Ringen um Erinnerung

Dozent Dr. Jaroslav Šebek ist überzeugt: "In der Vergangenheitsdebatte in Tschechien spiegeln sich die Probleme der Gegenwart." In seinem Beitrag "Zur Diskussion" für die Ausgabe 3-2020 der Zeitschrift "Der Ackermann", die Ende September erscheint, blickt der Historiker an der tschechischen Akademie der Wissenschaften auf das "Ringen um Erinnerung" in seinem Land.

 

Der Altstädter Ring in Prag mit dem Hus-Denkmal und der neu errichteten Mariensäule. (Foto: Veronika Kupková)

Pro und contra Denkmäler

Während an vielen Orten Europas und hinter dem Ozean Denkmäler abgerissen werden, wird in Prag damit begonnen, sie aufzubauen. In den politisch turbulenten Zeiten Böhmens, Mährens und Mährisch-Schlesiens wurden Denkmäler nach 1918 zu Ersatzsymbolen, so dass viele von ihnen mehrmals entfernt wurden, um später an ihre ursprünglichen Orte zurückzukehren.

Derzeit wird beispielsweise über die Rückkehr des Denkmals von Marschall Radetzky auf dem Kleinseiter Ring in Prag und die Errichtung eines Denkmals für Maria Theresia im 6. Stadtteil Prags gesprochen. Bei beiden ist die Debatte jedoch nicht intensiv, obwohl es auch kritische Stimmen gibt, die auf die negativen Konnotationen der Wahrnehmung der Habsburgermonarchie hinweisen.

Kritiker ärgern sich auch darüber, dass im Gegensatz zu westeuropäischen Städten, in denen über weitere Grünflächen oder über die Reduzierung des Autoverkehrs diskutiert wird, in Prag jetzt hauptsächlich über Steinartefakte gesprochen wird.

Die Mariensäule in Prag

Ein großes Echo hinterließ in der öffentlichen Debatte die diesjährige Wiedererrichtung der Mariensäule auf dem Prager Altstädter Ring, die nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik am 3. November 1918 abgerissen worden war. Die aktuelle Diskussion entstand jedoch nicht hauptsächlich aus dem Grund einer Reflexion der habsburgischen Phase unserer Geschichte, obwohl die Entstehung der Säule mit der Rekatholisierung und auch mit dem Gedenktag der Niederlage der Stände am Weißen Berg im Jahre 1620 verbunden war.

Vielmehr haben sich in der Diskussion die aktuellen Einstellungen zur Kirche widergespiegelt. Die Wiedererrichtung der Säule wurde in den katholischen Kirchenkreisen als Akt der Versöhnung interpretiert. Bisher sieht es aber leider nicht so aus, dass ein solcher Effekt erreicht wurde. Zwar verstehen viele Menschen das Bemühen, die Säule wieder in das Zentrum der Prager Altstadt zu bringen, aufrichtig als ein Symbol der Wertschätzung für die Jungfrau Maria. Unter den Flügeln der Anhänger der Wiedererrichtung der Säule versammelten sich jedoch auch Vertreter jener politischen Kräfte, die dies als Gelegenheit sehen, sich bemerkbar zu machen und ihre populistischen Weltanschauungen und Meinungen gegen den Islam und gegen Flüchtlinge sowie den Widerstand gegen liberale Tendenzen in Gesellschaft und Kirche zu äußern. Die Bedeutung der Wiedererrichtung zu beurteilen wird erst mit Abstand möglich sein, wenn der oberflächliche „Schaum der Tage“, der dieses Ereignis begleitet, nachgelassen hat.

Diskurse über die Zeit der „Normalisierung“

Die Bemühungen einiger Historiker, die kommunistische Ära neu zu beleuchten, insbesondere im Zusammenhang mit der sogenannten Normalisierung (der Zeit der tschechoslowakischen Geschichte von 1969 bis 1989), sorgten ebenfalls für großes Aufsehen. Michal Pullmann, der Dekan der Philosophischen Fakultät in Prag, erklärte auf der Grundlage neuer methodologischer Anregungen, dass in der Tschechoslowakei nach der Besetzung durch sowjetische Truppen im August 1968 eine Form des Konsenses herrschte, zu dem die Zustimmung der Mehrheit noch mehr oder weniger freiwillig erfolgt sei.

Seine Ansichten sind bei weitem nicht neu. Er hat sie vor fast zehn Jahren in seinem Buch „Konec experimentu“ [Das Ende des Experiments] vorgestellt, aber erst jetzt, als er bei Auftritten in den Medien in einem ähnlichen Geist gesprochen hat, ist ein stark polarisierender Konflikt ausgebrochen.

Eine Gruppe plädierte leidenschaftlich, Pullmanns Äußerungen seien ein revisionistischer Versuch, die Grundlagen des Post-November-Systems zu untergraben. Eine andere Gruppe wiederum widersprach einem Diskurs, der auf Repressionen des Regimes Bezug nahm, da doch viele Bürger dieses nur zu ihrem Vorteil genutzt hätten.

Zu Pullmanns These sollte hinzugefügt werden, dass der Normalisierungskonsens von der Besatzungsarmee erzwungen wurde, die alle Versuche zur Demokratisierung des sozialistischen Establishments in der Tschechoslowakei erstickte. Die Bürger zogen sich gleichzeitig in die Privatsphäre zurück und die Lehre vom August 1968 war, dass öffentliches Engagement schadet und sie ihre Zeit lieber der Versorgung der Familie und ihren Hobbys widmen sollten. Die einzigen Ausnahmen bildeten einige Dissidenten, die das Regime in einem gut isolierten Ghetto zu halten versuchte.

Einige charakteristische Merkmale der Normalisierungszeit, wie Konformität, eine pragmatische Sicht auf Werte und die Tendenz zu einer materiellen Vision der Welt, blieben tief in der tschechischen Gesellschaft verwurzelt und wurden in die demokratischen Bedingungen übertragen. Ich selbst habe einen grundsätzlichen, professionellen Einwand gegen Pullmanns Interpretation der Normalisierungsära, die meiner Meinung nach seine Konstruktion einer Harmonie zwischen Bürgern und Macht stört. Noch Ende der 1980er Jahren war das Regime, wie in der gesamten Zeit der Normalisierung, in Fragen der kirchlichen Politik äußerst unnachgiebig. Jedes aktive geistliche Wirken wurden als „Klerikalismus“ bezeichnet. Auch die Bemühungen christlicher Organisationen aus dem Westen der verfolgten Kirche zu helfen, einschließlich der Ackermann-Gemeinde, wurden oft vereitelt.

Gegenwart und Zukunft des Diskutierens ‒ und des Erinnerns

Ich muss zugegeben, dass viele Tschechen die Diskussionen über historische Kontexte nicht interessiert und sie sich lieber mit anderen Problemen beschäftigen. Ich vermute jedoch, dass das jetzige „Ringen um Erinnerung“ auch allgemeinere Zusammenhänge in sich trägt.

Die Art und Weise, wie öffentliche Diskussionen nicht nur über historische Themen, sondern auch über alle anderen Themen geführt werden, ist schärfer geworden und die Hassreden, die noch vor ein paar Jahren vereinzelte Exzesse oder ein Teil eines sehr extremistischen politischen Spektrums waren, sowie das „labeling“ von Diskutierenden, sind oft zu einem normalen Bestandteil der Diskussionen geworden. Dies macht eine solide Debatte schwierig.

Darüber hinaus werden wichtige Themen, wie der Klimawandel, die Beziehungen zwischen den Generationen, die Medienkompetenz und die Inklusion in den Schulen nicht viel diskutiert. Leider tragen auch viele Vertreter der Kirche bei bestimmten Themen, insbesondere über allgemeine kulturelle Themen („Gender-Ideologie“ etc.), zu einer oberflächlichen Debatte bei. Über die Herausforderungen der gegenwärtigen Pandemie für Christen wird dagegen nicht ernsthaft gesprochen.

Obwohl die Debatte derzeit nicht gut gelingt, bin ich der festen Überzeugung, dass nur ein offener Dialog über die problematischen Punkte unserer nationalen Vergangenheit sowie über die drängenden Probleme der Gegenwart der Ausgangspunkt für Selbstreflexion und eine spätere Suche nach einem Ausweg aus der heutigen Krise sein kann.

 

Dozent Dr. Jaroslav Šebek
Historiker an der tschechischen Akademie der Wissenschaften