Situation in Europa fordert Kirche heraus

Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich für die kommenden Jahre die Intensivierung des Dialogs mit den Kirchen in den östlichen Nachbarländern zum Ziel gesetzt. Es geht dabei um einen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas, welches aktuell, insbesondere zwischen West und Ost, gefährdet scheint. Erzbischof Dr. Ludiwg Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, beschreibt in einem Beitrag für die Ackermann-Gemeinde die aktuelle Herausforderungen im Dialog.

Ein Beitrag zum Dialog: Die deutsch-polnische Ausstellung „Pojednanie/Versöhnung in Progress“. Erzbischof Dr. Schick (l.) 2015 bei der Eröffnung in Berlin. (Foto: Maximilian-Kolbe-Stiftung)

Einmal mehr ist Europa in einer schwierigen Phase. Verflogen die Euphorie, die nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ und dem Beitritt mittel- und osteuropäischer Länder zur Europäischen Union herrschte. Derzeit ringen die europäischen Nationen in Ost und West erneut, so scheint es, fast atemlos um ihre jeweilige nationale Identität, das Verbindende tritt zurück gegenüber dem (vermeintlich) Eigenen, die Gegenwart erscheint trist und die Zukunft radikal gefährdet. Der unscharfe Begriff des Populismus versucht, die Stimmungslage zu charakterisieren, die sich überall auf dem Kontinent breit macht.

Diese Situation fordert die katholische Kirche heraus. Überall in Europa beheimatet, kann sie einen bedeutenden und unersetzlichen Beitrag leisten zur Stärkung des Wertefundaments, zur Festigung von Menschlichkeit und Freiheit und zur Versöhnung zwischen den Völkern, die immer noch im Bann ihrer gewaltbelasteten Geschichte leben. Schon in den Zeiten der europäischen Teilung haben sich Christen auf den Weg gemacht, um die Heillosigkeit der Verhältnisse in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu überwinden. Die Versöhnungsinitiativen zwischen Polen und Deutschen seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts sind dafür ein besonders sprechendes Beispiel. Nach dem Ende des Kommunismus wurden wir Zeugen vielfältiger Begegnungen über die Grenzen von Ost und West hinweg. Nicht nur unser Hilfswerk Renovabis war und ist hier ein unersetzlicher Akteur, auch Initiativen wie die Ackermann-Gemeinde leisten bis heute Erstaunlich-Hilfreiches.

Es gehört jedoch zur Wahrhaftigkeit, auch die im Inneren der Kirche selbst liegenden Probleme anzuerkennen, die dem Wirken in und für Europa heute entgegenstehen. Die römischen Weltsynoden über die Familie haben Meinungsdifferenzen zwischen der Kirche in Ost und West hervortreten lassen. Die Migration aus anderen Weltgegenden und die Möglichkeiten, mit Muslimen friedlich zusammenzuleben, wird unter den Christen im östlichen Teil des Kontinents insgesamt sehr viel skeptischer eingeschätzt als im Westen. Und die Idee einer unaufgebbaren Eigenständigkeit der eigenen kulturell mehr oder weniger homogenen Nation prägt in den mittelöstlichen Ländern auch in den Kirchen dort ein Europabild aus, das uns im Westen nicht geläufig ist. Diese Gegenüberstellungen sind natürlich holzschnittartig, die Wirklichkeit ist viel komplexer. Aber bei aller gebotenen Differenzierung bleibt doch der Eindruck unterschiedlicher kultureller und kulturell-theologischer „Mentalitäten“.

Für die Kirche in Deutschland, speziell auch für die Deutsche Bischofskonferenz ist dies Grund genug, die Dialoganstrengungen der zurückliegenden Jahre zu verstärken und auf die heutigen Fragen und Problemlagen besser auszurichten. Die Bischofskonferenz hat deshalb am 21. Februar 2018 einen ganztägigen Studientag durchgeführt, zu dem Wissenschaftler aus Polen, Tschechien und Ungarn eingeladen waren. Hier ging es nicht darum, den Dialog zwischen den Kirchen in Ost und West zu führen. Wir Bischöfe wollten lernen und uns kundig machen, um die Situationen in den einzelnen Ländern, deren Geschichte und kulturelle Tiefenstrukturen besser zu begreifen. In einem nächsten Schritt soll das zwischenkirchliche Gespräch informierter und intensiver geführt werden. Uns Bischöfen ist bei diesem Studientag deutlich geworden: Für westliche Besserwisserei und Schulmeisterei gibt es keine Berechtigung. Der Dialog, den wir mit den Partnern im Osten weiterführen und intensivieren wollen, kann gelingen, wenn wir alle uns als Lehrende und Lernende zugleich verstehen; er wird dann fehlschlagen, wenn wir eine Uniformität des Denkens anstreben. Auch Kirche ist Einheit in der Vielfalt. Vor allem Bemühen, mit der Kraft der eigenen Argumente zu überzeugen, muss die Bereitschaft vorhanden sein, den Anderen wirklich zu verstehen. Nicht ein gewisser Meinungspluralismus in der Kirche Europas ist das Problem. Wohl aber geriete die Kirche in schwieriges Fahrwasser, wenn sich Sprachlosigkeit, Desinteresse oder gar Arroganz breit machen würden.

Man spricht heute vielfach vom „Dialog auf Augenhöhe“. Diesem Typus des Gesprächs wissen sich die deutschen Bischöfe verpflichtet, wenn sie in den kommenden Monaten und Jahren ihre neue Dialoginitiative in die Tat umsetzen. Vielfältige persönliche Begegnungen gehören ebenso dazu wie thematisch konzentrierte Veranstaltungen, in denen auch die Reibungspunkte zwischen Ost und West diskutiert werden. Formate, die dem Austausch der Bischöfe dienen, stehen neben anderen, in denen Wissenschaft und engagierte Laien eine besondere Rolle spielen werden. Die unterschiedlichen Wirklichkeiten, unter denen die Kirche lebt, die geistlichen Erfahrungen und die prägende Geschichte – all dies soll zur Sprache kommen. Als Kirche in Europa wollen wir unsere Einheit in der Vielfalt neu erleben, um als kirchliche Communio die gemeinsame europäische Zivilisation mitgestalten zu können. Dabei muss uns bewusst sein, dass die Kirche Jesu Christi der Verkündigung und Verbreitung des Reiches Gottes verpflichtet ist, das in Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist (vgl. Röm 14,17) für alle Menschen weltweit besteht.

Erzbischof Dr. Ludwig Schick