparová (3. Platz), David Němeček (1.Platz), Dr. Oliver Herbst (Moderator und Jury-Mitglied), Dozent Dr. Matěj Spurný (Bernard Bolzano Gesellschaft).

Der erste Sieger des Essaywettebwerbes David Němeček (r.) erläuterte seine Gedanken zu dem Essay.

Die dritte Siegerin trug ihren Essay vor: Anna Gašparová.

Der erste Preisträger David Němeček bei seinem Vortrag.

Es war heuer bereits der 9. Europäische Essaywettbewerb, den Martin Kastler seinerzeit mit ins Leben gerufen hat. Über 40 Einsendungen gab es diesmal. „Viele Beiträge atmen sehr viel Optimismus“, stellte Oliver Herbst einleitend fest. Doch die Jury musste sich letztlich für drei Sieger entscheiden.

Auf den dritten Platz kam die aus Pressburg/Bratislava stammende, derzeit in Brünn/Brno lebende Anna Gašparová, Studentin der Germanistik, für ihr Essay „Die andere Freiheit“, in deutscher Sprache verfasst. „Sie hat schön bildlich selbst Erlebtes zum Thema Freiheit dargestellt“, stellte Kastler fest. Den persönlichen Stil und die Umsetzung, „dass deutlich wird, was Freiheit bedeutet“, hob Spurný hervor. Gašparová nahm bereits zum zweiten Mal am Essaywettbewerb teil, „die Freiheit als großes Thema hat mich angesprochen, ich habe die emotionale Seite der Freiheit beschrieben“. Sie selbst hält vor allem die Bewegungs- bzw. Niederlassungsfreiheit für wichtig.

Den zweiten Preis konnte Vladimir Stošić, der in Bonn studiert, nicht entgegennehmen, er war verhindert. Sein Essay mit dem Titel „Sicherheit als Voraussetzung und Herausforderung der Freiheiten in Europa“ trug Margareta Klieber von der Ackermann-Gemeinde vor. Der Text spannt einen Bogen von der historischen Zäsur im Jahr 1989 mit den diversen Freiheitsentwicklungen zur heutigen Sicherheitslage in Europa. Absolute Freiheit bzw. Sicherheit seien nur theoretisch, sie stünden vielmehr in einer „magischen Balance“. Stošić bemüht unter anderem auch Thomas Hobbes, verweist auf die Charta von Paris (Verpflichtung zum Aufbau und zur Stärkung der Demokratie seitens der Unterzeichnerstaaten) und nennt aktuelle Entwicklungen wie die Ukraine-Krise und die Krim-Annexion oder auch den Austritt Russlands und der USA aus dem INF-Vertrag, welche die Sicherheit Europas und auch der Welt reduzieren. „Der Text ist bemerkenswert nachdenklich stimmend, hat eine sichere und schlüssige Argumentation und ist ein herausragender Diskussionsbeitrag“, bewertete Oliver Herbst Stošićs Essay. Der Beitrag sei der einzige Text gewesen, „der sich an Freiheit über das Sicherheitsthema angenähert hat“, ergänzte Martin Kastler.

Die Thematik des Essaywettbewerbs bearbeitet der Gewinner des 1. Preises, David Nemeček aus Nebovidy, auch im Rahmen seiner Promotion. Vom Uni-Rektorat hatte er einen Hinweis auf den Wettbewerb erhalten und sich daraufhin an die Ausarbeitung seines Textes mit dem Titel „Du bist anders als bei der Hochzeit“ gemacht. In diesem zieht er unter anderem einen Vergleich mit einer Ehe, außerdem nutzt er mehrere Erzähl- bzw. Essaystile, um bestimmte Aspekte herauszuarbeiten. Und – die Gerechtigkeit spielt bei ihm eine Rolle. „Auch ein freies Leben kann sehr weh tun, die einzige schmerzfreie Gesellschaft ist eine, die tot ist“, heißt es an einer Stelle. Letztendlich gehe es in erster Linie darum, sich um Freiheit zu bemühen, sowohl Worte wie auch Werte zu beachten und Selbstreflexion (Eingeständnis eigener Fehler) zu betreiben, empfiehlt Nemeček. Die argumentative Stärke, die vielen Metaphern und Blickwinkel sowie „die schön aufgebaute Linie“ beeindruckten Matěj Spurný. „Es geht um das Leben, wie es sein kann, wie wir es gestalten oder auch verderben können“, brachte es Nemeček zusammenfassend auf den Punkt.

Markus Bauer