„Samstage für Nachbarschaft“ setzt Zeichen für Grenzöffnung

Bürger aus Tschechien, Deutschland, Österreich und Polen haben sich unter dem Motto „Samstage für Nachbarschaft“ zusammengetan, um ein Ende der Grenzschließungen zu fordern. An 14 Orten entlang der tschechischen Grenze zu Bayern, Sachsen, Österreich und Polen kamen an diesem Samstag (16. Mai) hunderte Menschen zusammen, um ein Zeichen für ein Miteinander in der Mitte Europas zu setzen. Zum „Bayerisch-Böhmischen Nachbarschafts- und Freundschaftstreffen“ auf dem Osser/Ostrý im Bayerischen Wald/Böhmerwald-Šumava hatte die Ackermann-Gemeinde im Bistum Regensburg eingeladen. 50 Personen aus Deutschland und Tschechien folgten dem Aufruf und kamen unter Wahrung der Hygieneauflagen am Grenzstein auf dem Gipfel zusammen.

Treffen am Grenzstein auf dem Osser (v.l.): Mikuláš Zvanovec (Geschäftsführer der Bernard-Bolzano-Gesellschaft), Marcus Reinert (Initiator, AG Regensburg), Tobias Gotthardt MdL (Vorsitzender des Europaausschusses des Bayerischen Landtages), Bürgermeister Martin Panten (stellvertretender AG-Bundesvorsitzender), Florian Würsch (Initiator, AG Regensburg), Matthias Dörr (AG-Bundesgeschäftsführer).

Leiteten die deutsch-tschechische Versammlung auf dem Osser und stellten den „Aufruf für freie Nachbarschaft“ vor (v.l.): Christoph Mauerer (AG-Bundesvorstandsmitglied) sowie Marcus Reinert und Florian Würsch (beide aus dem Diözesanvorstand der AG Regensburg).

Deutsche und Tschechen fordern an der deutsch-tschechischen Grenze auf dem Osser ein Europa der offenen Grenzen.

Dialog mit dem notwendigen Abstand: Der Abgeordnete Toias Gotthardt MdL (v.l.) im Gespräch mit dem dem stellvertretenden AG-Bundesvorsitzenden Martin Panten und dem Inititator des Treffens Marcus Reinert von der AG Regensburg.

„Dominosteine“ mit Germanismen in der tschechischen Sprache schlängeln sich um den Grenzstein

Die offiziell angemeldete Versammlung wurde von der Polizei begleitet.

Marcus Reinert (l.) und Florian Würsch von der AG Regensburg.

Die deutsch-tschechische Grenz auf dem Osser.

Der Osser ist sagenumwoben.

 

Als eine gute Fügung sieht Christoph Mauerer, Bundesvorstandsmitglied der Ackermann-Gemeinde und einer der Organisatoren der internationalen Bürgerintiative, dass dieses Nachbarschaftstreffen auf den Festtag des Heiligen Johannes von Nepomuk fiel. „Der Brückenheilige verbindet Mitteleuropa. In Zeiten von geschlossenen Grenzen erinnert er uns daran, die Verbindungen aufrecht zu halten“. Marcus Reinert und Florian Würsch, aus dem Vorstand der Ackermann-Gemeinde Regensburg, hatten die Versammlung auf dem Osser offiziell angemeldet. Vom Landratsamt Cham wurde die Veranstaltung behördlich genehmigt. So oblag ihnen auch die Aufgabe, zu Beginn auf die Auflagen und die Einhaltung der Abstandsregeln hinzuweisen. „Doch trotz dieser Einschränkungen war bei dieser Begegnung an der Grenze viel an deutsch-tschechischer Verbundenheit und Herzlichkeit zu spüren“, zeigt sich Reinert erfreut. Gerne habe sich die Ackermann-Gemeinde Regensburg den „Samstagen für Nachbarschaft“ angeschlossen, berichtet Reinert, der den Anwesenden auch herzliche Grüße des Diözesanvorsitzenden Karl-Ludwig Ritzke überbrachte.

Reinert stellte in seiner Rede auch den von einer tschechisch-deutschen Arbeitsgruppe gemeinsam verfassten „Aufruf für freie Nachbarschaft“ (s.u.) vor. Unter den Versammelen auf dem Osser war auch Tobias Gotthardt, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler und Vorsitzender des Europaausschusses des Bayerischen Landtages. Er unterstütze die im Aufruf vorgetragenen Anliegen politisch. „Geschlossene Grenzen sind auf Dauer Gift für unsere europäische Idee“, so der Ausschussvorsitzende. Gerade der „gemeinsame Wirtschafts- und Lebensraum zwischen Tschechien, Österreich und Bayern basiert auf Grenzenlosigkeit“, so Gotthardt. Auch Martin Panten, stellvertretender Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde und Bürgermeister in Parkstetten, sowie Mikuláš Zvánovec, Geschäftsführer der Bernard-Bolzano-Gesellschaft in Prag, erklommen den Osser, um bei dem Nachbarschaftsfest dabei zu sein. Aus dem westböhmischen Klattau/Klatovy kam vom in Hammern/Hamry beginnenden Wanderweg Nikola Novák, Leiter des kirchlichen karitativen Verbandes Adra in der Region Pilsen/Plzeň. Die Organisation koordiniert seit Beginn der Corona-Epidemie die Arbeit von unzähligen Freiwilligen, die unter anderm Mundschutz-Masken nähen und verteilen. Novák, der demonstrativ in einem Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erschien, betonte, dass die Bekämpfung von Corona und offene Staatsgrenzen keinen Widerspruch darstellen.

Kateřina Karl Brejchová, vom Reiseanbieter „Begegnung mit Böhmen“ lud die Anwesenden auf dem Gipfel zu einem deutsch-tschechischen Sprachanimations-Spiel ein. „Dominosteine“ mit Germanismen in der tschechischen Sprache wurden mit den entsprechenden deutschen Begriffe zusammengelegt. Eine rund zehn Meter lange Reihe, die sich um den Grenzstein schlängelte, entstand dabei. Mit Blick auf die sprachlichen Verbindungen stellt Karl Brejchová ermutigend fest: „Uns Tschechen und Deutsche verbindet so viel. Da können uns zwei Monate geschlossene Grenzen nicht auseinanderbringen.“ Gemeinsam mit Christoph Mauerer aus der benachbarten Grenzgemeinde Neukirchen b. Hl. Blut, der aktuell in Prag lebt und sich somit von der böhmischen Seite aus zur geschlossenen Grenze aufmachte, schnürte auch das junge Ehepaar Barbora und Štěpán Špád aus Klattau die Wanderstiefel; mit der Ackermann-Gemeinde Regensburg sind sie schon längerem in Kontakt. Mauerer trug ein Grußwort des mittlerweile 80-jährigen Neukirchner Altbürgermeisters Egid Hofmann vor, der in seiner Funktion als Vize-Landrat am 15. August 1990 gemeinsam mit dem Klattauer Landrat Ivan Bečvář den Wandergrenzübergang auf dem Osser-Gipfel (1293m) wiedereröffnete. Barbora Špádová übersetzte das Grußwort ins Tschechische. Bevor sich die Versammlung offiziell auflöste, trug der Literat Arthur Schnabl noch einen Text des deutschböhmischen Böhmerwalddichters Hans Watzlik aus dessen Werk „Im Ring des Ossers“ vor.

Die grenzüberschreitende Initiative „Samstage für Nachbarschaft“ entstand zunächst durch Treffen an der sächsisch-böhmischen Grenze und nahm mittels einer Facebook-Gruppe, mit bereit über 1200 Mitglieder, mittlerweile wahrhaft mitteleuropäische Ausmaße an. „Ohne die Pandemie herunterspielen und die damit verbundenen Maßnahmen in Zweifel ziehen zu wollen, möchten wir auf die schwierigen und unwürdigen Lebenssituationen aufmerksam machen, die die Grenzschließungen mit sich bringen und Zehntausende bis Hunderttausende von Bewohnern in der Grenzregion betreffen", erklärt Jan Kvapil, Germanist an der Jan-Evangelista-Purkyně-Universität in Aussig an der Elbe/Ústí nad Labem und einer der informellen Sprecher der Initiative, das Anliegen. Bereits vor zwei Wochen gab es erste Treffen mit Picknick an der tschechischen Grenze zu Sachsen. Damals waren es über 100 Personen an sechs verschiedenen Orten entlang der Grenze. An diesem Samstag nun haben sich die Treffen ausgeweitet und fanden entlang der gesamten deutsch-tschechischen Grenze statt. Auch je ein Ort an der polnisch-tschechischen und der österreichisch-mährischen Grenze waren dabei. „Wir glauben, dass in einer Zeit, in der überall in Mitteleuropa eine ähnliche epidemiologische Situation herrscht und in allen Ländern nahezu gleiche Schutzmaßnahmen ergriffen wurden, die Schließung der Grenzen zu den Nachbarn keinen Sinn ergibt und nur zu einer unnötigen Trennung von Familien und Freunden führt,“ erläutert Initiator Kvapil weiter die Motovation für sein Engagement. Darüber hinaus sind die Organisatoren besorgt über die negativen Auswirkungen dieser Isolation nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im sozialen und kulturellen Bereich. „Auf beiden Seiten der Grenze machen wir uns Sorgen, dass die geschlossene Grenze uns wieder viele Jahre zurückwirft und wir uns, wie schon vor nicht allzu langer Zeit, sozusagen am Ende der Welt befinden“, so Mitorganisator Christoph Mauerer, der dem Bundesvorstand der Ackermann-Gemeinde angehört und derzeit in Prag lebt.

Reinert, Würsch, Mauerer und die Eheleute Špád wollen nicht locker lassen und sich mit der Regensburger Ackermann-Gemeinde auch weiterhin an der Initiative „Samstage für Nachbarschaft“ beteiligen – mindestens bis die deutsch-tschechische Grenze wieder geöffnet ist. Alle zwei Wochen sind weitere Nachbarschaftstreffen an der Grenzlinie geplant, das nächste Mal also am Samstag, den 30. Mai. Ein passender Ort im Landkreis Cham wird, in Absprache mit den örtlichen Bürgermeistern auf beiden Seiten der Grenze, aktuell gesucht. Am 27. Mai werden auf Facebook und in einer Pressemitteilung der Ort dieses Nachbarschaftstreffen und weiterer Grenztreffen bekanntgegeben, die am Samstag, den 30. Mai wieder nachmittags um 14 Uhr stattfinden werden.

ag

 

 

AUFRUF FÜR FREIE NACHBARSCHAFT

 

Präambel

Grenze ist nur ein Wort.

Wir, die Menschen, die auf den beiden Seiten der imaginären Grenze leben, Nachbarn, Freunde und Verwandte von beiden Seiten, wissen, dass die Grenze nur ein Wort ist. Wir leben in einem Raum, in einer Landschaft, wir haben den gleichen Himmel, die gleichen Wälder, Wiesen und Wege gemeinsam. Wir haben alles, was in der Landschaft an der Grenze lebt, gemeinsam. Wir teilen uns auch unsere Städte und Dörfer, Geschäfte, Handwerksbetriebe, Wirtshäuser oder Kneipen und zusammen mit ihnen auch unser Leben. Wir helfen uns bei Unglücksfällen – wir „leihen“ uns gegenseitig die Feuerwehr, den Rettungsdienst und die Polizisten aus. Wir treffen uns so, wie sich auch die Bürger aus verschiedenen Stadtvierteln von Großstädten treffen, wie z. B. in Prag, Wien oder Warschau.

Die Pandemie und die mit ihr verbunden Maßnahmen waren für eine gewisse Zeit unausweichlich.

Sind sie aber auch heute unausweichlich?

Eine Tochter aus Gmünd darf sich nicht von ihrer sterbenden Mutter in Třeboň zu verabschieden. Eine Großmutter aus einer Grenzgemeinde im Bayerischen Wald kann ihre fertige neue Brille in Nýrsko im Böhmerwald nicht abholen. Eine Dame aus dem polnischen Kamieńczyk kann nicht zu ihrer tschechischen Ärztin nach Králíky. Ein Großvater aus der Region Ústí nad Labem wurde in würdeloser Art und Weise beim „Schmuggeln“ seiner eigenen Enkelkinder über die grüne Grenze aus Sachsen erwischt, weil er ihre kranke Mutter entlasten wollte. Ein Vater einer vierköpfigen Familie aus der Region Pilsen kann schon mehrere Monate lang sein repariertes Motorrad aus dem oberpfälzischen Cham nicht abholen, auf dem er tagtäglich zur Arbeit fährt. Ein Rentner aus Sachsen wartet vergeblich auf seinen Pfleger aus Böhmen. Und solche Geschichten hören wir nun jede Menge. Eltern sind getrennt von ihren Kindern, Großeltern von ihren Enkeln, Freunde von Freunden, Kleinunternehmer von ihren Kunden.

Und WIR, die Menschen aus den Grenzregionen, fragen uns WARUM?!

Angesichts der Tatsache, dass in allen mitteleuropäischen Ländern eine ähnliche epidemiologische Situation herrscht, dass die in diesem Zusammenhang getroffenen Maßnahmen auf beiden Seiten der Grenzen nahezu gleich sind und der kleine Grenzverkehr nur einen minimalen Einfluss auf die Verbreitung des Virus hat, sehen wir in einer weiteren Abschottung, die Nachbarn, Freunde, Familien sowie Kolleginnen und Kollegen voneinander trennt, keinen Sinn.

Wir machen uns Sorgen, dass in den nächsten Monaten und Jahren irgendeine Art von “Eisernem Vorhang 2.0” entstehen könnte und wir machen uns Sorgen um das Schicksal der ganzen Europäischen Union als gemeinsamen Kultur- und Lebensraum.

WAS WOLLEN WIR?

- Wir wollen in der Mitte Europas leben und nicht am Rand. Wir wollen, dass die Grenzgebiete nicht erneut an den Rand gedrängt werden, mit den daraus folgenden sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Lassen wir dies nicht zu, besonders jetzt, wenn wir eine weltweite Wirtschaftskrise erwarten!

- Wir wollen ein Europa mit einem Arbeitsmarkt und einem Wirtschaftsraum.

- Wir wollen, das Europa nicht nur ein Europa der Großkonzerne ohne jedwede Beschränkungen ist. Wir wollen, dass Europa auch den kleinen Gewerbetreibenden im Grenzland dient, die nun vergeblich auf Kunden aus dem Nachbarland warten.

- Wir wollen einen europäischen Lebens- und Kulturraum, in dem wir ohne Hindernisse spazieren gehen, wandern und Verwandte und Freunde besuchen können.

- Wir wollen, dass Europa ein familienfreundlicher Raum bleibt, denn die Familie ist gerade in der jetzigen Krise die grundlegende Einheit der Gesellschaft. Wir wollen keine getrennten Familien in einem getrennten Europa.

- Wir wollen, dass Europa mittels der Europäischen Union enger zusammenarbeitet und bei der Bekämpfung von Gefahren, wie es z.B. die inzwischen auf dessen gesamten Gebiet verbreitete Erkrankung COVID-19 ist, einheitlich vorgeht.

- Wir wollen ohne Grenzen leben.

UND DESHALB FORDERN WIR

die politischen Mandatsträger aller Länder und Regionen zur Inangriffnahme von Schritten zur möglichst baldigen

ÖFFNUNG DER GRENZEN

für alle Bürger auf,

UND GLEICHZEITIG RUFEN WIR

alle Familien, Nachbarn und Freunde auf beiden Seiten der Grenze auf: Zeigen wir, dass Grenze nur ein Wort ist; dass die imaginären Barrieren zwischen den Menschen und Ländern nur noch ein veraltetes und nicht funktionsfähiges Konzept und überhaupt eine historische Angelegenheit des 20. Jahrhunderts sind.

Treffen wir uns, helfen wir uns, unterhalten wir uns und vor allem

LEBEN WIR MITEINANDER!

 

Grenzen – ich habe sie niemals gesehen. Aber ich weiß, dass sie in den Köpfen vieler Menschen existieren.

Thor Heyerdahl, norwegischer Forscher und Seefahrer, 1914–2002

 

Unterzeichnete:

Ewa Grochowska, Wilkanów (PL)

Lars Helbig, Olbernhau (DE)

Petra Morvayová, Ústí nad Labem (CZ)

Stephan Messner, Berggießhübel (DE)

Kateřina Kozáková, Mimoň (CZ)

Jitka Köcher, Dresden (DE)

Ferdinand Hauser, Wien (AT)

Christoph Mauerer, Neukirchen b. Hl. Blut (DE)

Sven Schultz, Bahretal (DE)

Jana Szittyayová, Mimoň (CZ)

Veronika Křížková, Schönsee (DE)

Jan Kvapil, Ústí nad Labem (CZ)

Sára Špeciánová, Vilshofen an der Donau (DE)

Jiří Kacetl, Znojmo (CZ)

Agnieszka Kalińska, Nowy Gierałtów (PL)

Marcus Reinert, Passau (DE)

Jana Bohuňková, Děčín (CZ)

Karl Reitmeier, Waldmünchen (DE)

Veronika Kupková, Kadaň (CZ)

Markus Körner, Dresden (DE)

Jana Valdrová, Völs (AT)

Tereza Silbernaglová, Hradec Králové (CZ)

Steffen Träger, Olbernhau (DE)

Martin Kolář, Ústí nad Labem (CZ)

Helena Schiek, Nejdek (CZ)

Jitka Pollakis, Dresden (DE)

Ondřej Liška, Wien (AT)

Christian Knopf, Deggendorf (DE)

Miloslav Man, Passau (DE)